Digitalisierung – die Ära des Games

Wie ist es zur digitalen Revolution gekommen? Das diskutiert Allesandro Baricco in
© gettyimages / scyther5

Der italienische Philosoph und Schriftsteller Alessandro Baricco sucht nach Antworten auf die Fragen, wie es zur digitalen Revolution gekommen ist und wie wir heute leben – zwischen Web und Wirklichkeit. Seine Erkenntnisse hat er mit großer Sprachkunst in seinem Essay „The Game“ zusammengeführt.

Es gab einen Moment, in dem der damals dreijährige Sohn von Alessandro Baricco seinem Vater ungewollt vor Augen führte, dass seine Kultur sich fundamental gewandelt hatte. Der Spross des italienischen Philosophen hatte in einer Tageszeitung das Bild eines Fußballers entdeckt. Er versuchte in die Fotografie hineinzuzoomen, bewegte Daumen und Zeigefinger langsam auseinander, blickte verwirrt auf dieses unbewegliche Etwas. Und ließ schließlich davon ab.

Dieselbe Geste vollführte Steve Jobs, als er 2007 mit kindlich anmutender Freude das I-Phone präsentierte. Damals ging ein ungläubiges Raunen durch den Saal, denn durch die neue Touch-Technologie konnten die Nutzer fortan mit einem Fingertipp, leicht wie ein Flügelschlag, in die virtuelle Welt gleiten. Keine Tasten mussten gedrückt werden. Das Smartphone wurde zur Erweiterung des Menschen und gehört heute zur lässigen Selbstverständlichkeit unseres Seins.

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Die Lektüre von Alessandro Bariccos Essay „The Game“ versetzt den Leser zurück in eine Zeit, als man über die bahnbrechenden Neuerungen der Digitalisierung noch zu staunen vermochte. Baricco schafft das mit beeindruckender Präzision. Er kreiert einen Raum der Konzentration; ein seltenes Gut in einer Kultur, die sich der Sehnsucht nach Schnelligkeit, Bewegung und Mühelosigkeit verschrieben hat.

Ein System mit zwei Herzen

Baricco nimmt sich Zeit, diese Kultur zu verstehen. Er spürt den ersten Erschütterungen nach, die den Boden für ein System bereiteten, in dem zwei Herzen schlagen. Es besteht aus der wirklichen Welt und der digitalen Kopie dieser Welt, die Extrawelt. Sie ist gefüllt mit Abermillionen Websites, die an einem „virtuellen Nicht-Ort“ existieren.

Bariccos erste These lautet: Zuerst war die geistige Revolution da, dann folgte die Technologie und nicht andersherum. Diese neue mentale Haltung sei einem Fluchtinstinkt entsprungen, einem Verlangen nach Entgrenzung. Das 20. Jahrhundert gehört zu den grausamsten der Menschheitsgeschichte und war laut Baricco gezeichnet von der Besessenheit jedweder Grenzziehung. Es herrschte der „eiserne Wille, die Welt in geschützte und gegeneinander abgeriegelte Gebiete zu unterteilen“. Die digitale Extrawelt hingegen ist entmaterialisiert, ohne Anfang und Ende, zu betreten an jeder beliebigen Stelle. Jede Information und damit jedes beliebige Stückchen Welt lässt sich durch die Digitalisierung in eine Folge von Nullen und Einsen übersetzen. Die Wirklichkeit wird schwerelos.

Die Mutation der Erfahrung

Das ist der Beginn einer Revolution, deren Ziel vage ist. Baricco möchte diese Ungewissheit erspüren, indem er sie anhand von Phänomenen und Fakten kartografiert. Er findet den Ursprung der Sehnsucht nach einer offenen Welt in einer Erfindung aus dem Jahr 1978: Der Geburtsstunde des Computerspiels Space Invaders. Ein Riesenerfolg. Baricco detektiert darin eine Mutation der körperlichen Erfahrung: Die Menschen ballerten in den Spielhallen wie verrückt auf Aliens, in gekrümmter Haltung nutzten sie dafür ihre Finger, die auf Tasten drückten, der Blick stoisch auf den Bildschirm geheftet.

Baricco blickt noch weiter zurück. Was war vorher? Flipper. Und davor? Tischfußball. Beim Tischfußball ist der Ball real, sind die Geräusche echt, der Mensch bewegt sich. Beim Flipper trennt plötzlich eine Glasplatte Spiel und Mensch, die Geräusche werden elektronisch erzeugt, eine schwache Empfindung vom Ball bleibt übrig. Bei Space Invaders hingegen ist der menschliche Körper obsolet geworden. Da ist kein Widerstand; die Erfahrung ist schnell, fluid, reibungslos. Die Ära des Games ist eingeläutet. Von nun an ist alles so intuitiv wie ein Spiel. Auch das Smartphone ist Ausdruck dieser Haltung. Es funktioniert, ohne dass man es erklären muss. Enjoy it!, ruft es uns zu.

Die Herausforderungen des Games

Doch dieses Game wird mittlerweile von Giganten gesteuert wie Google, Facebook oder Twitter. Die Wahrheit des Games ist eine „schnelle Wahrheit“, es reichen Tweets oder Überschriften, denen geglaubt wird, ohne tiefer zu graben. Tatsachen werden ohne unterhaltsames Storytelling kaum wahrgenommen, die Erfahrung ist eine nicht-körperliche geworden, und wir dürsten danach, unter den Blicken der anderen zu existieren: „Im ungeheuren Erfolg von allem, was digital und sozial ist, verbirgt sich die banale Wahrheit, dass wir nicht weit kommen, wenn wir mit dem stummen Geheimnis unseres Ichs alleingelassen werden.“

Bariccos Text ist wirklich das, was er verspricht: ein Essay. Der Versuch, ein Phänomen zu umkreisen, ein beobachtender Gedankenspaziergang. Der Habitus des Philosophen ist locker, selbstironisch und auf angenehme Weise neutral. Es ist ein Herantasten an Möglichkeiten, die er anhand von Fakten zur Entstehung des Internets (die Infrastruktur), des World Wide Webs (ein Dienst, um das Internet zu nutzen) und der New Economy erklärt. Baricco trifft Annahmen, distanziert sich wieder von ihnen, leuchtet Alternativen aus und zeichnet Landkarten, die die Genese der digitalen Rebellion nachvollziehen. Zwischenzeitlich fasst er seine Gedanken in kurzen Definitionen zusammen, „Screenshots“, oder „zoomt“ sie durch tiefergehende Erklärungen heran, um noch genauer hinzuschauen. Er will niemanden bekehren, er möchte offenlegen.

Manchmal verliert Baricco den Leser, während ihn seine Gedanken in ferne philosophische Sphären tragen, oder er umkreist eine Idee unzählige Male, sich selbst steigernd in seiner Poetik und Metaphorik, so dass man als Leser leicht strapaziert weiterblättern möchte. Letztendlich wagt man es nicht, denn Baricco fängt sich immer wieder selbst ein. Ob der Schönheit seiner Sprache seien ihm die gedanklichen Umwege verziehen.

Für wen die Detailtiefe seines Essays zu viel Anstrengung birgt, der kann sich auch die Lightversion seiner Erkundungen zu Gemüte führen: die 25 Thesen am Schluss. Für alle anderen gilt: Smartphone aus, Langsamkeit wagen und das 300-Seiten-Buch lesen. Baricco ist wahrlich kein Game-Pessimist, aber er sagt auch: „Solange wir Bücher noch zu nutzen wissen, werden wir Menschen sein.“

Allesandro Baricco: The Game, Cover

The Game. Topographie unserer digitalen Welt. Alessandro Baricco, übersetzt von Annette Kopetzki, 384 Seiten, Hoffmann und Campe, 24 Euro