Die Daseinsberechtigung der Personalentwicklung

Die Corona-Krise macht es deutlich: Die Personalentwicklung hat ihre Legitimation verloren. Wenn sie überleben will, muss sie sich neu erfinden.
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Die Corona-Krise macht es deutlich: Die Personalentwicklung hat ihre Legitimation verloren. Wenn sie überleben will, muss sie sich neu erfinden.

Jede Firma, jede Abteilung und jedes Produkt hat seine Daseinsberechtigung. Diese gilt es, immer dann infrage zu stellen, wenn die gewünschte Wirkung ausbleibt. Wer das nicht tut, wird irgendwann von anderen hinterfragt – durch radikale Umwälzungen im Markt oder eine Krise. Das gilt auch für die Personalentwicklung (PE). Das Problem dabei: Wer gewohnt ist, permanent andere infrage zu stellen, vergisst irgendwann den Blick auf sich selbst.

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Die ersten Spuren der Personalentwicklung lassen sich um 1872 aufspüren. Historiker benennen die Geburtsstunde mit dem Jahr 1878, als erstmals in den USA die 60-Stunden-Woche für Frauen und Kinder gesetzlich geregelt wurde. Seit 2000 befinden wir uns im digitalen Informationszeitalter. Längst geht es in der PE um Zufriedenheit, Identifikation, Engagement und Psychologie. Der Bereich beginnt zu erforschen, wie seine Ziele mit dem allgemeinen Geschäftserfolg zusammenhängen. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Effektives Personalmanagement wird immer wichtiger, um menschliche Potenzial freizusetzen. Auf der Suche nach einer kraftvollen Daseinsberechtigung entdeckt PE, wie wichtig es ist, den individuellen Selbstwert zu stärken: „Du bist gut so, wie du bist!“. PE konzentriert sich darauf, den Mitarbeiter zu bestätigen, damit er seine persönlichen Schwächen nicht durch die Erniedrigung anderer kompensiert. All das ist sinnvoll.

Was ist aus diesem Ansatz in der Praxis geworden?

Aus dieser „Bestätigung des Selbst“ wurde die „Bestätigung des Status quo“. Immer weniger geht es seitdem um geistiges Wachstum; immer mehr darum, den Menschen so anzuerkennen, wie er jetzt ist. Damit er sich gut und am Arbeitsplatz wohlfühlt. Alles Negative, mental Anstrengendere, wurde mehr und mehr verdrängt. Aus dem Wunsch nach Bestätigung entstand die Gier nach guten Gefühlen. Aus Bestätigungsstreben wurde eine Bestätigungsfalle. Der Anspruch, von anderen bestätigt zu werden, spiegelt sich in zahlreichen Anforderungsprofil für Seminare, Workshops, Vorträge und Coachings: „Gib mir gute Gefühle! Motiviere mich! Bestätige mich! Erkenne mich an! Mach mich glücklich!“

Diese „Bestätigung des Selbst“ verdichtete sich im Begriff „Wertschätzung“. Wertschätzung ist wichtig, doch sie wurde im Laufe der Zeit zweckentfremdet. In der Familie und unter Freunden bedeutet sie bedingungslose Anerkennung als Mensch – jenseits von Rollen, Erwartungen und Leistungsansprüchen. Sie ist wohl das wichtigste Gefühl, das ein Mensch braucht. Findet sie jemand in seinem privaten Umfeld (sozialer Norm) nicht, sucht er sie im Unternehmen (Marktnorm). Genau das ist zum großen Missverständnis geworden. Denn Wertschätzung im Business bedeutet „Respekt für Ergebnisse“, die das Unternehmen nach vorne bringen.

Folgen für Individuum und Branche

Beide Normen werden zu oft in einen Topf geworfen. Zu viele setzen Kritik mit mangelnder Wertschätzung als Mensch gleich und empfinden sie als Herabsetzung. Viele haben verlernt, sich mit den negativen Aspekten ihres Seins auseinanderzusetzen. Doch Charakterschwächen sind Teil unseres Wesens. Wenn wir sie verdrängen, können wir sie nicht mehr transformieren und Menschen bleiben in der Entwicklung stehen. Sie wachsen geistig langsamer, als ihre Umgebung sich verändert. Das ist der Grund, warum sich viele durch die Zunahme von Tempo, Komplexität und Transparenz überfordert fühlen und die Zahl der mentalen Krankheiten steigt, obwohl es noch nie so viele Entwicklungsmöglichkeiten gab.

Durch die Konzentration auf die „Bestätigung des Status quo“ hat sich die Weiterbildungsindustrie in Teilen zu einer Kultur mit Überlegenheitsillusion entwickelt. So ist das Studium der Wirtschaftspsychologie inzwischen eines der gefragtesten. Dort werden herausragende intellektuelle Fähigkeiten gelehrt, ein extremes „Kennen“ gefördert. Das Entwickeln anderer geschieht auf höchstem Niveau. Die eigene Charakterbildung hingegen, das wirkliche „Können“ und die persönliche Transformation, bleiben auf der Strecke. Anderen wird gelehrt, was man selbst noch lernen sollte. Genau das spüren Menschen und entziehen den Lehrenden die Aufnahmebereitschaft. Doch wer in einer Überlegenheitsillusion steckt, wird dieses Ablehnung nicht auf sein eigenes Wirken zurückführen. So auf die Art: „Wir sind die Zertifizierten. Die Unwilligen sind ja beratungsresistent!“

Das ist der Grund, warum viele eine Abneigung gegenüber Weiterbildungen entwickelt haben. Sie haben selbst erfahren, dass „Bestätigung des Status quo“ wenig bringt. Immer mehr lassen die Maßnahmen über sich ergehen, weil sie eben müssen. Besonders erfahrene Seminarbesucher wissen, dass kurzfristigen Beweihräucherungen keine nachhaltigen Lösungen liefern. Diese Menschen suchen Ideen für geistiges Wachstum. Wenn diese Schulungsmüden dann erleben, dass es auch anders geht – durch mentales Fordern und durch unbequemes Nachdenken –, sind sie oft überrascht, wie gut sich das anfühlt. Dann folgt die Frage: „Warum haben wir das nicht schon früher gemacht?“ Weil über Jahre hinweg völlig anderes erwartet und geliefert wurde.

Entwicklung ist systemrelevant

Die PE hat ihre Daseinsberechtigung verloren. Damit sich das ändert, muss sie sich neu erfinden. Menschen brauchen mehr geistiges Differenzierungsvermögen. Nur so lassen sich individuelle Hürden leicht transformieren und menschliches Potenzial entfalten. Viele wären weniger überfordert, hätten einen klareren Fokus und könnten für Unternehmen bessere Ergebnisse erzielen – wenn sich die Personalentwicklung mehr darauf konzentrieren würde, Menschen nicht im Status quo, sondern für ihr geistiges Wachstum zu bestätigen. Dann steigen auch Respekt und Ansehen für die PE wieder. Und sie hätte eine neue, kraftvolle und systemrelevante Daseinsberechtigung für die Zukunft gefunden.