„Die digitale Reputation überlagert die analoge“

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Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert? Von wegen. Wer sich um seine digitale Reputation nicht kümmert, hat auf dem realen Arbeitsmarkt als Firma oder Bewerber schlechte Karten, warnen Rechtsanwalt Steffen Bunnenberg und Berater Norbert Roseneck.

Wie viel Macht hat die digitale Reputation einer Person oder Firma über deren Attraktivität als Bewerber oder Arbeitgeber?
Bunnenberg: Die digitale Reputation hat sehr viel Macht über die Attraktivität einer Firma als Arbeitgeber. Was im Netz über ein Unternehmen zu finden ist, kann Einfluss auf potenzielle Bewerber haben. Je nachdem, was im Internet steht, entscheiden Menschen auf Jobsuche, ob sie zu einer Firma gehen wollen oder nicht. Von den Gründen, warum ein Talent sich nicht für das Unternehmen interessiert, erfährt das Unternehmen in der Regel nichts. So steckt man als Unternehmen in der Rechtfertigungsfalle, ohne es zu wissen. Das ist das Gefährlichste für Unternehmen, die Talente an sich binden wollen.

Roseneck: Auch für Bewerber schätze ich die Bedeutung der digitalen Reputation wahnsinnig hoch ein. Als Betroffener haben Sie einfach keine Chance, negative Aussagen zu relativieren oder zu kommentieren. Stattdessen verselbständigen sich Aussagen hinter Ihrem Rücken. Das Schlimme ist auch, dass das Netz Äußerungen multipliziert. Aus einer Eintragung werden mehrere Bezüge und Verlinkungen. Wenn dann eine negative Aussage zehn Mal in der Google-Trefferliste erscheint, erweckt das doch den Eindruck, dass da etwas dran sein muss. Dann haben Sie als Bewerber schon verloren.

Wie sollte man sich verhalten, wenn die eigene Reputation im Internet beschädigt wird?
Bunnenberg: Man muss auf jeden Fall schnell reagieren. Wenn man negative Aussagen zum ersten Mal wahrnimmt, sollte man am besten zu einem hochspezialisierten Anwalt gehen, der einschätzen kann, ob rechtliche Ansprüche durchgesetzt werden können oder ob eher PR-Maßnahmen geeignet sind. Sonst vergibt man sich die Möglichkeit des Eilrechtsschutzes. Das ist essentiell.

Herr Roseneck, Sie begleiten Führungskräfte in neue Positionen. Wie oft kommt es vor, dass jemand schwer vermittelbar ist, weil dessen Reputation im Internet nicht allzu rosig ist?
Roseneck: Das sind Einzelfälle, in maximal drei bis fünf Prozent spielt das nur eine Rolle. Aber dann ist das gewichtig. Man darf das auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen, zumal die Einzelperson ja keine PR-Abteilung an der Seite hat. Wenn es möglich ist, muss man mit rechtlichen Schritten oder mit Search-Engine-Optimization gegenhalten.

Gegen rufschädigende Äußerungen im Internet juristisch vorzugehen, kostet Zeit und Geld. Welche Möglichkeiten hat man, kurzfristig etwas zu erreichen?
Bunnenberg: Es gibt die Möglichkeit, die Ansprüche in einem Eilverfahren zu sichern. Das geht im Idealfall innerhalb weniger Stunden. Dann haben wir schon etwas in der Hand, was der Betroffene kommunizieren kann. Der Kandidat kann dann darauf hinweisen, dass er gegen bestimmte Äußerungen vorgeht und dass es auch schon ein Gericht gibt, das davon überzeugt ist, dass die Aussagen rechtswidrig sind. Langfristig besteht natürlich die Möglichkeit, eine Klage anzustrengen. Das dauert dann aber mehrere Monate oder Jahre. Man steckt so oder so in der Rechtfertigungsfalle, aber wenn man nichts dagegen unternimmt, ist man weniger glaubwürdig, sobald man mit kritischen Äußerungen im Internet konfrontiert wird.

Ihr Fazit: Überlagert die digitale Reputation mittlerweile die analoge?
Roseneck: Ja, die digitale Reputation überlagert die analoge. Das ist schlimm, weil man oft nicht die Chance hat, negative Äußerungen im Internet zu kommentieren. Dann wird ein Bewerber einfach nicht eingeladen, der aber weiß gar nicht, warum. Das ist tödlich. Solange ein Kandidat im Internet an prominenter Stelle eine schlechte Reputation hat, muss er unbedingt alle seine Marktaktivitäten einstellen, denn das hat dann überhaupt keinen Sinn. Alle gucken ins Netz. Das hat Wirkung und deshalb muss hier gegebenenfalls zunächst entgegengewirkt werden.

Bunnenberg: Es gibt da auch keinen Unterschied zwischen den Generationen. Man könnte denken, dass sich nur die jungen Leute im Internet über eine Firma informieren. Aber wir sehen das genauso bei Älteren, auf Vorstands- oder Geschäftsführerebene. Das betrifft nicht nur die Talente oder Führungskräfte, die ein Unternehmen sucht. Über HR hinaus betrifft das auch Geschäftspartner wie Lieferanten. Alle informieren sich auch im Netz über das Unternehmen. Deswegen kann die digitale Reputation die analoge sehr schnell kaputt machen. Warren Buffett hat einmal gesagt: „Man braucht 20 Jahre, um die Reputation aufzubauen, aber nur fünf Minuten, um sie zu zerstören.“ Letzteres geht heute noch schneller.