Weibliche Vorbilder sind rar in der Tech-Branche

Aliona Virsutiene berichtet von Nerd-Klischees, Selbstzweifeln und weiblichen Vorbildern auf ihrem Weg in eine Führungsposition in der IT-Branche.
© Vinted

Aliona Virsutiene berichtet von Nerd-Klischees, Selbstzweifeln und weiblichen Vorbildern auf ihrem Weg in eine Führungsposition in der IT-Branche.

Von klein auf faszinierten mich Mathematik und Physik genauso wie Sprachen. Durch die gesellschaftlich festgelegten Stereotypen, dass MINT-Studienfächer jedoch eher etwas für Introvertierte oder Männer ist, entschied ich mich zunächst für das Studium der Politikwissenschaften und Public Policy, da ich fälschlicherweise glaubte, dass dort mehr Platz für Soft Skills als Hard Skills wäre. Danach zog es mich in die Eventbranche. Mein Weg führte mich schließlich von Events zur IT-Projektmanagerin und Teamleiterin bis hin zur Abteilungsleiterin. Jahre später bin ich nun Teil der Tech-Männerdomäne als Director of Engineering bei Vinted, der größten C2C-Plattform Europas und leite ein 40-köpfiges Entwickler:innen-Team.

Mein Weg in die IT-Branche: Weibliche Vorbilder sind ein wichtiger Schritt zu mehr Diversität

Nach meinem Studium der Politikwissenschaften und Public Policy merkte ich, dass Politik nicht mein Ding ist. Ich ging in die Eventbranche, vorerst zumindest. Dort war ich unter anderem für die Eventplanung großer Konferenzen und Konzerte, Public Relations und das Marketing zuständig. Schnell bemerkte ich, dass einige Prozesse viel einfacher ablaufen könnten. Als ich überlegte, von welchen Unternehmen ich am besten lernen könnte, wie solch effiziente Prozesse aussehen, kam mir der IT-Sektor in den Sinn. Schließlich ist dieser bekannt dafür, dass dort sehr zukunftsorientiert und innovativ gearbeitet wird. Allerdings zweifelte ich noch: Passt IT zu mir?

+++Sie bekommen von HR nicht genug? Dann melden Sie sich jetzt für unsere Newsletter an. Hier geht es zur Anmeldung!+++

„In der IT-Branche arbeiten hauptsächlich introvertierte Nerds!“, ist ein Satz, den man aus jeder Ecke immer wieder hört und der ein wenig einladendes Image vermittelt. Zu meinem Glück wurde ich vor über zehn Jahren vom Gegenteil überzeugt. Ich hatte das Privileg zwei besondere Frauen in IT-Führungspositionen kennenzulernen, die jegliche Vorurteile, die ich gegenüber der Tech-Branche hatte, verblassen ließen. Sie waren kommunikativ, unfassbar smart, elegant, sprachen über Strategien und verantworteten komplexe Projekte. In diesem Moment dachte ich: „Wenn sie in der Branche erfolgreich sind, kann ich das vielleicht auch.” Ohne die beiden getroffen zu haben, wäre ich vielleicht nie dort gelandet, wo ich heute bin.

Nur wer Selbstzweifel ablegt, schafft es zu wachsen: ein Motto, das auch ich lernen musste

Wirft man einen Blick auf Statistiken, wird klar, dass es wohl einige Frauen an sich selbst zweifeln. Denn sie bewerben sich erst dann für einen Job, wenn sie sich dafür zu 100 Prozent qualifiziert halten. Männer hingegen scheinen mehr Selbstvertrauen zu haben: Laut einer Studie von Zenger Folkman genügt ihnen eine 60-prozentige Übereinstimmung mit dem ausgeschriebenem Profil, um eine Bewerbung als erfolgversprechend einzustufen. Als ich zur Director of Engineering befördert und zum ersten Workshop der Führungskräfte eingeladen wurde, war das erste, was mir auffiel, dass neben mir zehn weitere hochtechnische und intelligente Männer mit sehr starken Meinungen saßen. Als einzige Frau im Zimmer plagten mich sofort Selbstzweifel. Meine ersten Gedanken waren, dass ich nicht gut genug für die Position sei und die männlichen Mitbewerber Vorteile wie die technische Ausbildung und viel mehr Selbstsicherheit vorweisen.

Nach den ersten anfänglichen Zweifeln stellte ich allerdings fest, dass ich meine Denkweise ändern musste. Anstatt mich weiterhin auf meine Defizite zu fokussieren, warf ich einen Blick auf meine Stärken. Mir wurde bewusst, dass ich gerade durch meine Weiblichkeit eine neue, frische Sichtweise ins überwiegend männliche Team mitbringe. Durch meine Erfahrungen im Projektmanagement, im agilen Coaching und durch die Führung verschiedener Teams weiß ich, wie man mit Meinungsverschiedenheiten umgeht. Außerdem bin ich gut darin, ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln, Menschen dazu zu bringen, als Team zu agieren und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Ich kann technische Initiativen des Unternehmens leiten, genauso weiß ich, welche Verhaltensweisen unser Organisationssystem fördert und wie man eine bessere Organisationsstruktur aufbauen kann, damit Menschen und Teams erfolgreich sind. Diese Erkenntnis gab mir das nötige Selbstbewusstsein, um in mich selbst und meine Fähigkeiten als Führungskraft zu vertrauen.

Teamerfolg: Es kommt auf die Fähigkeiten des gesamten Teams an

Auch in der IT-Branche ist es unabdinglich, auf diverse Teams und Ansichten zu setzen. Erfolgreiche Teams decken im Endeffekt die Blind Spots voneinander ab – sie ergänzen sich gegenseitig. Ein Beispiel: Mein Team verfügt über unfassbar wertvolles technisches Know-how, ohne welches wir nicht vorankommen würden. Unverzichtbar für den Erfolg sind jedoch auch andere Kenntnisse. Einige davon decke ich ab, etwa Projektmanagement, Führungserfahrung, Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit. Ich habe zwar nicht Softwareentwicklung studiert, aber das hält mich nicht davon ab, unseren Teams zu helfen.

Ich kenne und verstehe die wichtigsten IT-Konzepte und weiß, wie Software aufgebaut ist. Andernfalls könnte ich das Team auch nicht entsprechend durch aufkommende Probleme und Herausforderungen leiten. Meine Aufgabe ist aber eine andere: Dafür zu sorgen, dass sich jede:r im Tech-Team bei der Arbeit engagiert und motiviert fühlt. Ich stelle ein gesundes Arbeitsklima sicher und definiere klare Ziele, sodass alle Teams ihre Aufgaben verstehen und sich gegenseitig helfen können.

Als Director of Engineering helfe ich zudem den Leads der jeweiligen technischen Teams. Gemeinsam mit den Directors of Product, Design und Analytics arbeite ich beispielsweise an der Domain-Strategie, um eine klare Richtung und Vision für unsere Teams zu schaffen. Fusioniert man die Kenntnisse und Fähigkeiten aller Teammitglieder, bringt das Resultat Vorteile für den Betrieb selbst. Unterschiedliche Ansichten führen zu neuen Lösungswegen und ändern die Art und Weise, wie man bestimmte Aufgaben umsetzt. Dies stärkt nicht nur das Teamgefühl, sondern führt Unternehmen erst zu Höchstleistungen.

Ich versuche genau diese Ansätze auch meiner Tochter mitzugeben, denn auch sie träumt davon, später als junge erfolgreiche Frau in der IT-Branche durchzustarten. Blickt man auf die neuen Generationen, merkt man, dass Veränderungen bereits geschehen. Diese Veränderungen müssen wir weiterhin vorantreiben, indem wir Frauen motivieren und ihnen Chancen bieten und geben sich zu entfalten.