Der Krieg der müden Eltern

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Windeln wechseln, früh aufstehen, Tränen trocknen – man hat es nicht leicht mit dem Nachwuchs. Vor allem nicht in einer Zeit, in der kinderlose Singles die große Karriere machen, während junge Eltern gegen die Müdigkeit kämpfen. Jan C. Weilbacher sucht nach Möglichkeiten, diesen Konkurrenzkampf zu bestehen. Eine Glosse

Ich schreibe diesen Text mit letzter Kraft. Wieder habe ich nicht länger als zwei Stunden geschlafen. Unser neugeborener Sohn – der zweite! – schreit und knattert ununterbrochen. Das Leben, es verschwindet hinter einer Wolke aus Gebrüll, Leid und nächtlichem Windelwechseln.

„Jetzt schreibt der schon wieder über seinen Sohn“, werden Sie sagen, „was hat das bitte schön mit HR zu tun?“ Die Antwort: gar nichts. Aber das ist nicht so schlimm, denn außer Ihnen und meiner Schwiegermutter liest sowieso niemand diese Kolumne.

Das Blöde ist ja, dass man am nächsten Tag – auch nach einer anstrengenden Nacht – noch arbeiten muss. Glücklicherweise habe ich da einige Tricks parat. Ich kann zum Beispiel mit offenen Augen schlafen. Ich sitze dann vor meinem Rechner, leicht zurückgelehnt, und halte jeden Tag eine längere Siesta. Nur mein Kollege, der neben mir sitzt, weiß Bescheid. Er muss nämlich jedes Mal, wenn mich jemand aus der Geschäftsführung anspricht, eine der vorgefertigten Audiodateien abspielen. Wir haben da drei Sätze von mir vorbereitet, von denen einer, je nach Situation, aus dem Lautsprecher ertönt, wenn der jeweilige Geschäftsführer vorbeikommt. Mit diesen drei Sätzen kann man grundsätzlich auf alle Aussagen der Chefs reagieren. Sie lauten: „Da sind wir dran“, „Sehe ich auch so“ und „Tolle Idee“.

Natürlich ist es traurig, wenn die Väter und Mütter unter den Beschäftigten zu so schmutzigen Tricks greifen müssen. Aber seien wir ehrlich: Es herrscht Krieg. Ein Krieg um Geld, Karriere und Ansehen. Und der Gegner sind die Ledigen ohne Kinder – zumeist jung und flexibel. Die außer ihrem Beruf gar nichts haben und gerne mal Überstunden machen, während man selbst als moderner Vater rechtzeitig nach Hause muss, um die Kinder irgendwo abzuholen, mit ihnen Hausaufgaben zu machen oder überhaupt ein bisschen Zeit mit ihnen zu verbringen. Und Gott bewahre: die Kinder werden krank. Dann herrscht der absolute Ausnahmezustand und man muss sich mit der Frau streiten, wer nun zuhause bleiben muss. Es herrschen harte Zeiten für Eltern in einer kinderlosen Singlegesellschaft.

Es soll ja Leute geben, die sagen: Work-Life-Balance, das sei Quatsch mit Soße, oder wie es Thomas Vašek nennt: Work-Life-Bullshit. Der Mann ist Chefredakteur eines Philosophiemagazins (!) und sagt, wir sollen aufhören zu jammern, Arbeit gehöre zum Leben. Er selbst könne sich keinen schöneren Beruf vorstellen, wie er sagt. „Dabei arbeite ich mehr als je zuvor. Genau genommen tue ich gar nicht sehr viel anderes“, hat er auf Welt Online geschrieben. Ich glaube, man kann jetzt mal ganz dreist annehmen, dass der Mann keine Kinder hat. Solche Menschen, nämlich ledige, ehrgeizige, sich in Arbeit verlierende Workaholics – wie zum Beispiel Philosophie-Chefredakteure – sind die Gegner der Familienväter und -mütter. Sie drohen an uns vorbeizuziehen. Deshalb müssen wir alle Register ziehen. Die Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt könnte da zum Beispiel helfen – auch den Personalern, die sich aufgrund des nächtlichen Babygeschreis später auf der Arbeit ausruhen müssen. Man denke nur an das Recruiting. Hier übernehmen ja mehr und mehr die Maschinen die Personalauswahl. Ein Beispiel ist Xerox, das mit Hilfe von Methoden aus der Datenanalyse die idealen Kandidaten sucht. Der Druckerhersteller nutzt eine neue Methode, um Bewerber für seine Call-Center auszuwählen.

Die Personaler von Xerox haben zunächst in den Akten nachgeschaut, welche Mitarbeiter die längste Unternehmenszugehörigkeit aufweisen. Mittels Statistikprogrammen ermittelten sie dann, was diese Mitarbeiter gemeinsam haben: Die meisten wohnen beispielsweise in der Nähe ihrer Arbeitsstelle und nutzen soziale Netzwerke nur in Maßen. Nach solchen Kriterien wird bei Xerox nun entschieden: Die Bewerber müssen einen Online-Test absolvieren, in dem die gewünschten Eigenschaften abgefragt werden. Am Schluss entscheidet ein Analyseprogramm, ob der Kandidat eingestellt werden soll. Der Personaler muss nur auf „okay“ klicken – wenn der Mittagsschlaf zu Ende ist natürlich.

Leider könnte die zunehmende Automatisierung manchen Mitarbeiter überflüssig machen – nicht nur Personaler, sondern auch Journalisten wie mich. Schließlich gibt es schon Schreibprogramme, die Redakteure ersetzen. Wenn man also seinen Job nicht verlieren will, muss man sich unersetzbar machen. Das geht durch Schlafen auf dem Bürostuhl schlecht. Ich überlege nun, ob ich die Automatisierung nicht im privaten Bereich nutzen kann: Softwareprogramme, die meinem Sohn Geschichten vorlesen oder meiner Frau automatisch Entschuldigungsmails schreiben, wenn sie sauer ist. Ich werde darüber nachdenken – ganz kurz, hier, mit dem Kopf auf der Tastatur.