Die Change-Agentin

Gabriele Muthreich, Foto: Privat
Gabriele Muthreich, Foto: Privat

Für Interimsmanager gehören Trennungen zur Tagesordnung. Neuer Arbeitgeber, neue Mitarbeiter, neuer Wohnort – oft nur für ein paar Monate, bis das nächste Engagement ansteht. Gabriele Muthreich kennt die Tücken des Berufs. Doch sie würde ihn nicht tauschen wollen.

Gabriele Muthreich ist eine lebenslustige Frau im besten Alter. Während ihr Mann bereits seinen Ruhestand im schleswig-holsteinischen Wismar genießt, bereist sie als HR-Interimsmanagerin Deutschland. Sie ist es gewöhnt, seit nunmehr 15 Jahren unter der Woche aus dem Koffer zu leben. Nur am Wochenende fährt die Personalerin nach Hause. Abschiede fallen ihr nicht mehr schwer. Im Moment macht die 63-Jährige Station in Ahrensburg bei Hamburg. Dort ist sie seit November 2016 Interims-Personalleiterin beim Automobil-Dienstleister Kroschke. Und es gefällt ihr richtig gut: „Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Die Entscheidungswege sind kurz, ich kann viel umsetzen.“

Muthreich kümmert sich nicht nur ums Tagesgeschäft, sondern sucht auch einen Nachfolger für den überraschend ausgeschiedenen Personalchef. Sie ist entschlossen: „Ich bleibe so lange, bis ich den besten Kandidaten gefunden habe.“ Wie viel Zeit sie dafür braucht, weiß sie nicht genau. Für sie selbst ist es ohnehin nicht entscheidend, wie lange sie in einem Unternehmen bleibt. Von zwei Monaten bis zu zwei Jahren ist bisher alles dabei gewesen. Zuletzt arbeitete Muthreich elf Monate lang als HR-Chefin beim Naturkosmetikhersteller Laverana. Weitere Stationen der vergangenen zwei Jahre waren unter anderem der Maschinenbauer Reis Robotics nahe Aschaffenburg und der Büromöbelhersteller Steelcase in Regensburg. Interimsmanagerin wurde Muthreich per Zufall: Als ihr Arbeitsplatz als HR-Geschäftsführerin gestrichen wurde, stand sie dem Unternehmen weiterhin als selbstständige Beraterin zur Verfügung. Nach und nach kamen weitere Kunden dazu, die sie schließlich auch als HR-Chefin auf Zeit engagierten.

Die Interimsmanagerin ist gefragt: „Bislang kam immer ein Engagement nach dem anderen. Eine Phase ohne Auftrag gab es noch nie.“ Die Vermittlung erfolgt über Agenturen, wie etwa die Hamburger Agentur Management Angels. Das spart Muthreich Zeit und Nerven: „Die Kaltakquise neuer Auftraggeber liegt nicht jedem.“

Wenn sie in ein neues Unternehmen kommt, macht sie sich zuerst mit den Mitarbeitern, den Chefs und dem Betriebsrat bekannt. Dann beginnt die Arbeit: Wo sind laufende Fälle? Wo muss sie Entscheidungen treffen? Wo kann sie Impulse geben? Interimsmanager sind in der Regel vollwertige Mitglieder des Führungsteams und übernehmen schnell Projektverantwortung.

Das ist nicht nur im Bereich Personal so, sondern auch bei Interimsmanagern, die auf General Management, IT, Logistik oder Produktion spezialisiert sind.

Muthreich sieht sich selbst als Change-Agentin: Sie stößt Veränderungen an. Dabei hat sie keine Spezialbereiche: „Ich bin HR-Generalistin. Von Vergütungskonzepten bis Recruiting mache ich alles.“ Muthreich berichtet direkt an Geschäftsführung oder Bereichsleitung. Die erwarten von ihr, dass sie Projekte vorantreibt und auch Ergebnisverantwortung übernimmt. So harmonisiert die gelernte Juristin und Rechtsanwältin etwa Prozesse oder empfiehlt Systeme zu „Enterprise Resource Planning“ (ERP).

Die Gründe, externe Führungskräfte auf Zeit zu engagieren sind vielfältig: Interimsmanager bieten für Unternehmen einen schnellen Ersatz, wenn eine Führungskraft ungeplant ausfällt. Oftmals übernehmen sie auch gleich die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Tatsache, dass sie bereits viele Branchen und Unternehmen kennengelernt haben. „Wir sind gewöhnt, sofort in eine Sache reinzuspringen und brauchen keine lange Einarbeitungszeit“, sagt Muthreich. In ihren Augen profitieren Kunden vor allem von den neuen Sichtweisen und Vorschlägen der Interimsmanager. Betriebsblindheit gibt es nicht.

Für Muthreich ist es wichtig, den Mitarbeitern von Beginn an deutlich zu machen, dass sie nur vorübergehend an Bord ist. „Alle wissen, dass meine Zeit im Unternehmen begrenzt ist. Das betone ich immer wieder. Deswegen gebe ich mein Wissen so gut es geht weiter, involviere die Mitarbeiter in meine Entscheidungen.“ Oft entwickeln sich dabei auch über den Auftrag hinausgehende Freundschaften mit Mitarbeitern.

Natürlich werde sie manchmal auch gefragt, ob sie auf Dauer bleiben möchte. Doch das kommt für die Personalerin nicht in Frage: „Ich bin ein absoluter Change-Typ. Ich bin glücklich, wenn ich einen Auftrag erfolgreich zu Ende gebracht habe. Aber ich schiele immer wieder auf etwas Neues.“ Muthreich will sich nicht an die Sicherheit eines Jobs klammern. „Das ist meine Art. Zum Interimsmanager muss man geboren sein.“ Obwohl Muthreich Aufträge im gesamten Bundesgebiet hatte, blieb ihr eine Station bisher verwehrt: „Ich habe mir immer einen Job mitten in Hamburg gewünscht. Ich mag die Stadt einfach.“ Immerhin hat sie momentan mit Ahrensburg, das direkt vor den Toren der Hansestadt liegt, fast ins Schwarze getroffen.