Die ambitionierte Entdeckerin

Geht nicht, gibt’s nicht, lautet das Lebensmotto von Ruth Stock-Homburg. Die Professorin für Marketing und Personalmanagement der TU Darmstadt war vor zehn Jahren Deutschlands jüngste BWL-Professorin. Inzwischen gilt sie als eine der forschungsstärksten Wissenschaftlerinnen. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Zukunft der Arbeit.

Für die meisten ist es undenkbar, für manche Nervenkitzel pur. Man steigt vor der Küste Südafrikas im Neoprenanzug in einen metallenen Käfig, dieser wird zu Wasser gelassen, und plötzlich ist der Hai vor einem und reißt sein Maul auf. „Da denken Sie nicht mehr an die Arbeit“, sagt Ruth Stock-Homburg lachend. Die Professorin für Marketing und Personalmanagement an der Technischen Universität Darmstadt erzählt vom Haitauchen bei der Frage nach ihren Hobbys und wie sie abschalten kann. Auf die anschließende Frage, wie sehr sie sich dazu überwinden musste, reagiert sie mit Erstaunen: „Ich wollte da unbedingt rein. Wissen Sie, wenn es schiefgehen soll, dann soll es so sein. Und das ist meistens nicht dann der Fall, wenn Sie unter höchsten Sicherheitsbedingungen in einen Käfig steigen.“

Von dieser Offenheit, Begeisterungsfähigkeit und der Lust zum Risiko bis zu ihrem Lebensmotto „Geht nicht, gibt’s nicht“ ist es nicht so weit. Dieser Leitspruch begleitet Ruth Stock-Homburg schon seit Jahren. Bereits 2006 schrieb das Handelsblatt ein Porträt über sie mit dem Titel „Frau Professor Dr. Geht-nicht-gibt’s-nicht“. „Dieses Motto hat sich als praktikabel erwiesen, insofern bleibe ich ihm treu“, sagt die Wissenschaftlerin, und es klingt sehr pragmatisch.

Das Porträt erschien zu der Zeit, als sie Deutschlands jüngste BWL-Professorin wurde. Die Berufung hat damals, 2005, ein Medienecho hervorgerufen, mit dem sie nicht gerechnet hatte und das ihr irgendwann auch ein wenig zu viel wurde, auch wenn es überaus positiv war. Dieser Trubel um ihre Person hat sie ein Stück weit geprägt. Sie ist den Medien gegenüber was Persönliches angeht etwas zurückhaltender geworden. Ihre Formulierungen sind überlegt, sie nimmt sich auch schon mal länger Zeit für ihre Antworten.

Interesse an dem, was kommt

Zurück zur Risikoaffinität von Ruth Stock-Homburg. Die zeigt sich auch in den Forschungsarbeiten der 43-Jährigen. „Das bedeutet für mich, auch mal Themen anzugehen, bei denen man nicht direkt weiß, wie das Ergebnis aussieht. Wenn dann etwas Spannendes heraus kommt und man dies in Publikationen teilen kann, hat man umso mehr von der Entdeckung.“ Damit meint sie unter anderem ihre Beschäftigung mit der Zukunft der Arbeit. Aktuell ein Top-Thema nicht nur unter HRlern. Die Wissenschaftlerin fing bereits vor sieben Jahren an, sich damit zu befassen. „Ich wollte dieses Thema unbedingt untersuchen, ich fand es damals schon sehr wichtig. Wir können doch nicht ohne fundiertes Wissen in die Zukunft hineingehen, wir müssen vielmehr zwei Schritte im Voraus mögliche Entwicklungen vorausdenken.“ Hier merkt man, wie wichtig ihr dieses Thema ist, das sie schon so lange begleitet. Sie scheint sich zu freuen, dass dem Thema  inzwischen gesellschaftlich eine so starke Bedeutung zukommt.

Sie nennt es eine Art Intuition, die ihr ein Gefühl dafür gibt, welche Dinge wichtig sind oder wichtig werden können. Dem geht vor allem ihr persönliches Interesse voraus, die Bedeutung, die ihrer Ansicht nach in einem Thema steckt. Hierzu fällt Ruth Stock-Homburg ein Satz von Victor Hugo ein: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Sie möge generell „sayings“ – dass sie hier ins Englische wechselt, ist ein Hinweis darauf, wie international sie unterwegs ist.

Die USA, wo sie mehrfach zu Forschungsaufenthalten war und seit 2016 eine Gastprofessur am Massachusetts Institute of Technology (MIT)  in Cambridge hat, nennt Ruth Stock-Homburg ihre zweite Heimat. Eine andere Gelegenheit, in der sich ihre Intuition für interessante Themen gezeigt hat, ist für sie die interdisziplinäre und in Deutschland einzigartige Ausrichtung ihres Lehrstuhls an der TU Darmstadt, wo sie Personalmanagement mit Marketing verbindet. „Ich habe zwei Studiengänge angestoßen, war mir aber damals noch nicht bewusst, dass es heute zu einem runden Karriereprofil dazugehört, breit ausgebildet zu sein.“

Gerade geht für sie bezüglich des Themas Arbeitswelt der Zukunft ein Traum in Erfüllung. Vor rund zwei Jahren gründete sie das Zukunftsforschungsinstitut Leap in time, ein Spin-Off der TU Darmstadt. Und Ende März öffnete außerdem das Future Innovation Lab offiziell die Türen. Dabei handelt es sich um eine 400 Quadratmeter große Fläche, auf der auf Basis der Erkenntnisse zahlreicher nationaler und internationaler Studien vier Arbeitswelten der Zukunft ausgestellt und erlebbar gemacht werden. Wenn sie darüber redet, merkt man wieder ihre Begeisterungsfähigkeit. „Das ist mein Baby, das macht einen Riesenspaß“, sagt sie enthusiastisch. Sie freut sich über weitere Nachfragen und lädt dazu ein, sich vor Ort ein Bild davon zu machen.

Ruth Stock-Homburg will mit diesem Projekt schauen, wie sich die verschiedenen Arbeitswelten auf die Befindlichkeiten und Interaktionen zwischen Menschen und deren Produktivität auswirken. Die erste Arbeitswelt nennt sie „Activity based working“. Dabei werden verschiedene Arbeitskontexte je nach Tätigkeit gezeigt, wie das klassische Büro, Räume für Meetings oder eine Café-Ecke. Die zweite Arbeitswelt richtet den Blick auf Kreativität und Agilität, ist angelehnt an Konzepte wie das Design Thinking. Die Menschen müssen sich ihre Arbeitsumgebung erst schaffen, sie müssen sie so bauen, wie sie sie benötigen. In der dritten Welt geht es dann um Smart Working, also um ein Arbeiten in völliger Digitalisierung, mit intelligenten Tischen und Sensortechnologien. Und in der vierten Welt dreht sich alles um das Home Office, darum, wie das Mobiliar im eigenen Heim flexibel gestaltet werden kann.

„Ein Stück dazu beizutragen, die Arbeitswelt von heute und morgen zu verbessern“, das ist der Wunsch von Ruth Stock-Homburg und er findet sich in ihrer gesamten Forschungsarbeit wieder. Neben all den Themen, die sich mit der zukünftigen Ausgestaltung der Arbeitswelt befassen, ist ihr zweites Leitthema Citizen Innovation. In der Gesellschaft steckten unglaublich viele unentdeckte Innovatoren mit fantastischen Ideen, die aber kaum Unterstützung erfahren würden, meint sie. Ihre Forschung dazu, die sie vor allem in Zusammenarbeit mit dem MIT macht, zeigt, dass in manchen Ländern bis zu zehn Prozent der Bevölkerung als Innovatoren aktiv sind. Dies sei ein unglaublich verkannter ökonomischer Wert.

Seit fast zehn Jahren forscht und lehrt Ruth Stock-Homburg inzwischen in Darmstadt. Sie ist stolz, Teil dieser Hochschule zu sein. Nicht nur, weil sie die Ausrichtung des Lehrstuhls damals mitbestimmen und somit den Marketing-Anteil in ihrer Arbeit wieder stärken konnte, sondern auch, weil die Studenten dort sie begeistert haben. „Die Studierenden unseres Fachbereichs absolvieren ein Vier-Drittel-Studium, zwei Drittel BWL und zwei Drittel Ingenieurswesen, das macht man nicht per Zufall“, meint sie, die in der Lehre eine genauso wichtige Inspirationsquelle sieht wie in der Forschung.

Dabei hat sie, wie so viele Wissenschaftler, nicht direkt bei Beginn ihres Berufsweges geplant, in der Wissenschaft zu landen. Auch wenn ihr Weg von außen betrachtet als ziemlich geradlinig und zielgerichtet gesehen werden kann. Das sieht sie anders. „So strategisch war das gar nicht.“ Eigentlich ging sie mit dem Berufsziel Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin ins BWL-Studium. Dann stellte sie fest, dass sie lieber in Richtung Marketing und strategisches Management gehen möchte, und fing nicht nur erst einmal bei einem Unternehmen im Vertrieb an, wo sie dann auch den Anstoß zu ihrer Dissertation über den Zusammenhang zwischen Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit bekam, sondern startete auch ein Psychologiestudium. Ihre Faszination und die Schnittstelle ihrer Interessen zwischen Marketing und HR sind die Menschen. Bestärkt wurde sie in ihrer Entscheidung für die Dissertation und die anschließende wissenschaftliche Laufbahn insbesondere von Ingeborg Henzler, ihrer früheren Professorin, die zwischen 2008 und 2011 Präsidentin der Hochschule Koblenz war. „Sie hat mich unglaublich inspiriert und mir mitgegeben, dass ich mich trauen soll, diesen Weg zu gehen. Und wenn ich gezweifelt habe, gab sie mir genau den Anstoß, den ich gebraucht habe, um weiterzumachen.“

Seit Herbst 2014 ist Ruth Stock-Homburg auch Dekanin des gesamten Fachbereichs Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der TU Darmstadt. Daneben ist sie gerade in der vorlesungsfreien Zeit viel in der Welt unterwegs. „Wenn man ganz neue Phänomene entdecken möchte, ist es extrem wichtig, über nationale Grenzen hinaus zu schauen“, sagt sie. Dabei schaut sie nicht nur in die USA, sondern beispielsweise auch nach Asien. Es geht ihr um andere Perspektiven, um Lernen, um Austausch. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass sie mittags in den USA ankommt und am nächsten Morgen wieder zurückfliegt. „Sicher ist das anstrengend, aber der Gewinn, das Vorankommen in den Projekten und die neuen Ideen überwiegen. Ich ziehe da enorm viel Energie raus.“

Trotz dieses Pensums sieht sich Ruth Stock-Homburg nicht als Workaholic. Im Gegenteil, es scheint ihr sehr wichtig, deutlich zu machen, dass sie nicht zu denjenigen gehört, die nicht mehr aufhören können zu arbeiten und nicht mehr abschalten können. Die Frage nach ihrer Work-Life-Balance pariert sie mit den Worten: „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Life-Balance“. Natürlich gibt es Phasen, oft im Herbst, in denen vieles zeitgleich anfällt: Der Semesterstart, Deadlines von Journals, öffentliche Förderausschreibungen und ihre Aufgaben als Dekanin. „Da hat man schon mal das Gefühl, rund um die Uhr zu arbeiten, und streckenweise vergesse ich auch den Wochentag, weil ich das Wochenende durchgearbeitet habe. Aber wenn wie zum Beispiel kurz vor Weihnachten der Hammer fällt, vergesse ich die Arbeit komplett.“ An erster Stelle steht für sie ihre Familie. Für die will sie in dem Maß da sein, in dem sie gebraucht wird, sagt sie. „Arbeit erfüllt mich und ich sehe es als Geschenk, etwas machen zu dürfen, das mich fasziniert und ein Stück weit erfüllt, aber Arbeit ist nicht mein Leben.“

Tauchen, Klettern, Taekwondo

Genauso wichtig wie die Zeit für die Familie ist Ruth Stock-Homburg auch Zeit ganz für sich, sowohl im Beruflichen wie im Privaten. Sie nennt das Me-Time. So findet sie privat Entspannung nicht nur beim Tauchen, sondern auch beim Taekwondo: „Da muss man abschalten, sonst funktioniert es nicht.“ Außerdem klettert sie und hat nach eigener Aussage einen ganzen Zoo zuhause. Ihre Berufswünsche als Kind wundern da nicht: Tierärztin oder Pferdezüchterin standen ganz oben auf dem Zettel. Davon abgehalten hat sie dann unter anderem die Vorstellung, Tiere nicht nur retten zu können, sondern auch einschläfern zu müssen. „Da war Schluss, das kann ich nicht.“ Also der Umweg über die Idee der Wirtschaftsprüfung hin zur Universitätsprofessorin.

Es scheint die richtige Entscheidung gewesen zu sein, wenn man Ruth Stock-Homburg, die seit dem vergangenen Jahr auch zu den vom Personalmagazin ausgewählten 40 führenden Köpfen des Personalwesens zählt, eine Weile zuhört. Und wenn sie von den hervorragenden Zukunftsaussichten schwärmt, die sie an der TU Darmstadt vorfindet, dann gewinnt man den Eindruck, als hätte sie noch eine Menge Ideen für ihre berufliche Karriere.