Edelmetall für die Regionen

Manche Unternehmen tun sich schwer, freie Stellen zu besetzen. Andere bekommen stapelweise Bewerbungen. Mithilfe eines Talentpools können Firmen gute Bewerber, denen sie aktuell keine Stelle anbieten können, weiterempfehlen.

Langweilig ist das erste Adjektiv, das vielen zu Hannover einfällt. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat kein besonders anziehendes Image. „Hannover hat Werbung nötig“, das sagt auch Hans-Jürgen Nissen, der Vorsitzende von Zukunft Inc. Er und sein Unternehmensnetzwerk wollen die Leute für die Stadt und deren Umgebung begeistern und damit mögliche neue Mitarbeiter in die Region locken. Denn: „Hannover gewinnt auf den zweiten Blick.“

Auf den zweiten Blick gibt es tatsächlich vieles vor Ort zu entdecken. Nissen will vor allem das Elektronik-Unternehmen Sennheiser, bei dem er als Employer Branding Manager tätig ist, und die anderen Firmen aus seinem Netzwerk bekannter machen. In der Branche kenne man Sennheiser zwar als attraktiven Arbeitgeber, außerhalb aber nicht. Das geht vielen Unternehmen so. In der Region Hannover hatte man daher die Idee, sich zusammenzutun und gemeinsam Personalmarketing zu betreiben. Dafür wurde Zukunft Inc. gegründet. Am Anfang waren es sieben regionale Marktführer, letztes Jahr ist mit der HaCon Ingenieurgesellschaft ein weiteres Mitglied hinzugekommen. Neben der Marktführerschaft sind der Standort in der Region Hannover und eine eigene Forschungsabteilung sowie Produktentwicklung Kriterien für die Mitgliedschaft im Netzwerk.

Neben dem gemeinsamen Personalmarketing will der Verein „Ressourcen und Wissen am Standort Hannover bündeln“ und neue Rekrutierungskonzepte entwickeln. Dafür gibt es drei Arbeitskreise, die sich regelmäßig treffen: Die Ausbildungsbeauftragten der Unternehmen, die Personalreferenten und die Referenten für Internet, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Auf der gemeinsamen Website schreiben die Mitglieder ihre Jobangebote aus. „Ein Bewerber hat somit auf einen Blick die offenen Stellen von acht Firmen präsent. Wir werden also von Leuten gefunden, die uns gar nicht gesucht haben“, erklärt Nissen.

Seit Januar nutzen die Hannoveraner ein neues Rekrutierungs-Tool, den Talentpool des Berliner Start-ups Younect. „Feuer und Flamme“ ist der Vereinsvorsitzende für das Tool. Die Idee des Talentpools knüpft an die klassische Mitarbeiterempfehlung an, die von Unternehmen in Studien immer wieder als geeignetes Instrument für die Anwerbung neuer Mitarbeiter bewertet wird. Der Talentpool ist speziell für Wirtschaftsförderer und regionale Netzwerke konzipiert. Firmen können damit Bewerber, die es auf die undankbaren zweiten und dritten Plätze im Auswahlverfahren gebracht haben, an andere Firmen aus dem eigenen Netzwerk weiterempfehlen. Denn: „Diese Bewerber sind nahezu genauso gut wie derjenige, der den Job bekommen hat“, sagt Martin Gaedt, der Geschäftsführer von Younect.

Die Idee zum IT-basierten Talentpool wurde an Gaedt herangetragen – aus einem Netzwerk: „Ein Unternehmensvertreter erzählte, dass er genug Bewerber habe, ein anderer berichtete das Gegenteil. Daraus entstand die Idee der gegenseitigen Empfehlung.“ Kerngedanke dahinter ist, die jeweilige Region oder Branche wirtschaftlich zu stärken indem dafür gesorgt wird, dass vielversprechende Kandidaten, denen ein Unternehmen keinen Job anbieten konnte, trotzdem in der näheren Umgebung bleiben. Die Wirtschaft sei ein zyklischer Markt, meint Gaedt: „Den gut qualifizierten Bewerber, der sich heute bewirbt und dem ich absagen muss, den brauche ich in zwei oder fünf Jahren vielleicht wieder.“ Dafür müsse dieser in der Region geblieben und gut auf das Unternehmen zu sprechen sein. Es geht also auch um Employer Branding, nicht nur um den Kampf um die besten Köpfe.

Ungleiche Verteilung statt Fachkräftemangel

 

Dazu passt, dass Gaedt seinen Talentpool, für den er im letzten Jahr die Auszeichnung „Land der Ideen. Ausgewählter Ort 2012“ bekam, nicht als Reaktion auf den Fachkräftemangel sieht. „Den Fachkräftemangel gibt es nicht. Vielmehr gibt es eine ungleiche Verteilung. Die Großen bekommen meist einfach mehr Bewerbungen.“ Man müsse dabei nach Branchen, Regionen und der tatsächlichen Größe der Unternehmen unterscheiden. Die Empfehlung kann dazu beitragen, die „Unsichtbarkeit vieler Unternehmen“ zu reduzieren und die Abwanderung von guten Bewerbern zu vermindern.

23 Netzwerke in Deutschland nutzen bereits den Talentpool, 9 weitere sind in Planung. Media.net, ein Unternehmenszusammenschluss der Medienwirtschaft in Berlin und Brandenburg, ist schon länger dabei. Dort wird das Empfehlungs-Tool aktuell von 60 Mitgliedsunternehmen genutzt. Bei mehr als 350 Mitgliedern ist das zwar keine besonders hohe Quote. Dennoch sieht Andrea Peters, die Geschäftsführerin des Bündnisses, im Talentpool die wichtigsten Bedürfnisse zur Personalrekrutierung angesprochen. Wie ihr Verband in der Studie medien.barometer herausfand, werden der Rückgriff auf Empfehlungen und Beziehungen mit 76 Prozent und der Einsatz digitaler Medien mit 63 Prozent als die mit Abstand relevantesten Wege zur Personalgewinnung eingeschätzt.

Younects Talentpool verbindet beides. Und ist für die Unternehmen einfach zu bedienen. Wenn sie einen Bewerber empfehlen möchten, geben sie nur den Namen und die E-Mail-Adresse desjenigen in die Benutzeroberfläche ein, anschließend bekommt der Bewerber eine Nachricht mit der Absage des Unternehmens und mit dem Hinweis, dass man ihn aber weiterempfehlen möchte. Daraufhin kann sich der Bewerber beim Talentpool registrieren, seine Unterlagen hochladen und selbst entscheiden, bei welchen Firmen aus dem Netzwerk er sich bewerben möchte. Dann bekommen die entsprechenden Firmen eine Benachrichtigung über den neuen Bewerber. „Uns ist es wichtig, eine simple Anwendung anzubieten, die den Schutz der Bewerberdaten gewährleistet.“ Aktuell würden sich, so Gaedt, 60 bis 75 Prozent der eingeladenen Bewerber für den Talentpool registrieren.

Empfehlung von Partnern

 

Die meisten Kunden des Talentpools sind kleine und mittelständische Unternehmen. Für die wurden im vergangenen Jahr fünfzehn größere Weiterentwicklungen des Talentpools vorgenommen, darunter die Möglichkeit, auch Lebenspartner von Leuten, die man gerne einstellen möchte, zu empfehlen oder bestimmte Unternehmen bei der Empfehlung vorzuziehen. Die meisten Ideen kämen aus den Netzwerken selbst, erzählt Gaedt. Ein anderes Thema sind die Bildungspartner. Viele Netzwerke kooperieren in verschiedener Weise mit Schulen und Hochschulen. Die können den Unternehmen dann ebenfalls Absolventen empfehlen. Diese Art der Zusammenarbeit plant auch Hans-Jürgen Nissen für Zukunft Inc.: „Wir werden beispielsweise mit dem Fraunhofer-Institut eine Partnerschaft eingehen. Die haben ein Akustikpotenzial, das sehr interessant ist. Besonders für Sennheiser.“ Außerdem kooperiere man bereits mit dem Werk-statt-Schule e.V., der Kindern und Jugendlichen einen Überblick über circa zwanzig verschiedene Berufsbilder gibt.

Die neueste Idee von Gaedt ist, einen Talentpool in Spanien zu starten. Er will den deutschen Nutzern seines Tools ausländische Fachkräfte empfehlen. „Dafür haben wir einen Partner, der die Vorauswahl vor Ort trifft.“ Den Kerngedanken des Talentpools, die Abwanderung von guten Bewerbern zu reduzieren, sieht er dabei nicht gefährdet. Die Bewerber aus dem Ausland seien vielmehr eine zusätzliche Quelle für die Firmen in den Regionen.