Ein Mediziner bei Hugo Boss

| |

Sein Plan war ein ganz anderer, doch den Weg verlassen zu haben, hat René Behr nie bereut. Heute ist er Head of Human Resources bei Hugo Boss und ziemlich glücklich damit. Ein Porträt.

Eine Freizeitvermeidungsstrategie habe er, hat ein guter Freund über René Behr einmal gesagt. Der 41-Jährige lacht, als er das erzählt. Er sieht das natürlich ganz und gar nicht so. Aber das tun viele Menschen, die in dem, was sie tun, Erfüllung finden. Auch wenn der objektive Betrachter das unterschreiben könnte, so wird er auch besagten Freund nicht ganz im Unrecht sehen.

Ein normaler Arbeitstag beginnt für René Behr dann auch mit zwei Konstanten. Die erste heißt Frühsport – den Kopf frei kriegen, sagt er dazu. Die zweite Sache, die er sich nicht nehmen lässt und für die im Terminkalender Platz sein muss, ist das Frühstück daheim. „Ich kann mir dann in Ruhe Gedanken über den Tag machen, schauen, wo es schwieriger werden könnte, wo ich besonders viel Konzentration brauche. Es ist ein schönes Mindset für den Tag.“ 15 Autominuten braucht es dann von der kleinen schwäbischen Ortschaft Aichthal, in der er seit noch nicht einmal einem Jahr zusammen mit seinem Mann wohnt, bis in die Zentrale von Hugo Boss in Metzingen. Hier geht er mit seiner Assistentin noch einmal durch, was am Tag anliegt, bevor er dann in die ersten Gespräche geht. Seit Mai 2013 ist er Head of Human Resources bei dem Modeunternehmen. Rund 12.000 Mitarbeiter hat Hugo Boss.

Eigentlich, sagt René Behr, sei er ja studierter Mediziner. Er sagt das im Spaß, aber er hat tatsächlich bis zum zweiten Staatsexamen Medizin studiert. Umentschieden hatte er sich dann, weil in den 90ern die Berufsaussichten für Ärzte alles andere als gut waren. Und weil er ein Angebot hatte,  ins kalte Wasser zu springen. Die Offerte kam von der Meridian Leisure Group, einem Hamburger Fitnessunternehmen mit knapp 400 Mitarbeitern. René Behr war dem Unternehmen empfohlen worden und sollte dort die Organisationsentwicklung aufbauen – Quereinsteiger, studienbedingt etwas Erfahrung mit Psychologie und dann gleich Projektverantwortung. „Ich hatte einen Geschäftsführer, der geglaubt hat, dass ich das kann. Ich weiß bis heute nicht genau, was er in mir gesehen hat“, erinnert sich René Behr, dem noch heute anzumerken ist, wie sehr ihn das damals überrascht hatte. Nach knapp vier Monaten sollte er die Leitung des neu entstandenen Bereichs übernehmen. Personal- und Organisationsentwicklungsinstrumente gehörten zu der Zeit nicht unbedingt zur Grundausstattung in der Fitnessindustrie. „Es war schon fast wie eine Mondlandschaft. Ich hatte dadurch aber auch ein freies Spielfeld und nur wenig Chancen, etwas falsch zu machen.“

Sich einfach trauen

Frei von Zweifeln war diese Zeit für René Behr nicht, aber er wollte auch sich selbst beweisen, dass es kein Fehler war, der Uni den Rücken gekehrt zu haben, und biss sich mit viel Fleißarbeit durch. „Man muss sich einfach trauen“, meint er heute, „und man muss aber das Gefühl haben, auch Fehler machen zu dürfen“. Knapp zwei Jahre war er in dem Job, als 2001 das Angebot eines Konkurrenten kam – diesmal sollte er gleich das ganze HR-Management bei der Elixia Fitness und Wellness GmbH in Berlin aufziehen. Danach ging es auf das Spielfeld Europa, als Director Human Resources Central Europe bei der Holding. 3.500 Mitarbeiter waren es inzwischen. 2006 dann wieder ein Angebot und wieder ein Wechsel. Und erstaunlicherweise folgt auch René Behrs Start bei Hugo Boss ganz dieser Tradition. Nur war es diesmal ein Headhunter, der anrief. Überzeugt hat ihn dann das Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden. Also zog er von Berlin in die schwäbische Provinz. „Der beste Schritt, den ich mir hätte wünschen können“, sagt René Behr und wirkt zufrieden.

So fremd ist ihm das ländliche Leben auch nicht. Aufgewachsen ist René Behr in Heide an der holsteinischen Nordseeküste. Wie ein typisches Küstenkind wirkt er aber nicht, kein bisschen wortkarg oder verschlossen. Es ist nur das Meer, das ihm manchmal fehlt. Nach dem Abitur ging der Sohn eines Vermessungsingenieurs und einer Bankkauffrau zum Zivildienst nach Hamburg und blieb auch zum Studium und für den ersten Job dort, bis ihn dann das Angebot von Elixia nach Berlin lockte.

„Es steht wohl ‚sprecht mich an‘ auf meiner Stirn“, sagt René Behr. Was für seine Karriere zu gelten scheint, passt auch zu seinem Engagement beim Völklinger Kreis. Ein Angehöriger der Regionalleitung Berlin hatte ihn gefragt, ob er sich nicht ehrenamtlich für den Verein einsetzen wolle. Das war 2009. Heute ist er stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Der Berufsverband für schwule Führungskräfte setzt sich vor allem für die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz ein, ist Ansprechpartner für Arbeitnehmer wie für Arbeitgeber. „Ich habe mich eigentlich nie mit dem Thema Diskriminierung auseinandergesetzt, weil es für mich kein Problem war“, erzählt Behr. Doch in den Gesprächen hat er schnell zu spüren bekommen, dass nur wenige in so einer glücklichen Lage sind wie er.

Wirklich begriffen, dass er selbst homosexuell ist, hat der Norddeutsche erst relativ spät – kurz vor der Volljährigkeit, auch wenn er hinzufügt, dass er es eigentlich wohl schon immer gewusst hatte. Doch das mit sich selbst auszumachen und zu lernen, sich zu akzeptieren, ist ein sehr schwieriger Prozess, erläutert René Behr, gerade wenn man auf dem Land aufwächst und es weit und breit keine Rollenmodelle gibt. Dass ihm der Schritt so gut gelungen ist, hat er vor allem seiner Mutter und seiner Großmutter zu verdanken, die ihn sehr offen in dieser Phase gestützt haben, in die auch noch der Tod seines Vaters fiel. „Ich bin immer gut damit gefahren, offen mit dem Thema umzugehen“, sagt er und lacht, „ich bin auf dem Abiball mit meinem ersten Freund aufgetaucht, ein besseres Outing hätte ich nicht haben können im Dorf.“

Selbstvertrauen schaffen

Verheimlicht hat er seinen Lebensentwurf danach nie mehr, weder privat noch beruflich. „Es kostest einfach viel zu viel Energie dieses Versteckspiel aufrechtzuerhalten. Es würde mich auch sehr stören, Montagmorgen nicht erzählen zu können, dass ich mit meinem Mann übers Wochenende an den Bodensee gefahren bin.“ Genau das ist es auch, was er und seine Kollegen beim Völklinger Kreis immer wieder betonen. Ein solches Versteckspiel ist auf Dauer ungesund und sehr schädlich. Gut 30 Prozent der Arbeitsleistung kostet es. Und oft ist es unbegründet. Meist, so erläutert Behr, sind die Ängste der Betroffenen vor den Reaktionen der Kollegen und den Konsequenzen für die Karriere viel größer, als das, was dann tatsächlich eintritt. Hier gilt es, Selbstvertrauen zu schaffen und denjenigen, die sich outen wollen, Werkzeuge an die Hand zu geben.

„Handlungsempfehlungen geben wir aber keine. Letztendlich muss es jeder für sich selbst entscheiden“, sagt René Behr. Das zweite Feld, auf dem sich der Völklinger Kreis engagiert, ist die Aufklärung in den Unternehmen, um hier ein möglichst diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen. Ein Umfeld, in dem niemand Angst haben muss, zu sich selbst zu stehen. „Das geht aber nur top-down“, daran lässt der Personaler keinen Zweifel.

Seine Ehrenämter füllt René Behr mit ebenso viel Leidenschaft aus wie seinen Beruf. Er ist auch nicht nur im Völklinger Kreis aktiv, sondern auch seit Jahren als Richter am Arbeitsgericht Berlin-Brandenburg und Prüfungsausschussvorsitzender der IHK Berlin tätig. Er tut dies in dem Wissen, dass er selbst, gerade auch als Quereinsteiger, viel Glück und vor allem auch Menschen gehabt hat, die an ihn geglaubt haben. Und aus dem Bedürfnis heraus, etwas davon zurückzugeben. „Das alles kostet sehr viel Zeit, aber es tut mir sehr gut. Es fühlt sich auch nicht nach Arbeit an, eher wie Freizeit“, sagt René Behr. Man glaubt es ihm.