Eine konstruktive Störung des Systems

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Mit dem HR Excellence Award 2015 sind zahlreiche herausragende HR-Projekte ausgezeichnet worden. Sie wollen wir hier vorstellen. Dieses Mal ist es die Gesundheitsinitiative der Kindernothilfe e.V.. Unsere Fragen dazu beantwortet Petra Niederau, Personalleiterin des Vereins.

Gesundheitsstrategien haben oft mit dem Manko zu kämpfen, nur Einfluss auf die Symptome nehmen zu können ohne einen großen Effekt auf die Ursachen der gesundheitlichen Probleme der Mitarbeiter zu haben. Die Kindernothilfe geht in ihrer Betrieblichen Gesundheitsförderung einen anderen Weg und setzt auf einen Mix aus direkten und indirekten Interventionen – und auf Wertorientierung. Das Projekt „bewusst gesund leben“ ist in der Kategorie „KMU Betriebliches Gesundheitsmanagement“ ausgezeichnet worden.

Können Sie kurz Ihr Projekt beschreiben?
Für die Kindernothilfe hat Betriebliche Gesundheitsförderung strategische Relevanz, denn in Zeiten von Digitalisierung verändert sich die Vorstellung von Arbeit; Arbeit ist nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstzweck. Damit einher geht jedoch auch die Gefahr von Grenzenlosigkeit und Selbstausbeutung.

Um diesen Entwicklungen zu begegnen, haben wir bei der Kindernothilfe in 2014 gezielt damit begonnen, Werteorientierung durch verstärkte Angebote zur Life-Balance zu fördern und somit Gesundheitsförderung zu betreiben. Der Fokus liegt dabei auf der Verbindung von indirekten und direkten Gesundheitsmaßnahmen. So bieten wir Trainings aus den klassischen Interventionsbereichen, wie beispielsweise zur Achtsamkeit oder Stressbewältigung an.

Bei unseren indirekten Maßnahmen stehen gesundheitsbezogene Effekte nicht im Vordergrund. Sie verknüpfen Gesundheitsthemen automatisch mit anderen wichtigen Kernthemen. Wir veranstalten beispielsweise eine Führungswerkstatt; ein themenzentrierter Gesprächskreis vereint ein Seminar und kollegiale Beratung zum Thema „sich selbst führen“. Weitere indirekte Maßnahmen, die bei uns teils von Mitarbeitern initiiert werden, sind: unsere spirituelle Andacht, Lesungen zur Achtsamkeit, faires Frühstücken und Resilienz-Workshops.

Grundlage unseres Gesundheitskonzeptes „bewusst gesund leben“ ist die Verankerung der Gesundheitskompetenz im Kompetenzmodell unserer Personalentwicklung.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere daran?
Gesundheitsförderung in Unternehmen scheitert häufig daran, dass die richtigen Dinge aus den falschen Gründen betrieben werden: Maßnahmen werden oft nur als Incentives für das Personalmarketing betrachtet. Ist die Absolvierung einer Intervention an ein Bonussystem gekoppelt, verliert Gesundheitsförderung an Wert. Mitarbeiter erkennen schnell den manipulativen Charakter derartiger Anreizsysteme und reagieren mit Ablehnung.

Bei der Erwartung an unsere Gesundheitsmaßnahmen ist Gesundheit nicht das direkte Ziel. Sie kann sich jedoch bei günstigen Bedingungen, die es ermöglichen, seine Werte im Arbeitsumfeld einzubringen, einstellen. Und vor diesem Hintergrund ist Werteorientierung in all unseren HR-Aktivitäten eine konstruktive Störung des Systems. Sie leistet die Achtsamkeit, dass Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und gemeinsame Interessen verfolgen, was die Transaktionskosten wiederum senkt.


Werteorientierte Personalarbeit ist für die Kindernothilfe indirekte Gesundheitsförderung: hier Mitarbeiter bei einer spirituellen Andacht. Foto: Kindernothilfe e.V.

Die zentrale Frage ist dabei für uns: „Welches Problem möchten wir lösen?“ Es geht vorrangig nicht darum, produktiver zu werden, sondern mit der hohen Komplexität der Arbeitswelt 4.0 umzugehen und seine Ressourcen zu beachten.

Das ist natürlich hart, da es dem Modus operandi des ökonomischen Mainstream-Denkens widerstrebt. Es zeigt jedoch auch, dass wir in vielen Bereichen vor einem Paradigmenwechsel stehen; viele sehen diesen, können ihn jedoch nicht mit ihren tayloristischen Methoden bearbeiten. Deshalb ist eine weitere Besonderheit an unserem Ansatz, dass wir einem komplexen Konstrukt mit einer Antwort begegnen wollen, die auch den Anforderungen unserer Arbeitsbedingungen gerecht wird.

Worin hat sich vor allem der Erfolg des Projektes gezeigt?
In einem Jahr verzeichneten wir über 900 Teilnehmer an direkten und indirekten Maßnahmen. Unsere Mitarbeiter haben dabei im Durchschnitt an 8,6 Interventionen teilgenommen. In 2014 haben wir einen Gesundheitstag veranstaltet, der eine Angebotsauslastung von 92 Prozent hatte. Unser formuliertes Ziel erhöhter Teilnahmebereitschaft konnten wir damit realisieren. Wichtig ist uns bei all unseren Interventionen auch, dass wir Ablehnung und Optimierungszwänge bei den Mitarbeiten vermeiden konnten.

In einem Gesundheitscockpit erheben wir zudem Gesundheitsindizes wie Teilnahmequoten, Maßnahmenbeurteilung und relevante Informationen zu unserem Betrieblichen Eingliederungsmanagement. Diese Indizes reichen allerdings nicht alleine als Steuerungsmaß aus, weil sie eher prozess- und weniger ergebnisorientiert sind.