Die HR-Diplomatin

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Esther Loidl will verstehen, wo sie als Personalerin gebraucht wird, in Kontakt kommen mit all den Mitarbeitern, für die sie bei Freudenberg Sealing Technologies verantwortlich ist. Dass sie dafür um die Welt jetten muss, nimmt die Österreicherin gern in Kauf.

Das neue Jahr ist gerade einmal eine Woche alt, und eigentlich viel zu warm für diese Jahreszeit. Für Esther Loidl ist es der erste Arbeitstag nach ihrem Urlaub, den sie an den Weihnachtsfeiertagen mit ihrer Familie in Wien und zum Jahreswechsel bei ihrem Partner in London verbracht hat. Die ersten Arbeitsstunden hat die Österreicherin ein kleines bisschen ihrer Post und deutlich mehr ihren Mitarbeitern gewidmet. Sie findet das wichtig, sagt sie, „einfach zu hören, ob es allen gut geht, ob sie gut ins Jahr gestartet sind.“

In Wien und der Metropole an der Themse hat sie die Gelegenheit genutzt, Museen und Ausstellungen zu besuchen. Kunst ist eine ihrer Leidenschaften. Sie selbst malt ebenfalls. „Abstrakt“, antwortet sie auf die Frage nach dem Was und winkt gleich lachend ab: „Ich glaube, ich bin ein sehr kreativer und visueller Mensch, aber ganz ehrlich nicht talentiert genug, um das zu einem Beruf zu machen.“

Ihr Arbeitsplatz liegt in Weinheim, sie selbst wohnt in Heidelberg, knapp 20 Autokilometer entfernt. Nun ist Weinheim nicht die Welt, ist nicht Wien, Hamburg und beileibe auch nicht London. Und doch ist dieses 43.000-Seelen-Städtchen wie ein Tor zur Welt. Seit weit über hundert Jahren ist hier das Familienunternehmen Freudenberg zuhause. Ein Teil davon ist der Dichtungssystemhersteller Freudenberg Sealing Technologies. Eines seiner Produkte, den Simmerring, kennt jeder, der schon einmal eine Antriebswelle aus der Nähe gesehen hat. Das Unternehmen dagegen ist wohl eher ein Hidden Champion. Esther Loidl ist hier als Vice President Global Human Resources für immerhin 17.000 Mitarbeiter an 45 Standorten weltweit verantwortlich.

Präsenz vor Ort

Dafür ist die 42-Jährige viel unterwegs, war beispielsweise im vergangenen Jahr mindestens alle sechs Wochen im amerikanischen Regional Headquarter in Plymouth in der Nähe von Detroit, jeweils eine Woche lang. Mindestens 15 der 45 Standorte will sie pro Jahr besuchen, mit den Menschen dort ins Gespräch kommen. Sicherlich, vieles davon ließe sich heute digital erledigen, „aber meine Erfahrung aus inzwischen 15 Jahren Personalwesen ist die, dass man digital, was Personalthemen anbelangt, immer nur an der Oberfläche kratzt.“

„Ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Stimmung vor Ort ist, wie Führung dort wahrgenommen wird, das geht nur, wenn man auch dort ist“, sagt Esther Loidl. „Ich glaube einfach nicht, dass ich meine Arbeit machen könnte, wenn ich nur an einem Standort wäre. Es geht darum zu verstehen, wo wir als Personaler gebraucht werden.“

Gebraucht wird sie bei Freudenberg Sealing. Ihre globale Funktion gab es so noch nicht, als sie im Mai 2013 von Brose zu dem Unternehmen wechselte. Freudenberg war damals sehr dezentral organisiert. Es gab keine klare Struktur im Personalwesen, keine Tools und Strategien, die weltweit einheitlich implementiert wurden, und das bei einem Unternehmen, das mit über 250.000 unterschiedlichen Produkten ausgesprochen komplex war. Herausfordernd und reizvoll, kommentiert die HRlerin das. „Ich hatte alle Freiheiten, meine Funktion selbst zu definieren.“

Bevor es darum gehen konnte, eine bestimmte Rolle definieren, oder gar eine Personalstrategie zu entwickeln, hieß es für die Österreicherin erst einmal, die Abläufe in dem Unternehmen kennen zu lernen und in Gesprächen mit der Führungsmannschaft herauszufinden, was eigentlich von der Personalfunktion erwartet wird – und von ihr als Personalchefin. Knapp ein halbes Jahr hat das in Anspruch genommen. Inzwischen steht die Personalstrategie für die nächsten drei Jahre, die einhergeht mit einer Wachstumsstrategie für das Unternehmen. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass eines der großen Themen, mit deren Umsetzung Esther Loidl gerade beschäftigt ist, ein einheitliches Talent Management ist – für die ganze Gruppe wohlgemerkt.

Ob es ihr schwer gefallen ist, sich in Industrieunternehmen zurechtzufinden? „Ich kenne es gar nicht anders“, antwortet sie dann amüsiert, „ich bin seit Anfang an gewohnt, in einem männlich dominiertem Umfeld zu arbeiten. Ich hätte wohl eher Schwierigkeiten, wenn es nicht so wäre.“ Aufgewachsen ist Esther Loidl in einer Akademikerfamilie in Bad Ischl, im österreichischen Salzkammergut. Alles dort lebte vom Tourismus und der allgegenwärtig erscheinenden Sissi-Romantik. Für Esther Loidl bedeutete dies vor allem eines: Fernweh. Ihr ursprünglicher Plan war in den diplomatischen Dienst zu gehen. „Jetzt bin ich ja so etwas ähnliches“, sagt sie und lacht. „Die Grundidee, in der mich meine Familie auch immer unterstützt hat, war, dass ich raus in die Welt wollte. Ich war schon als Kind von allem Fremden fasziniert.“

Von Österreich nach Mexiko

Also ging sie erst einmal in den Tourismus. Machte mit 14 Jahren ein erstes Praktikum in einem Gasthaus, das zweite als Zimmermädchen dann in einem großen Hotel in Wien. „Das hat mich sicherlich geerdet und mich gelehrt, was es bedeutet, mit harter Arbeit sein Geld zu verdienen“, erinnert sie sich. Abgeschreckt hat sie das nicht. Ihre Matura hat Esther Loidl an einer Fremdenverkehrsschule gemacht, mit integrierter Berufsausbildung: „Zum Fremdenverkehrskaufmann, die Kauffrau gab es damals noch nicht“, sagt sie. Dazu eine Koch- und Kellnerausbildung – ein Schmunzeln. Doch das Fernweh blieb und das war auch der Grund für den nächsten Schritt, Anfang der 90er Jahre nach Mexiko an eine Sprachschule zu gehen. „Ursprünglich wollte ich mein Spanisch verbessern und habe dort dann meinen damaligen Mann kennengelernt, wie das Leben eben spielt.“ Anfang 1992 zog sie ganz nach Santiago de Querétaro, einer typischen alten Kolonialstadt 200 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt. Das Pendeln wurde einfach zu viel und als sie das Angebot bekam, als Managerin die Rezeption eines Hotels zu übernehmen, fiel die Entscheidung gegen Österreich und für Mexiko. Sehr schnell wurde daraus dann die Verantwortung für das gesamte Haus.

Esther Loidl klingt begeistert, als sie von dem Land in Mittelamerika erzählt. „Ich war gerade einmal 20 Jahre alt und habe eine große Gruppe mexikanischer Männer geführt, als blonde Europäerin. Das war schon eine harte Schule, aber sie hat mich auf alles vorbereitet, was danach kam.“ Was danach kam, das war Brose. Mexiko und eben auch die Stadt Querétaro waren damals alles andere als die aufstrebenden Industriezentren von heute. Die Unternehmen waren gerade erst dabei sich anzusiedeln. „Ich kannte sie alle durch meine Tätigkeit im Hotel“, erzählt sie, „und Leute, die drei Sprachen fließend sprechen und internationale Erfahrung haben, waren damals ziemlich rar.“ Entsprechend häufig ist sie auch von Unternehmen angesprochen worden. Nach gut fünf Jahren in der Hotellerie war es Zeit für etwas anderes und Esther Loidl nahm ein Angebot des Automobilzulieferers an, die Assistenz der Geschäftsführung am Standort zu übernehmen. Vorbei war es mit der Führungsverantwortung für ein 50-Mitarbeiterhotel. „Brose war damals noch sehr klein und ich war quasi Mädchen für alles und habe all das übernommen, was irgendwie mit Deutschland zu tun hatte. Auch die Personalthemen“, erzählt sie.

2001 wurde sie im Rahmen eines Mitarbeiterentwicklungsprogrammes dann nach Coburg in Deutschland versetzt, auch weil es für sie bei Brose in Mexiko keine Entwicklungsperspektive mehr gab. Und weiterentwickeln wollte sie sich. Noch heute merkt man deutlich, wie schwer es Esther Loidl gefallen sein muss, ihr über ein Jahrzehnt gewachsenes Umfeld aufzugeben. „Was ich an Mexiko unglaublich geschätzt habe, waren die Menschen, ihre Wärme und Offenheit. Der Arbeitsplatz war wie eine große Familie. In Oberfranken war das natürlich ein bisschen anders.“ Wiedereingliederungsmanagement für Expatriates war damals wohl noch ein frommer Wunsch. Man dachte noch, dass Deutschland und Österreich irgendwie das gleiche wären und zehn Jahre im Ausland nicht relevant, erläutert sie.

Wenn Esther Loidl heute Expatriates auf ihren Auslandsaufenthalt vorbereitet, nimmt sie sich sehr viel Zeit und spricht auch über ihre eigenen Erfahrungen. „Es gibt so eine Schwelle von fünf Jahren, danach wird es sehr viel schwieriger und die Rückkehr in die Heimat wird genauso schwer wie der Gang ins Ausland selbst“, sagt sie.

Zurück zu HR

Bei Brose in Coburg war Esther Loidl zuerst mit Projekten im Marketing und Corporate Design betraut, bevor sie zu einem größeren Organisationsprojekt hinzustieß, dass zusammen mit der Beratung McKinsey durchgeführt wurde. Es ging darum, das Unternehmen neu zu strukturieren, um auf das anvisierte Wachstum vorbereitet zu sein. Esther Loidl übernahm hier die Verantwortung für das Teilprojekt Human Resources. „Als das Projekt dann abgeschlossen wurde, hat man mich gefragt, ob ich das, was ich mir Tolles einfallen lassen habe, jetzt nicht auch umsetzen möchte. Und so kam ich dann ‚wieder‘ ins Personalwesen“, erzählt sie.

Es scheint ganz gut funktioniert zu haben. Rund 4.000 Mitarbeiter hatte Brose, als Esther Loidl die Personalverantwortung übernommen hat. Als sie 2013 nach acht Jahren als Vice President Human Resources die Zeit für eine Veränderung gekommen sah, waren es 22.000.

Ob bei all den Reisen, Terminen und der Malerei noch Platz für andere Hobbys bleibt? „Ich lese gern“, sagt sie dann. „Im Flugzeug habe ich auch viel Zeit dazu.“ Am Wochenende geht es wieder nach London.