Eine ganz andere Arbeitswelt

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Welche Technologien werden unsere Arbeit in Zukunft bestimmen? Der aktuelle „Gartner-Hype Cycle“ entwirft einige Szenarien. Auch Personalmanager sollten sich mit diesen digitalen Trends auseinandersetzen.

Mit dem „Hype Cycle for Emerging Technologies“ stellt die Beratung Gartner jedes Jahr dar, welche Erwartungen mit einer Reihe von Technologien verknüpft sind. Entlang einer Kurve verläuft die öffentliche Aufmerksamkeit für eine Technologie von „innovativen Durchbrüchen“ zu „überhöhten Erwartungen“, um dann in ein „Tal der Enttäuschung“ zu stürzen. Nur manche Technologien kommen aus diesem finsteren Tal wieder hervor, begeben sich auf den „Pfad der Erleuchtung“ und münden schlussendlich in dem „Plateau der produktiven Nutzung“. Genau wegen dieses Blickes in die Zukunft ist der „Hype Cycle“ ebenso begehrt wie umstritten.

Belege für seine Vorhersagekraft gibt es genauso wie dafür, dass auch die Gartner-Experten nur in die Glaskugel schauen. Eines schafft der „Hype Cycle“ aber jedes Jahr: Er zieht die Aufmerksamkeit von Praktikern, Beratern und Forschern auf sich – und befördert damit sich selbsterfüllende Prophezeiungen über den (Miss-)Erfolg einer Technologie. Schon allein deshalb, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf ihn und Implikationen für strategisch bewusst handelnde (HR-)Manager zu werfen.

Drei große Trends kommen in den nächsten Jahren in der Arbeits- und Lebenswelt an: selbstlernende Maschinen, lebensechte Mensch-Maschine-Interaktionen und die Plattform-Revolution.

Smart Machines: Adaptiv-lernende Maschinen

Schon jetzt sind Begriffe wie „Deep Neural Networks“, „Machine Learning“ und „Cognitive Expert Advisors“ keine leeren Schlagworte mehr, weil sie die technologische Basis für People-Analytics-Software oder Rechtshilfe-Chat Bots (für Falschparker oder Flüchtlinge) bilden. In Zukunft werden gestiegene Rechenleistung und Datenmengen sowie Fortschritte bei der Weiterentwicklung neuronaler Netze Firmen in die Lage versetzen, Probleme ganz anders zu lösen als bisher.

Vereinfacht heißt das, Lösungen schon zu haben, bevor das Problem überhaupt aufgetaucht ist. Zum Beispiel zu wissen, wann welche Mitarbeiter demotiviert sind, krank werden oder sich eine Schwangerschaft anbahnt. Es bedeutet aber auch, noch mehr in Datensicherheit zu investieren, angefangen von systemseitigen Sicherheitsvorkehrungen („Software-Defined Security“) bis hin zur Sensibilisierung der Belegschaft ( „Social Engineering“). Wer was wissen kann und darf, muss heute diskutiert werden, um damit morgen die People-Analytics-Software entsprechend konfigurieren zu können.

Lebensechte Mensch-Maschine-Interaktionen

Die Maschinen lernen nicht nur, sie passen sich den Bedürfnissen ihrer Nutzer immer stärker an, sodass sich die virtuellen Welten wie echte anfühlen. Die Gartner-Analysten sehen diese Verquickung von virtuellen und physischen Interaktionsräumen zwischen Mensch und Maschine in allen Lebensbereichen.

Am Arbeitsplatz wird eine erweiterte beziehungsweise virtuelle Realität (Augmented and Virtual Reality) mit Datenbrillen erzeugt, um dem Personal zusätzliche Informationen zu geben. Das können Angaben zur Wartung einer Maschine für den Servicetechniker oder Informationen zu Körperfunktionen sein, die ein Arzt über den Körper des Patienten schwebend eingeblendet bekommt.

Bei solchen Technologien ändern sich die Anforderungen an die Kompetenzen der Mitarbeiter weniger als jene an die Arbeitsabläufe. Hier müssen vermehrt Informationen über Team- und Funktionsgrenzen hinweg bereitgestellt und gepflegt werden – bis hin zur Frage, wer bei Falschinformationen rechenschaftspflichtig ist und die Verantwortung übernimmt. Dennoch ist klar, dass lernende Maschinen menschliche Arbeitskräfte zumindest in Teilen ersetzen werden.  Im privaten Umfeld sind es gestengesteuerte Elektronikgeräte sowie Produkte und Dienstleistungen um das Smart Home oder auch 4D-Druck, die in den kommenden Jahren überall im Einsatz sein sollen. Spätestens hier lernen deshalb die Mitarbeiter den Umgang mit smarten Maschinen.

Neue Beziehungen: Die Plattform-Revolution

Während die meisten heutzutage Airbnb, Uber oder Ebay im Kopf haben, wenn sie von Plattformen sprechen, gehören für die Gartner-Analysten die Themen Blockchain, Internet-of-Things-Plattform, „Software-Defined Security“ und „Software-Defined Anything“ (SDx) auf den Denk- und Sprechzettel. Unter Plattform-Revolution verstehen sie Plattformen als „Ecosystem-Enabler“, das heißt die Technologie ermöglicht vor allem neue Beziehungen zwischen Unternehmen, Menschen und Software.

Am Beispiel Blockchain – dem aktuell heißesten Trend – sei dies kurz erläutert. Blockchain-Technologien erzeugen eine dezentrale Datenbank, die eine stetig wachsende „Kette“ von Transaktionsdatensätzen vorhält: Nach und nach werden weitere Daten-Blöcke der Kette hinzugefügt. Dabei ist die Sicherheit einer Transaktion zunächst dadurch gewährleistet, dass die Transaktion (zum Beispiel eine Überweisung) erst abgeschlossen ist, wenn alle verteilt liegenden Daten (zum Beispiel über Empfänger, Sender, Betrag) vollständig zu einem Block zusammengefügt wurden.

Außerdem enthält der nächste Block eine Prüfsumme des vorhergehenden Blocks. Diese Kombination aus dezentraler Verteilung und Verschlüsselung macht die Blockchain sicher – und damit vor allem für Transaktionen attraktiv, bei denen die Informationen besonders schützenswert sind: neben Buchungen beispielsweise noch Kaufverträge, Grundbucheinträge oder Urheberrechtsinformationen.

Die Revolution ist, dass Vermittler wie zum Beispiel Banken, aber auch staatliche Institutionen wie Ämter wegfallen, da ihre Dienstleistung – vor allem Beglaubigen und Verwalten – nicht mehr notwendig ist. Die Daten sind schon aufgrund der Technologiearchitektur verwaltet, verifiziert und nicht zu verändern. Blockchains könnten auch dort eingesetzt werden, wo große Mengen an Verträgen aufgesetzt und abgeschlossen werden: beim Crowdworking und Crowdsourcing sowie bei Pay-per-use-Angeboten. Was das für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Rechtsanwälte sowie Konsumenten und Produzenten bedeutet, zeichnet sich in der Musikindustrie schon ab. Die Musikdistribution und -lizenzierung erfolgt zwischen Künstler und Konsument („peer-to-peer“). Labels in ihrer Rolle als Vertriebskanal braucht es dafür kaum mehr; als Kuratoren sind sie aber noch gefragt. Nicht nur die Kauf- und Lizenzmodelle werden flexibler und individueller, auch die Arbeitsverträge, weil die rechtlich-finanzielle Abwicklung per Blockchain-Technologie und Smart Contracts schneller, sicherer und kostengünstiger wird.

Alle drei Trends führen schon heute zu geänderten Geschäftsmodellen und stellen neue Anforderungen an Personal und Organisation. Da niemand jetzt schon genau weiß, wo die Reise endet, gibt es keine verlässlichen Lotsen, die einen durchs Neuland führen. Der „Hype Cycle“ eröffnet aber zumindest die Möglichkeit darüber zu diskutieren, was jetzt schon geschieht und sich abzeichnet.