Können Frauen von der Digitalisierung profitieren? Ja, aber.

06.03.2019  |  Deidre Rath
(c) gettyimages / nd3000
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Männer gelten als erste „Opfer“ der Digitalisierung. Das heißt aber noch lange nicht, Frauen wären automatisch die Gewinnerinnen.

Noch immer wenden sich viele junge Frauen nach der Schulzeit am liebsten einem sozialen oder geisteswissenschaftlichen Studienfach zu. Den so genannten MINT-Bereich – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ignorieren die meisten Schulabgängerinnen dagegen. Dabei gibt es durchaus Versuche, dies zu ändern. „Komm, mach MINT.“ wirbt zum Beispiel eine bundesweite Netzwerk-Initiative, die Mädchen und Frauen für die MINT-Studiengänge begeistern soll. Und am Girl’s Day können sich Mädchen auch mal den Helm vom Bauingenieur aufsetzen. Die ersten zarten Erfolge in Form höherer Einschreibungszahlen lassen sich bereits verzeichnen. Angesichts derzeitiger Digitalisierungsszenarien könnte man aber fragen: Ist das eigentlich nötig?

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Von der Automatisierung sind vor allem Männer betroffen

Es gibt da zum Beispiel das Szenario, das besagt, von der Digitalisierung seien zunächst vor allem die geringqualifizierten Männer betroffen. Die sind traditionell eher in der Industrie und klassischen Produktionsberufen tätig. In Arbeitsfeldern also, die besonders stark von der fortschreitenden Automatisierung betroffen sind. Frauen dagegen sind derzeit in den sozialen Berufen deutlich in der Überzahl. Und da sich zwischenmenschliche Kompetenzen auch in naher Zukunft nicht so leicht durch eine künstliche Intelligenz ersetzen lassen, benötigt der soziale Dienstleistungssektor auch weiterhin seine menschlichen Fachkräfte.

Sind Frauen also die Gewinnerinnen der Digitalisierung?

Eher nicht. Zumindest nicht in finanzieller Hinsicht. Vielmehr wird der „Angstfreund“ Digitalisierung zur fortschreitenden Prekarisierung der Arbeit von Frauen führen, wenn nicht bald eine deutliche Trendwende in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zu verzeichnen ist. Dienstleistungstätigkeiten – etwa im sozialen Sektor – profitieren nämlich nicht in gleichem Maße vom Lohnwachstum wie der industrielle Bereich und werden traditionell deutlich schlechter bezahlt. In (informations-)technischen Berufen könnte man deutlich mehr verdienen.

Und dennoch sind weltweit laut dem aktuellen Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums lediglich 22 Prozent der KI-Experten weiblich. Die Glücklichen, die es in die von Männern dominierte Welt der Technik-Nerds geschafft haben, verdienen dann allerdings trotzdem rund 38 Prozent weniger, wie die Rheinische Post letzte Woche berichtete.

Nie gekannte Freiheiten für Frauen

Auch der optimistische Zwischenruf, die Digitalisierung bringe zumindest in Gestalt der Plattformisierung nie gekannte Freiheiten und Vereinbarkeitslösungen für Frauen, ist durchaus kritisch zu sehen. Wenn Frauen auf Online-Plattformen wie beispielsweise Helpling ihre Dienste direkt anbieten und so auch kleinere Aufträge abarbeiten, ist das natürlich sehr unbürokratisch. Es trägt aber kaum zu ihrem Wohlstand bei, denn in der Regel handelt es sich um prekäre und vor allem ungesicherte Arbeitsverhältnisse. Ganz zu schweigen davon, dass hierdurch keinerlei Rentenansprüche entstehen.

Die Digitalisierung kann zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führen

Das eingefahrene Geschlechternarrativ bringt für Frauen auf vielen beruflichen Ebenen Nachteile: Ihre Lebensläufe werden bei identischer Leistung noch immer tendenziell schlechter bewertet als die von Männern, sie werden seltener befördert und oft schlechter bezahlt. Die Digitalisierung kann aber eine Chance sein, damit endlich aufzuräumen.

Verzerrende Effekte bei der Vorauswahl oder der Mitarbeiter*innenbewertung, sogenannte Unconsciousness Bias, sind vor allem eines: menschlich. Der Einsatz von KI könnte also zu mehr Objektivität führen. Allerdings lernen Algorithmen nur das, was wir ihnen beibringen. Und es muss noch einiges getan werden, wie der jüngste Skandal diskriminierender KI bei Amazon gezeigt hat.

Bei allen negativen Tendenzen: Das Ziel sollte nicht sein, aus jeder Frau einen Technik-Nerd zu machen oder ihr ein Studium in Informatik vorzuschreiben. Vielmehr muss es darum gehen, die Digitalisierung auch im Kleinen zu nehmen: Die Autorin Deidre Rath beispielsweise hat sich deshalb heute schon mit dem Seitenquelltext des Human Resources Manager beschäftigt.