Die Grenzen der kognitiven Flexibilität

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Projekte, ständige Kommunikation, häufiges Umdenken – die Arbeitswelt von heute ist sehr facettenreich geworden. Aber wozu sind wir überhaupt in der Lage?

Wie fest verankert ist doch das Bild des Dirigenten, der kurz vor dem ersten Satz leise, aber im ganzen Saal hörbar, mit seinem Taktstock auf das Pult klopft, seine Musiker zur Konzentration ruft und darauf einstimmt, musikalische Höchstleistungen zu liefen. Kaum vorstellbar, ein Philharmonie-Konzert zu erleben und den Platz des Dirigenten verwaist zu sehen.

Und doch ist genau das während des Bonner Beethovenfestes 2006 geschehen. Geplant war ein Auftritt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zusammen mit der georgischen Violinistin Lisa Batisahvili, als der Dirigent kurzfristig ausfiel. Anstatt einen Ersatz zu suchen, spielte das Orchester ohne Maestro auf und erntete Ovationen. Zwar mag dieses Engagement auch daran liegen, dass die 39 Bremer Musiker für ein Orchester sehr ungewöhnlich als GbR organisiert sind und jeder einzelne auch Gesellschafter ist. Und doch haben sie erfolgreich auf das für viele Undenkbare reagiert. Sie waren flexibel.

In der Lebens- und Arbeitswelt von heute wird diese Fähigkeit immer überlebenswichtiger. Nicht nur erfordern es die immer größer werdende Informationsflut, projektgebundene Arbeitsabläufe und häufige Unterbrechungen, den Aufmerksamkeitsschwerpunkt beständig neu auszurichten. Für viele ist es auch unumgänglich, überhaupt erst die Bereitschaft zu entwickeln, sich auf diese letztendlich selbstgeschaffenen Verhältnisse einzustellen.

Das Unerwartete ist schwierig

Die Fähigkeit zur kognitiven Flexibilität, also dem bewussten Wechseln zwischen verschiedenen Aufgaben und Situationen, reift erst relativ spät aus und ist oft auch bis weit ins dritte Lebensjahrzehnt hinein nicht vollständig entwickelt, weiß Professor Michael Falkenstein zu berichten. Der Wissenschaftler leitet die Projektgruppe „Altern, Kognition und Arbeit“ am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund (IfADo). „Vieles, was wir täglich tun, erfolgt zum Teil automatisch, einfach, weil viele Arbeitsprozesse überlernt sind. Schwierig wird es dann, wenn wir auf etwas Unerwartetes treffen. Dann müssen wir sehr bewusst und kontrolliert handeln“, erläutert der 64-Jährige, der sich seit über zwanzig Jahren am IfADo mit der Veränderung der kognitiven Leistungen im Alter beschäftigt.

Die kognitive Flexibilität gehört zu den exekutiven Funktionen im Gehirn. Zusammen mit der Inhibition und dem Arbeitsgedächtnis ist sie quasi die Standardfunktion unserer Aufgabenbewältigung. Die Inhibition ist dabei für die Hemmung unwichtiger Informationen zuständig sowie dafür, Störreize und Impulse auszublenden, während das Arbeitsgedächtnis gewissermaßen der Anker für alle Informationen ist, die gerade gebraucht werden. Angelegt sind sie im Frontalcortex des Gehirns.

Problematisch ist, dass der Trend zum Flexibilitätszwang genaugenommen im Konflikt zur demografischen Entwicklung steht, denn die kognitiven Fähigkeiten nehmen im Alter ab. Wann und wie stark hängt dabei sehr vom Einzelfall und der jeweiligen Fähigkeit ab. Oft geschieht das ab 60, es gibt aber auch Untersuchungen, die von einem früheren Abbau ausgehen. „Das logische Denkvermögen beispielsweise verschlechtert sich schon ab 40, nicht dramatisch, aber messbar“, sagt Michael Falkenstein. Ausschlaggebend für den Verlauf der kognitiven Fähigkeiten mit dem Alter sind vor allem Umwelteinflüsse, insbesondere die Art unserer Tätigkeit, ergänzt er.

Im Rahmen des PFIFF-Projektes (Programm zur Förderung und zum Erhalt intellektueller Fähigkeiten für ältere Arbeitnehmer) hat der Dortmunder Wissenschaftler genau das bei Mitarbeitern der Adam Opel AG untersucht. In einer ersten Phase sind mit Leistungstests und Hirnstrom-Messungen (EEG) die kognitiven Fähigkeiten überprüft worden. Hier zeigte sich anhand der Ergebnisse und auch der EEG-Signaturen, dass ältere Arbeitnehmer mit stark repetitiver Arbeit deutliche Defizite gegenüber denen haben, die flexibler gearbeitet hatten. „Diejenigen, die zehn Jahre lang am Band gestanden haben, sind gewissermaßen geistig vorgealtert“, erläutert Falkenstein. Schwierig war dabei nicht der Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben. Probleme traten dann auf, wenn es darum ging, mehrere Teilaufgaben und ihre Reihenfolge im Gedächtnis zu halten. Dann stieg die Fehlerrate deutlich. Gelitten hatte in dem Zusammenspiel also vor allem das Arbeitsgedächtnis.

Aufgaben finden, die Spaß machen

In einer zweiten Phase haben die Wissenschaftler dann interveniert und mit 120 älteren Opel-Bandarbeitern über drei Monate hinweg die kognitiven Fähigkeiten und auch deren Stressmanagement trainiert. Aufgebaut war das Training multimodal, also mit vielen verschiedenen Aufgaben, die alle paar Minuten wechselten und sich im Schwierigkeitsgrad steigerten. „Die Kunst ist, Aufgaben zu finden, die Spaß machen, obwohl sie anstrengend sind“, sagt Michael Falkenstein, der auch in Serious Games einen guten Ansatz sieht. Nach dem Training zeigte sich dann, dass die kognitiven Fähigkeiten sich wieder deutlich verbessert hatten und auch in den betroffenen Hirnarealen war wieder mehr Aktivität messbar. Gerade also mit Blick auf den steigenden Altersdurchschnitt und die Lebensarbeitszeiten erscheint es sinnvoll, Arbeitsprozesse und Lernziele so zu gestalten, dass die kognitiven Fähigkeiten möglichst lange auf hohem Niveau erhalten bleiben.

Doch nicht nur unser tägliches Verhalten beeinflusst, wie geistig flexibel wir sind. Es gibt noch eine tiefere Ebene, eine Art übergeordnetes Muster im Gehirn, das bestimmt, in welchen Grenzen wir überhaupt zu agieren in der Lage sind, wie Professor Gerald Hüther zu bedenken gibt. Der Göttinger Neurobiologe umschreibt dies mit dem Begriff „innere Haltung“ oder „Überzeugung“. Dies kann die Vorstellung sein, dass ein Unternehmen immer hierarchisch organisiert sein muss, oder eben auch, dass ein Orchester einen Dirigenten braucht, auch wenn es offensichtlich nicht so ist.

Wenn also beispielsweise jemand fest davon überzeugt ist, dass alles seine Ordnung haben muss, dass alles in geordneten Bahnen ablaufen muss, ist das eine Haltung, die erst einmal für ihn funktioniert. Wenn nun aber ein Ereignis eintritt, dass nicht mehr mit seinem Ordnungssystem vereinbar ist und er sich beispielsweise auf neue, nichtlineare Arbeitsstrukturen einstellen muss, gerät er in Schwierigkeiten und kann nicht mehr darauf reagieren. Seine innere Überzeugung begrenzt seine Flexibilität.

Angeboren ist diese Haltung nicht, sondern derjenige hat irgendwann in seinem Leben die für ihn positive Erfahrung gemacht, dass es besser ist, seine Welt zu ordnen. Die Haltung hat damit eine emotionale Komponente bekommen. „Die Tatsache, dass diese Muster kognitiv und emotional im Hirn verankert sind, hat zur Folge, dass man sie nicht durch Logik ausschalten kann“, erläutert Gerald Hüther. Die Muster intellektuell zu durchschauen reicht also nicht, um die eigene Hemmschwelle zu überwinden. Dafür braucht es zusätzlich wieder eine intensive emotionale Erfahrung, die zeigt, dass auch die neue Variante positiv ist. Möglich ist dies in jedem Alter.

Die selektive Aufmerksamkeit leidet

„Es gibt Trends in der Gesellschaft, in der sich diese Erfahrungen auch von Generation zu Generation ändern. Im Moment haben wir eine, die sehr schnell umschalten kann“, sagt der Göttinger Hirnforscher. Und wenn Kinder in einen solchen Kulturkreis hineinwachsen, machen sie schon früh die Erfahrungen, dass es gut für sie ist, so schnell zu sein. Begründet sieht Hüther das unter anderem auch in unserem Wirtschaftssystem, indem alle Prozesse, die mit Absatz, Verkauf und dem Aufbau von Produktattraktivität zu tun haben, immer aufmerksamkeitsheischender werden müssen – und damit taktgebend werden. Zwar trainiert dies durchaus die Flexibilität, merkt auch Michael Falkenstein an, doch leidet darunter die selektive Aufmerksamkeit und vermutlich auch die Hemmung unerwünschter Informationen. „Wir müssen uns auch die Frage stellen, warum der Mensch seine innere Beziehung zu sich selbst so weitestgehend verloren hat, dass er sich derart stark nach außen orientiert“, sagt Gerald Hüther dazu. „Burn-out und Bore-out können der Preis dafür sein, wenn sich der Mensch im Inneren selbst verliert.“