Der Fachkräftemangel von morgen

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Der ungebrochene Ansturm auf die Hochschulen gefährdet zunehmend die betriebliche Fachkräftesicherung. Um wieder mehr junge Leute für die Berufliche Bildung zu gewinnen, sind bessere Informationen über Einkommens- und Karriereperspektiven beruflich Qualifizierter und eine breitere Berufsorientierung nötig.

Im vergangenen Jahr haben rund 100.000 Jugendliche weniger die Schule verlassen als noch zu Beginn des Jahrtausends. Zugleich ist der Anteil der studienberechtigten Schulabgänger deutlich gestiegen. Der Trend zum Studium und die demografiebedingt sinkende Zahl an Schulabgängern werden für die Fachkräftesicherung der Betriebe zum Problem: Wenn heute rund 150.000 junge Leute mehr als vor zehn Jahren ein Studium beginnen und zugleich die Zahl der Lehrstellenbewerber um mehr als 180.000 zurückgeht, dann ist klar, dass vielen Betrieben die Azubis ausgehen und immer mehr Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.

Missverhältnis macht sich bemerkbar

Aktuelle Prognosen zur Fachkräfteentwicklung zeigen übereinstimmend, dass zukünftig am Arbeitsmarkt insbesondere beruflich Qualifizierte fehlen werden. Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge mangelt es bis zum Jahr 2020 in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) an bis zu 1,3 Millionen Facharbeitern – aber nur an rund 67.000 Akademikern. Auch branchenübergreifend lässt sich beobachten: Diejenigen Unternehmen, die offene Stellen nicht besetzen können, suchen in erster Linie erfolglos Fachkräfte mit dualer Berufsausbildung. Dies belegt auch eine aktuelle Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA). Zwar erstrecken sich die darin identifizierten Fachkräfteengpässe grundsätzlich über alle Qualifikationsebenen – der Schwerpunkt liegt jedoch auf Berufen, die eine Ausbildung voraussetzen: Von den insgesamt 175 sogenannten Engpass-Berufen erfordern 102 eine abgeschlossene Berufsausbildung, 43 einen Fortbildungsabschluss und 30 einen akademischen Titel. Diese Zahlen belegen eindrücklich: Der Azubimangel von heute ist der Fachkräftemangel von morgen.

Auf dem Arbeitsmarkt macht sich das Missverhältnis von Akademikern und beruflich Qualifizierten mittlerweile nicht nur für die Betriebe, sondern auch für die Absolventen selbst bemerkbar – und führt beispielsweise dazu, dass rund ein Drittel der universitären Bachelor-Absolventen unterhalb seiner formalen Qualifikation beschäftigt ist. In dieser Entwicklung spiegelt sich auch wieder, dass das Hochschulsystem im Unterschied zur Beruflichen Bildung keine direkte Rückbindung an den Fachkräftebedarf der Betriebe kennt – der Fachkräftenachwuchs in wichtigen Wirtschaftsbereichen fehlt somit oder muss durch betriebliche Nachqualifizierung gesichert werden.

Geringe Team- und Konfliktfähigkeit

Diese Beobachtung wird auch von unserer aktuellen Hochschulumfrage gestützt: Nur jeder sechste Betrieb stimmt der Aussage zu, dass Bachelor-Absolventen gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind, und weniger als die Hälfte der Unternehmen beschreibt ihre Erwartungen an Bachelor-Absolventen als uneingeschränkt erfüllt. Hauptkritikpunkte sind eine zu geringe Anwendungsorientierung der Studieninhalte sowie mangelhaft ausgeprägte Schlüsselkompetenzen, wie zum Beispiel Team- und Konfliktfähigkeit oder selbständiges Arbeiten. Diese fordern insbesondere kleinere Betriebe – denn sie sind oft nicht in der Lage, neue Mitarbeiter entsprechend nachzuqualifizieren.

Insgesamt zeigt sich, dass die Bologna-Reform mit Blick auf die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen bisher noch nicht ausreichend umgesetzt wurde. Dies ist ein klares Signal an die Hochschulen: Sie sind dringend aufgefordert, Inhalt und Philosophie ihrer Bachelor-Studiengänge mit Blick auf den Übergang ins Arbeitsleben zu überprüfen. Mehr Praxisnähe und Orientierung am Bedarf des Arbeitsmarktes sind dabei das A und O.

Gleichzeitig gilt es, auch in Zukunft einen ausgewogenen Fachkräftemix sicherzustellen – und das heißt, dass wir wieder mehr junge Menschen für die Berufliche Bildung gewinnen müssen. Und das möglichst nicht erst, wenn sie nach einigen Semestern feststellen, dass ein Studium doch nicht der richtige Weg für sie ist. Dazu müssen wir auch mit Vorurteilen aufräumen und die Stärken der Beruflichen Bildung noch deutlicher unterstreichen: Viele gängige Annahmen, wonach ein akademischer Abschluss in jeder Hinsicht lohnenswerter ist als ein beruflicher, beruhen auf pauschalen Vergleichen und einer Orientierung an fragwürdigen Durchschnittswerten. Bei der individuellen Entscheidung zwischen akademischem oder beruflichem Qualifizierungsweg kann die Orientierung an einem groben Mittelwert aber leicht zur Falle werden. Denn es ist keinesfalls so, dass Akademiker per se mehr Geld verdienen und seltener arbeitslos sind. Im Gegenteil: Bereits nach der Erstausbildung eröffnen sich attraktive berufliche Perspektiven und weitere Qualifizierungsmöglichkeiten. Insbesondere Absolventen der höheren Berufsbildung brauchen hinsichtlich Verantwortung, Perspektiven und Einkommen den Vergleich mit Akademikern nicht zu scheuen und haben beste Chancen auf ein erfülltes Erwerbsleben.

Mehr Leistungsstarke begeistern

Das gilt schon heute, wird sich aber angesichts der wachsenden Fachkräftelücke bei beruflich Qualifizierten eher verstärken. Zugleich ist es wichtig, für ein besseres und objektiveres Bild der Beruflichen Bildung in der Gesellschaft zu werben – und vor allem noch mehr Leistungsstarke für den Einstieg in eine berufliche Karriere zu begeistern. Deshalb müssen Schulen – insbesondere Gymnasien – gleichermaßen über berufliche wie akademische Bildungswege informieren. Die Aufgabe von Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften ist es zudem, junge Menschen, Eltern und Lehrer immer wieder darauf hinzuweisen, dass sich eine Berufliche Bildung lohnt. Denn gerade eine gute Balance von Akademikern und Facharbeitern macht letztlich unsere wirtschaftliche Stärke und Innovationskraft aus.