Die Angst vorm Golfspielen

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Im Ruhestand ist nichts mehr zu erledigen, unendlich Zeit für Hobbys – für viele Manager eine grausame Vorstellung. Immer mehr von ihnen machen deshalb einfach weiter und denken gar nicht daran, in Rente zu gehen.

Frank Einhäupl mag keine halben Sachen, halb volle Gläser schon gar nicht. Gerade wurde ihm in einem Berliner Café am Kurfürstendamm eingeschenkt, da greift er entschlossen zur Flasche. Gläser müssen voll sein, „ich habe ja Durst“. Der schlanke Mann mit den graumelierten Haaren wird in diesem Jahr 66 Jahre alt, und hier bei einem Glas Wasser soll er erzählen, warum er immer noch aufreibende Management-Jobs annimmt, wo er doch alles andere machen könnte. Die Sache mit dem Wasser ist da ja schon mal ein erster Hinweis: Frank Einhäupl will aus den Vollen schöpfen. Und dazu gehört für ihn ein aktives Arbeitsleben, auch im Pensionsalter. Er steht damit für eine ganze Riege von sogenannten „Silberrücken“, die derzeit verstärkt ins Blickfeld von Personalmanagern rücken. Denn sie werden gebraucht.

Es sind die ganz großen Silberrücken, die in jüngster Zeit daran erinnerten, dass mit 66 Jahren und darüber hinaus noch lange nicht Schluss ist, wie Hartmut Mehdorn, der mit 70 Jahren aus dem BER in Berlin einen Flughafen machen soll. Nur ein Beispiel, aber es ließe sich zu einer langen Reihe ausweiten. Der Personaldienstleister Robert Half befragte für seinen jüngsten Workplace Survey vor drei Jahren 2.400 Personal- und Finanzmanager aus mehreren Ländern, unter anderem auch danach, ob sie im Alter weiter beruflich tätig sein wollen. In Deutschland bejahten das 58 Prozent der Befragten. Und die Rastlosen haben auch genaue Vorstellungen. „Etwa ein Viertel möchte als Berater für den aktuellen Arbeitgeber fungieren, ungefähr jeder Fünfte könnte sich vorstellen, als Interims-Manager für verschiedene Firmen tätig zu sein”, teilt Robert Half mit. Und immer mehr Unternehmen greifen diesen Wunsch der Altgedienten gerne auf.

Nach dem Urlaub 2.000 Mails abgearbeitet

Ruhestand. Allein das Wort lässt Frank Einhäupl spöttisch lächeln. Ruhe hatte er sein ganzes Arbeitsleben nicht, und er wollte es auch nicht. Der gelernte Ingenieur war bis 2007 elf Jahre als Entwicklungsdirektor bei Motorola zuständig für den Weltmarkt von Funksprechgeräten, und davor 18 Jahre bei Bosch Leiter des Qualitätsmanagements im Bereich Nachrichten- und Fahrzeugtechnik. Es waren dreißig Jahre am Anschlag. „Man war eigentlich rund um die Uhr im Einsatz”, erinnert er sich. Telefonkonferenzen mit den Kollegen in Asien und Amerika, „eigentlich den ganzen Tag und oft mehrere Konferenzen parallel, und das neben dem normalen Betrieb”. Mehrwöchige Auslandsaufenthalte waren die Regel. Die längste Auszeit, die er in dieser Zeit hatte, ging zwei Wochen. „Danach waren 2.000 Mails abzuarbeiten.” Einhäupl erzählt davon mit Begeisterung; und an Burn-out glaubt er nicht. „Wenn die Arbeit Spaß macht, dann passiert das nicht.”

Gedanken an Rente verschwendete Einhäupl sein gesamtes Arbeitsleben nicht. „Das war kein Thema.” Es wurde eins, als er mit 61 aufhörte, weil die Entwicklungsabteilung nach Asien verlagert wurde. Einhäupl machte jetzt in Freizeit, mit der Akribie eines Workaholics: 20 Urlaubsreisen in einem Jahr waren es bestimmt, erinnert er sich. „Das war zwar schön, aber kein Lebensinhalt.” Vor zwei Jahren, pünktlich zum 63, entschied er sich, wieder arbeiten zu gehen. Er registrierte sich bei ASE Automotive Senior Experts – einem Vermittlungsdienst für Manager und Führungskräfte der Automobilbranche im Ruhestand.

Das Mannheimer Unternehmen ASE gibt es seit vier Jahren. Gegründet wurde es von Steffen Haas, 53 Jahre alt. Haas baute in seinem früheren Berufsleben erfolgreich eine Werbeagentur auf. Die Idee, eine Agentur zur Vermittlung von Interims-Managern zu gründen, kam ihm bei einem Gespräch mit einem Vorstand der Deutschen Seniorenliga, 2005 war das. „Wir redeten damals über den demografischen Wandel in Deutschland; und kamen schnell gemeinsam zu dem Schluss, dass dieser gravierende wirtschaftliche Folgen hat, wenn man nichts ändert.” Als Haas die Gründung seiner Vermittlungsagentur vorbereitete und um Unterstützung warb, spürte er Vorbehalte. „Die Leute fanden die Idee gut, fragten aber, was ich ausgerechnet mit den alten Säcken will. Sie sprachen vom Alter wie von einer Krankheit.” Erst mit dem einsetzenden Fachkräftemangel gab es ein Umdenken. Heute vermittelt ASE 1.500 Senior Experts. „Und wir stehen erst am Anfang.”

Gesucht sind effiziente Problemlöser

Zu neunzig Prozent würden Experten an mittlere und größere mittelständische Unternehmen vermittelt, sagt Haas. Sobald diese ins Ausland expandieren – „und viele müssen das, um zu bestehen” –, hätten sie im Gegensatz zu den großen Konkurrenten oft nicht das nötige Know-how in der Firma. Gesucht würden dann „effiziente Problemlöser, die nur vorübergehend im Einsatz und schnell verfügbar sind”. Sei es der Aufbau einer Produktionsanlage in China oder Brasilien oder eine Effizienzprüfung in einer heimischen Werkstatt – „die Erfahrung unserer Berater sind da von unschätzbarem Wert”. Die Vorzüge seiner gestandenen Experten kann der Werbeprofi Haas recht überzeugend darlegen. Sie alle machten es nicht wegen des Geldes, sondern weil sie Lust haben. Andere Rentner lösen Kreuzworträtsel. Haas‘ Leute „haben Spaß daran, ein komplexes Problem zu lösen”.

Ähnliches weiß Alfred Odendahl zu berichten. „Da ist schon immer eine große Neugierde gewesen, und die verschwindet natürlich nicht mit dem Ruhestand.” Als Geschäftsführer der Bosch Management Support GmbH (BMS) vermittelt er ehemalige Bosch-Führungskräfte an das eigene Unternehmen. „Mehr als 30.000 Jahre Erfahrung” hätten die rund 1.600 Berater, die in der BMS-Datenbank aufgeführt sind, sagt Odendahl. Der Wert der Ex-Manager sei dabei unschätzbar. „Wenn Sie eine Werkstatt effizienter machen wollen, kann ein Neuling viel Zeit für eine Neukonzeptionierung aufwenden”, so der Geschäftsführer. „Sie können aber auch einen Werkstattmeister mit vierzig Jahren Erfahrung schicken. Der schaut sich einmal um und präsentiert Ihnen einen Lösungsvorschlag. Einfach, weil er sämtliche Mechanismen aus der Praxis kennt.”

Odendahl kann das Innenleben eines Silver Agers gut nachempfinden, denn er selbst ist inzwischen 67. Vor fünf Jahren wurde er von Bosch in den Ruhestand geschickt, das war schon zwei Jahre später als bei anderen leitenden Direktoren. Die Geschäftsführung der BMS übernahm er zusammen mit einem Kollegen, in Teilzeit. „Mein ‚Fading out‘ vom ‚Fading out‘”, sagt er – denn in diesem Jahr beendet er seinen Job bei BMS, will sich dann seiner Familie widmen. Sehr aktiv. „Untätigkeit jedenfalls bedeutet der neue Lebensabschnitt für mich nicht.”

Was treibt Ex-Manager und -Führungskräfte zu ASE oder zur BMS? ASE-Chef Haas erzählt von einem Mann, den er kürzlich kennenlernte. Dieser wollte sich zusammen mit seiner Frau einen Traum verwirklichen, jedenfalls dachte er, es wäre sein Traum. Ein Haus in Südafrika. „Da war er nun in Südafrika und fing das Golfspielen an. Auf dem Golfplatz traf er andere ehemalige Manager. Und das einzige, worüber sie redeten war Golf.” Ein Jahr später kam der Mann zurück nach Deutschland und stürzte sich wieder in Projekte. „Er arbeitete mit Leidenschaft und sollte auf einmal aufhören”, sagt Haas. „Das konnte nicht gut gehen.”

Der Psychologe Michael Thomas Alexa ist Spezialist für Gesundheits- und Stressmanagement und beschäftigt sich dabei auch immer wieder mit der Leistungsfähigkeit im Alter. „Diese wird heute noch oft mit einem wissenschaftlich längst widerlegten Defizitmodell beschrieben”, demnach Altern gleichbedeutend mit Leistungsabfall sei. Alexa hält von dieser Perspektive nichts. Geht es um das Lösen komplexer Aufgaben, so Alexa, „kann die geistig-körperliche Fitness und Schnelligkeit jüngerer Mitarbeiter sehr häufig durch den im Leben gesammelten Erfahrungsschatz älterer Menschen, durch ‚die Bibliothek im Kopf‘ kompensiert werden”. Und er ist sich sicher, dass es  keinen nachvollziehbaren Grund gibt, „mit dem Arbeiten aufzuhören, wenn man geistig und körperlich gesund ist und Freude am Arbeiten hat“.

Aber es gibt Argumente dagegen: „Der abrupte Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand ist eine Schwellensituation, die zu einer emotionalen Krise führen kann“, sagt Alexa. Das „Gefühl, gebraucht zu werden, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das verschwindet nicht mit 65 oder einer anderen fixierten Verrentungsgrenze.” Für den Psychologen ist es ein „Privileg, wenn man selbst bestimmen kann, wann man aufhört”. Oder eben nicht aufhört.

Trotz allem: Der Einsatz der Silberrücken wird häufig immer noch mit dem Fachkräftemangel begründet. Auch ASE-Chef Haas räumt ein, „dass wir nicht so eine Nachfrage nach unseren Seniors hätten, wenn es mehr junge Experten gebe”. Allerdings müsse auch klar sein, „dass Leute wie Hartmut Mehdorn nicht geholt werden, weil man Mitleid mit ihnen hat. Sondern weil sie die Besten für den Job sind”. Auch Senior-Experte Einhäupl sieht es wohl so. Er kennt „genügend Jungdynamiker, die beweisen wollen, was sie können”. Das führe oft zu Schnellschüssen, „weil es um kurzfristige Erfolge gehe”. Er begegnet dem ganz cool. „Wo die hin wollen, komme ich her. Das verleiht einem die nötige Gelassenheit.“