Ein Siegel macht noch keinen guten Arbeitgeber aus!

Arbeitgebersiegel sind oft wenig aussagekräftig, dafür aber reichlich teuer. Effektiver ist es, statt Plaketten Taten sprechen zu lassen.
© gettyimages / djedzura

Arbeitgebersiegel sind oft wenig aussagekräftig, dafür aber reichlich teuer. Effektiver ist es, statt Plaketten Taten sprechen zu lassen.

Über 10.000 Euro kann die Nutzung eines Siegels kosten, das die Arbeitnehmerfreundlichkeit eines Unternehmens hervorhebt. Doch wie aussagekräftig sind solche Plaketten? Die Vielfalt an Auszeichnungen ist gewaltig. Während man sich für einige bewerben muss, werden andere von unabhängigen Instanzen verteilt oder durch beauftragte Zertifizierungen erlangt. Insgesamt gibt es in Deutschland über 84 solcher Abzeichen, mit denen Firmen ihre Webseiten schmücken können. Wer blickt da noch durch?

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Genauso wie es für Bewerbende eine Herausforderung ist, eine zufriedenstellende Beschäftigung zu finden, ist es auch für Firmen nicht leicht, neue Talente für das eigene Team aufzutreiben. Genau durch diesen Bedarf profitieren einige Anbieter solcher Embleme. So scheint die kostspielige Anschaffung von Arbeitgebersiegeln der vermeintliche Schlüssel zum Erfolg zu sein, wenn es um eine positive Außenwahrnehmung geht. Doch sollten tadellose Vorgesetzte dieses Geld nicht eher in ihre Angestellten investieren? Mit dem richtigen Employer Branding ist das möglich!

Außen hui und innen pfui?

Immer wieder sehen und lesen wir, wie sich Organisationen nach außen strahlend und makellos präsentieren. Werfen wir jedoch einen Blick hinter die Kulissen, kommen teilweise ganz andere Eindrücke ans Tageslicht. Der erste Schritt sollte daher erst nach innen gerichtet sein, bevor die Werbeglocken geläutet werden. So ist es wesentlich effizienter, die eigenen Werte zunächst intern umzusetzen und aktiv zu leben, um dann im zweiten Schritt auch wirklich authentisch und glaubwürdig nach außen kommunizieren zu können. Die folgenden fünf Storytelling-Maßnahmen erzielen mit geringerem Budget, aber wertvoller Investition in die Beschäftigten, eine große Wirkung im Recruiting. Sie bieten eine effektive Alternative, um auf hohe Summen für gekaufte Auszeichnungen zu verzichten.

1. Storylistening als Ausgangspunkt

Wenn wir von Geschichten aus dem Unternehmen sprechen, stellt sich zunächst die Frage: Wie kommen wir an diese Storys? Woher nehmen wir sie? Antwort: Sie wollen entdeckt werden! Und das erreichen wir nur durch Zuhören. Wir müssen intern Raum schaffen, um persönliche Anekdoten, die eigene Laufbahn, Herausforderungen und Erfolge anzusprechen und zu teilen. Dafür eignen sich so genannte Storylistening-Sessions. Die Werte sind hierbei der Ausgangspunkt und bringen den Ball ins Rollen. Durch spezifische Fragen wird hervorgekitzelt, was die Kolleg:innen mit einem konkreten Grundsatz im Arbeitsalltag verbinden. Manchen fällt sicher sofort etwas ein. Andere überlegen eine Weile. Das Resultat ist aber immer, dass die Prinzipien des Unternehmens dadurch greifbar und durch die Gesichter dahinter erlebbar werden. Dazu kommt, dass Leidenschaft ansteckt und die geteilten Gefühle ermöglichen, in die Welt der Anderen einzutauchen und sich selbst zu öffnen. So stärken Unternehmen den Zusammenhalt und kommunizieren im gleichen Schritt Werte.

2. Mitarbeitende als Erzähler:innen

Wir Menschen können uns am stärksten mit Personen identifizieren, die eine ähnliche Laufbahn durchlebt oder vergleichbare Erfahrungen gemacht haben. Zentralster Aspekt im Storytelling ist daher der Aufbau einer emotionalen Verbindung mit der Zielgruppe. Die eigene Geschichte so vollständig und realitätsnah wie möglich zu erzählen, bedeutet alle Seiten zu präsentieren. In diesem Zusammenhang also, nicht nur die positiven Seiten, sondern ebenfalls Herausforderungen, Hürden oder Momente des Scheiterns aufzuzeigen. Auf diese Weise können die Mitmenschen sowie Leser- oder Zuschauerschaft Parallelen zum eigenen Werdegang ziehen und die aufgezeigten Möglichkeiten auf eigene Wünsche und Bedürfnisse übertragen. Das Angebot an die Kolleg:innen, stolz über eigene Erlebnisse zu berichten und diese mit der Außenwelt teilen zu dürfen, wird normalerweise dankend angenommen. Sie fühlen sich einerseits gehört und wertgeschätzt. Andererseits malen die authentischen Geschichten in der externen Wahrnehmung ein buntes Bild der Organisation.

3. Maßnahmen statt Buzzwords

Ein weiteres weitverbreitetes Phänomen ist der Einsatz von Schlagworten. Ich gebe zu, auch wir greifen auf Wörter wie Flexibilität, Vertrauen oder Teamzusammenhalt zurück. Doch was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Besser gefragt: Was für echte Maßnahmen und damit einhergehende Storys stehen dahinter? Je konkreter die Belege für solche Werte sind, desto greifbarer werden sie. Mein Appell daher: Zeigt, was ihr habt und was die Tätigkeit bei euch ausmacht! Bietet euer Betrieb vielleicht unterschiedliche Arbeitszeitmodelle an? Von welchen Orten aus dürfen Angestellte tätig werden? Ist die Einteilung der produktiven Phasen frei wählbar? Gibt es (digitale) Events? Bei uns ist es Trainees zum Beispiel möglich, sich für eigene Projekte zu entscheiden, an denen sie wachsen und lernen möchten. Ob es hier um einen Probono-Kunden oder ein privates Herzensprojekt geht,  ist ihnen freigestellt. Solche Angebote tragen wir auch nach außen. Dazu gehören ebenfalls unsere Erfahrungsberichte, die zeigen, dass einige Kolleg:innen für längere Zeit aus Italien, Österreich oder Peru arbeiten oder sich auch ohne Kinder für eine Vier-Tage-Woche entschieden haben.

4. Serielles Storytelling

Kleine Häppchen, die echte und authentische Einblicke geben, sind oft wesentlich mehr wert als eine große autarke Kampagne oder ein teuer bezahltes Siegel. Schließlich müssen die Werte und Angebote nach außen immer wieder „bewiesen“ beziehungsweise veranschaulicht werden, um im Gedächtnis zu bleiben und glaubwürdig zu erscheinen. Hier ist von seriellem Storytelling die Rede. Wiederkehrende Formate bieten sich dabei hervorragend an. Einmal die Woche können beispielsweise angebotene Benefits oder neu dazu gekommene Projekte auf den verschiedenen Kommunikationskanälen vorgestellt werden.  Auch Zitate und Aussagen von Kund:innen und Partner:innen lassen sich hier veröffentlichen. Und Mitarbeiter:innen verschiedenster Abteilungen und Positionen finden sicherlich ebenfalls gern Gehör. Neben Regelmäßigkeit macht vor allem die Vielfalt den Charme aus.

5. Aufbereitung für die Außenwelt

Wie erfahren potenzielle Talente von den eigenen Werten und der Arbeitnehmerzufriedenheit? Wie kann man sich auch ohne großes Budget präsentieren und seine Grundsätze zeigen und nach außen tragen? Die Arten und Plattformen, um die gesammelten und aufbereiteten Geschichten zu kommunizieren, sind genauso vielfältig wie die Storys selbst. Eigens gedrehte Mitarbeitervideos, Interviews im hauseigenen Podcast sowie Storys auf Social-Media-Kanälen wie LinkedIn, Facebook oder Instagram bieten sich perfekt dafür an. So können auf unterschiedliche Weise die Kolleg:innen vorgestellt und von ihrer persönlichen Seite gezeigt werden. Das gilt neben den sozialen Netzwerken gleichermaßen für den eigenen Blog oder die Unternehmenswebseite. Solche Formate sind definitiv sehr effektiv. Sie gehen schließlich direkt aus dem Team hervor und sind im besten Falle weder aufgesetzt, noch erfordern sie ein immenses Budget. Für das Employer Branding ist der Mix aus Inhalten und Kanälen somit bestens geeignet und garantiert eine sympathische Außenwirkung.

Empfehlung: Lieber Taten statt Siegeln sprechen lassen

Die vorgestellten Maßnahmen sollen zeigen, dass nach innen gerichtete Ansätze durchaus eine Wirkung nach außen haben. Und genau das sollte der Anspruch sein: Den Zusammenhalt im eigenen Team fördern und eine Arbeitgebermarke aufbauen, die positiv von Außenstehenden wahrgenommen wird. Auf Plattformen wie Kununu oder Glassdoor finden sich zudem auch Story-Potenziale. Die dort abgegebenen Mitarbeiterbewertungen sind gleichermaßen hilfreich und resultieren im Idealfall zuletzt aus einer tatsächlichen Zufriedenheit der Belegschaft. Mitunter sind einfache Story-Formate wichtiger und effizienter als High-Gloss-Content, der oft mit großem Aufwand und Budget einhergeht. Teuer bezahlte Profile oder Siegel sind daher meiner Meinung nach nicht der richtige nachhaltige Weg. Investitionen in die Mitarbeitenden zahlen sich dagegen langfristig aus. Positive Bewertungen und neue Talente kommen dann von ganz allein.