Die Lehre, die Studenten wollen

Unis, Arbeitgeber wie Studierende sind enttäuscht über die Bologna-Lehre an Hochschulen und die hohe Abbrecherzahl. Wie wäre es, wenn alle drei gemeinsam mit einem radikalen Experiment beginnen: der Orientierung an der Nachfrage der Studierenden?

Tocotronic und René Descartes wussten es schon länger: „Im Zweifel für den Zweifel“. Die Idee der Universität und der Wissenschaft ist nicht mehr der Universalismus und das „Wissen schaffen“. Die Universität ist ein unbedingter Ort des Zweifels und der Frage, wie es Jacques Derrida formulierte, an dem nichts außer Frage steht.

Zweifel und Selbstzweifel, Frage und Nachfrage sind die Impulsenergie für Forschung. An Hochschulen haben wir aber tatsächlich sehr lange langweilige Einführungsvorlesungen im Audimax gehalten, um die Studierenden für Weitergehendes zu interessieren. Häufig hört man die Kritik von Dozenten, dass Studierende nur noch konsumistisch das Prüfungsrelevante suchen. Häufig merkt man, dass nach der Einführung die Ausführung aus dem Studium steht: Die Zahl der Abbrecher und Studienwechsler sind auf Rekordniveau.

Wer nur PowerPoint einsetzt, verkennt eben, dass der wahre „Punkt der Macht“ die Frage ist. Wer fragt, der führt ja bekanntlich. Nachfragende Studierende könnten gute Führungskräfte werden. Deswegen helfen bei uns an der Universität nur zwei sinnlichere Interventionen:

(1) Vorherlesen statt Vorlesen (2) Forschende Lehre ohne Einführung zum Inwendiglernen statt Auswendiglernen!

Das Studium beginnt mit dem „Zeppelin Jahr“ – für hochfliegende und auch abstürzende eigene Forschungsfragen zu Oberthemen wie Krisen- und Katastrophentheorie, Architekturen oder Revolutionen. Und geht weiter mit dem „Humboldt Jahr“ (hier: Alexander) im 6. und 7. Semester, das forschende Weltreisen in unbekanntes Gelände ermöglicht. Das Fazit: Nachfrageorientierung gelingt dann, wenn Ermittlungsinteresse vor der Vermittlungsfähigkeit steht.

Universitäten sind keine Arbeitsmarktzertifikatsmaschinen. Es geht nicht um bezeugte Abschlussfähigkeiten, sondern um überzeugende Anschlussfähigkeiten durch kluge Überraschungen und Beziehungsfähigkeiten. Bildung wird dann zu einem Vermögen, mit unbeantwortbaren Fragen, mit unlösbaren Problemen, mit Nicht-Wissen in Gesellschaft anders umzugehen. Das nennen wir Intelligenz. Bologna stellte auf „Employability“, also Beschäftigungsbefähigung, ab. Eine Lösung für ein nicht bestehendes Problem: die Akademiker-Arbeitslosigkeit ist stabil unter drei Prozent. Und nun klagen Arbeitgeber und Personalverantwortliche über eine überangepasste Generation, die nur den Arbeitsmarkt im Blick habe und nicht die eigenen brennenden Themen, Talente und Tollkühnheiten.

Der Wilhelm von Humboldtsche-Gedanke der „universitas“ als Spiel unter Erwachsenen ist anspruchsvoll, wenn es nicht Rhetorik bleibt: Universitas nicht nur als Einheit der Disziplinen von Lehre und Forschung, sondern auch von Lehrenden und Lernenden – „der Erste ist nicht für den Letzteren, sondern beide sind für die Wissenschaft da“. Humboldt ist ein Exportschlager – und kaum mehr zu Hause zu finden. Die Studierenden könnten hier den Unterschied machen. An unserer Universität haben wir deswegen nicht nur eine studentische Vizepräsidentschaft – in Vollzeit –, sondern auch die „StudentStudies“, also selbsterfundene nachfrageorientierte Seminare durch die Studierenden – sogar mit Kreditpunkten.

Kant ahnte das schon 1798: Die Versöhnung der Fakultäten wird schwer. Die Zeppelin Universität startete mit einem Grafitti an der Turnhalle vor dem ersten schnell umgewidmeten Gebäude 2003: „Wirkliche gesellschaftliche Probleme sind undiszipliniert. Wir auch!“. Gesellschaftliche Transformationen – ob Energiewende, Mobilitätswende, Gesundheitswende oder Demografiewende – liegen quer zu den Disziplinen und verlangen eine Mehrsprachigkeit in Theorien und Methoden, jede Menge Fragen und interdisziplinäre Nachfragende und Umsetzende – also spezialisierungsfähige Generalisten.

Wer nicht fragt, bleibt vielleicht nicht dumm, aber lernt das Lernbare. Für alle anderen gilt: Sinnlichere Nachfrageorientierung und forsche Undiszipliniertheit könnten die schönste Sucht der Wissensgesellschaft für Unis wie Unternehmen auslösen: Neugier. Oder was denken Sie?