Ein Plädoyer für das Scheitern

Auch wenn Niederlagen zum Leben gehören – keiner scheitert gerne. Aber wir brauchen die Misserfolge. Denn ohne sie gibt es keinen Fortschritt.

Keine Frage: Scheitern ist scheiße. Enttäuschung und das Gefühl der Unzulänglichkeit sind damit häufig verbunden – zumindest am Anfang. Ein Konkurs, ein Jobverlust, ein Studienabbruch: Es ist eine Niederlage, und Niederlagen tun weh. Das, was man sich vorgenommen hat, wurde nicht erreicht, vielleicht wird sogar das eigene Selbst in Frage gestellt. Was kann ich eigentlich? Bin ich gut genug? Gerade in einer Gesellschaft wie der unseren, in der die starke Leistung und der Erfolg des Einzelnen als die erstrebenswertesten Ziele gelten, verstärkt sich bei Fehlschlägen der Selbstzweifel. Natürlich bleibt das Scheitern nicht unbemerkt von der Umwelt, und die nimmt in der Regel keine differenzierte Betrachtung vor. Ein PR-Manager, der sein Unternehmen aus gesundheitlichen Gründen abwickeln musste, sagte einmal: „Den anderen ist egal, warum man gescheitert ist. Man ist halt gescheitert. Punkt. Und dann sitzen Sie da vor einer 25-jährigen Recruiterin und müssen sich rechtfertigen.“

Die meisten von uns mussten wohl schon Fehlschläge hinnehmen. Sie gehören zum Leben. Tief ist jedoch der Fall für diejenigen, die einmal viel Macht besaßen oder im Rampenlicht standen. Dann ist die Häme der anderen besonders groß. Merkwürdigerweise „führt die eigene Erfahrung selten zu Verständnis und Mitgefühl bei der Bewertung der prominenten ‚Fälle‘. Dabei sind es ganz ähnliche Gefühle, ist es dasselbe Spektrum, das die ‚großen‘ Karrieren mit den ‚kleinen‘ vergleichbar macht. Das Bedürfnis nach Wertschätzung, die Begegnung mit Ängsten und Zweifeln, Überforderungssignale und Selbstüberlistungen sind Faktoren des beruflichen Alltags, die unabhängig sind von Rang und Status. Weil in der Funktion der Mensch bleibt, der mit seiner Funktion und manchmal auch mit sich selbst in den Dialog geht, in den intimen Momenten.“ Das schreibt Katja Kraus in ihrem sehr lesenswerten Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“.

Bestenfalls gibt es Mitleid

Doch ob prominent oder nicht: Fehler und Niederlagen sind notwendig für den Fortschritt und die eigene Weiterentwicklung. Scheitern ist ein Lernprozess, der wichtige Erfahrungen ermöglicht und uns voranbringt. In der Theorie ist diese Meinung anerkannt. Doch gelebt wird diese Ansicht nicht. Wer scheitert, bekommt bestenfalls Mitleid entgegengebracht – im schlimmsten Fall Verachtung. Das Resultat davon ist, dass sich niemand mehr etwas traut, weil die Angst zu scheitern zu groß ist. Lieber wird ewig im eigenen Saft weitergeschmort.

Die Wirtschaft könnte da einiges von der Kunst lernen. Denn wo sonst lässt sich so gut scheitern? „Künstler sein, heißt zu scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt“, soll Samuel Beckett gesagt haben. Das Genie, das gleich zu Beginn der Karriere ein Meisterwerk entwirft, ist die Seltenheit. In der Regel muss eher ein mühsamer Weg beschritten werden bis die künstlerische Reife erlangt wird. Die meisten schauen daher auch eher belustigt auf die ersten eigenen künstlerischen Gehversuche. In der Nachbetrachtung wirken sie häufig ungelenk, bilden aber unabdingbare Erfahrungen im künstlerischen Schaffen.

Noch mehr lohnt der Blick in die Forschung, wo das „Trial-and-Error-Prinzip“ Methode hat. Keine Erfindung fällt vom Himmel, sie muss regelrecht erarbeitet werden. Und der mögliche Erfolg als Belohnung lässt lange auf sich warten. Doch jeder Fehlschlag kann ein kleiner Gewinn sein. Thomas Edison wusste das genau: „Von jeder der 200 Glühbirnen, die nicht funktionierten, habe ich etwas gelernt, das ich für den nächsten Versuch verwenden konnte.“

Von dieser Haltung Edisons sollte man sich etwas abschauen. Denn machen wir uns nichts vor: In der zukünftigen Arbeitsgesellschaft werden wir alle mehr mit dem Scheitern konfrontiert werden. Die Dynamik der Märkte, die schnelle Entscheidungen verlangt; die Karrieren, die schwer planbar sind und einem Flickenteppich gleichen; sowie die eigenen gestiegenen Ansprüche im Beruf und im Privaten – all das wird das Scheitern erleichtern. Sehen wir es positiv: Wir können spannende Erfahrungen machen.