Der Jammerspirale auf der Spur

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Was passiert, wenn Menschen in Unternehmen miteinander arbeiten? Um das herauszufinden hat Simone Kauffeld einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Sie geht direkt hinein in die Meetings. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei ist eine Videokamera. Ein Porträt

Die Tage werden ihr wohl gerade sehr kurz erscheinen. Zu kurz, um alle Projekte in den Stunden zu bewältigen, die zwischen Sonnenaufgang und -untergang liegen. An diesem Septembermorgen beispielsweise kommt Simone Kauffeld gerade von einem Besichtigungstermin. Nicht für ein neues Büro – ihre Fakultät sitzt in einer schönen alten Villa im Herzen von Braunschweig, unweit des Theaterparks, durch den sich die Oker schlängelt. Es geht um ein Projekt bezüglich der Qualitätsoffensive für gute Lehre des Bundes, das sie leitet. Hierfür braucht sie flexible Räume, in denen innovative Lehrkonzepte umgesetzt werden können. Die Universität hat solche Räumlichkeiten in Planung, aber bis sie fertig sind, müssen externe Alternativen gesucht werden – so wie eben an diesem Morgen. Seit 2012 ist Simone Kauffeld nebenamtlich Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Weiterbildung. Die Beiträge der TU Braunschweig zur Qualitätsoffensive sind auch ihre Projekte.

Sie tut dies gerne, doch ist es auch ein Fulltime-Job, und nicht einmal ihr einziger. Die 45-Jährige leitet eigentlich den Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie an der TU Braunschweig. Seit 2007 ist sie hier Professorin, hält Vorlesungen, arbeitet mit Doktoranden. Gehetzt wirkt die Mutter zweier Kinder im Gespräch nicht, eher ungeduldig: Sie will wieder in ihre Forschung eintauchen. Doch dabei nur an Umfragezettel und Modellgruppen zu denken, wäre ein Irrtum. „Ich muss ins Feld gehen und ein Gespür dafür bekommen, was ich eigentlich erforsche“, sagt sie. „Es ist für mich etwas völlig anderes, ob ich Studierenden im Labor sage, sie sollen sich mal vorstellen, sie seien eine Führungskraft oder ob ich tatsächlich Manager beobachte, die real agieren.“

Auf vier Bereiche konzentriert sich Simone Kauffelds Forschung, die sie gerne miteinander verknüpft: Teamanalyse und Teamentwicklung, Kompetenzdiagnose, Coaching und Beratung und schließlich Führung. Was passiert, wenn Menschen in Unternehmen miteinander agieren, welche Dynamiken entwickeln sich und wie lassen sich diese Erkenntnisse für Verbesserungen einsetzen?

Analyse von Meetings

Gegenstand ihrer Untersuchungen sind oft Meetings in Unternehmen. Situationen, wie sie in den meisten Firmen quer durch alle Hierarchieebenen vorkommen. Um möglichst tief und standardisiert analysieren zu können, geht Simone Kauffeld mit ihrem Team direkt in die Situation. Nicht persönlich, sondern via Videoaufzeichnung. So lässt sich dann mittels Software jede einzelne Äußerung in Sinneinheiten zerlegen und von einem geschulten Auswerter codieren.

„Anfangs ist es oft schwierig, die Unternehmen dafür zu gewinnen, sich darauf einzulassen“, sagt Simone Kauffeld. Gelöst hat sie die Vorbehalte dann meist, indem sie auf Basis der gewonnen Erkenntnisse wieder in die Unternehmen hineingegangen ist und mit den Mitarbeitern gearbeitet hat. Mittlerweile sind darauf aufbauend ganze Team-Coaching-Prozesse entstanden.

„Meine größte Sorge war allerdings, dass ich vor meiner Kamera nur Schauspieler sitzen habe“, erzählt sie. Aber die Befürchtung hatte sich schon nach der ersten Aufzeichnung aufgelöst. Es klingelten Handys, es wurde gelästert und zuweilen sogar vor der Kamera geschlafen. Es passierte in den Besprechungen all das, was auch ohne Kamera in Meetings geschieht. „Es waren ja echte Probleme, an denen mit den realen Kollegen gearbeitet wurde. Jeder hatte Aktien in den Themen und wollte, dass sie vorangebracht werden, oder eben nicht“, sagt sie.

Inzwischen sind um die 400 Mitschnitte zusammengekommen, und die Fragestellungen und Schlussfolgerungen dazu sind vielfältig. So konnte sie zum Beispiel zeigen, dass in Meetings, wenn sich ein Teilnehmer über die Lage beschwert, oft etwas entsteht, was Simone Kauffeld mit dem Wort „Jammerspirale“ umschreibt. Auf eine negative Äußerung folgt die nächste. Verantwortlich dafür sind unbewusste wie bewusste emotionale Ansteckungsprozesse. Und die Folgen sind messbar. „Das geht so weit, dass solche Unternehmen zweieinhalb Jahre später schlechter dastehen als solche, in denen derartige Negativäußerungen nicht so häufig sind“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Leidenschaft für die Beratung

So enthusiastisch wie sie heute von ihrer Forschung spricht, so wenig absehbar war es auch, dass Simone Kauffeld diesen Weg einschlagen würde. Aufgewachsen ist sie zusammen mit ihrem elf Monate jüngeren Bruder in einem kleinen Dorf bei Hannoversch Münden, ein paar Kilometer die Weser hinunter. Ihr Einstieg ins Berufsleben waren Ferienjobs in der Firma, in der ihr Vater bis vor kurzem als kaufmännischer Angestellter tätig war – 51 Jahre lang. Simone Kauffelds Weg sollte ein anderer werden. Abitur, soziales Jahr in Berlin, Auslandsaufenthalt in Italien und schließlich Studium – der ZVS sei‘s gedankt – in Koblenz. Es blieb bei einem Semester, dann durfte sie nach Marburg. Wirklich glücklich wurde Simone Kauffeld mit ihrem Studium aber erst zum Ende hin.

Neben ihrem Psychologie-Studium probierte sie sich auch in BWL aus. 1993 nahm sie als Junior Consultant an einem Organisationsentwicklungsprojekt in der Automobilindustrie teil. Hier lernte sie in der Uni Gelerntes in die Praxis zu bringen, und fand Gefallen daran. Der Gedanke an eine gute Reputation und das Know-how motivierten sie zu einem guten Abschluss und zur Promotion.

Ihren Doktorvater fand sie 1996 in Professor Ekkehart Frieling an der Universität Kassel. Dieser hatte über einen einfachen Aushang Mitarbeiter für ein Projekt gesucht. Ganze acht Stunden dauerte das Vorstellungsgespräch, weil Frieling sie zu allen anstehenden Terminen wie selbstverständlich mitnahm.

In dem Projekt selbst ging es um flexible Unternehmen und ihren Beitrag zur Entwicklung von Mitarbeiterkompetenzen. Das Material vor so reichhaltig, dass sie Dissertation und Habilitation annähernd parallel anlegen konnte. Möglich wurde das auch durch die vielen Freiheiten, die ihr der Doktorvater gewährte. Dadurch kamen auch ihre zwei Kinder trotz der vielen Arbeit nicht allzu kurz. Noch heute schätzen Simone Kauffeld und Ekkehart Frieling einander sehr, wie auch der inzwischen emeritierte Professor betont.

Die 45-Jährige blieb zwar in der Wissenschaft, doch ganz verloren hat die Wirtschaft Simone Kauffeld nicht. 2008 gründete sie mit einem ehemaligen Studenten von ihr eine Beratungsfirma. Die Idee dahinter war, jene Ansätze, die sie entwickeln, in die Unternehmen zu tragen und daraus wieder neue Impulse für die Forschung zu bekommen. „Der Gedanke war einfach, wenn nicht ich unsere Erkenntnisse umsetze und in die Praxis treibe, tut es niemand“, sagt sie. Und auch das ist charakteristisch für Simone Kauffeld, viele Projekte gleichzeitig zu managen, aber keines davon nur mit halber Leidenschaft.