Heimat schaffen: Wie Unternehmen Fachkräfte gewinnen

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(c) gettyimages/saruservice
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Maximal 30 Kilometer – weiter wollen die meisten Fachkräfte nicht pendeln. Umziehen für einen neuen Job? Auf keinen Fall. Was können Unternehmen tun?

Unternehmen auf dem „platten Land“ kennen das Problem: Neueinstellungen stehen an – und die Suche nach der dringend benötigten Verstärkung wird ein Kraftakt. Denn nicht allzu viele Fachkräfte sind gewillt, für einen Job zu pendeln oder gar umzuziehen. Der Stellenmarkt meinestadt.de hat diese Erfahrung mit einer Studie bestätigt, die dem Human Resources Manager vor der offiziellen Veröffentlichung vorliegt. Ihre Schlussfolgerung: Unternehmen müssen sich aktiv und kreativ um Fachkräfte bemühen – und ihnen eine Heimat schaffen.

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Geburtsort ist meist auch Arbeitsort

Fachkräfte ziehen selten um: Rund 50 Prozent hatten bislang nur einen oder zwei Wohnorte. Sie pflegen eine enge Bindung zu ihrer Heimat und definieren diese als ihre unmittelbare Umgebung. Für 61 Prozent beschreibt „Heimat“ einen Radius von unter 50 Kilometern um ihren Geburtsort: Heimat ist „da, wo Familie und Freunde sind”.

Bei 86 Prozent sind Wohnort und Arbeitsplatz nicht weiter als 30 Kilometer voneinander entfernt, etwa jeder Zweite davon fährt sogar nur bis zu neun Kilometer Richtung Job. Rund 88 Prozent ist es „wichtig“ oder „sehr wichtig“, dass der Arbeitsplatz nah am Wohnort liegt.

Jobsuche: All business is local

Fachkräfte suchen regional nach Jobs. Dabei nutzen sie bevorzugt Online-Jobbörsen (59 Prozent) und, neben regionalen Tageszeitungen (45 Prozent), weitere digitale Angebote wie Suchmaschinen (25 Prozent), Karriereseiten von Unternehmen (20 Prozent) und Job-Apps (12 Prozent). Empfehlungen von Freunden und Bekannten (rund 33 Prozent) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Knapp 88 Prozent geben bei der Arbeitssuche einen Umkreis von unter 50 Kilometern an, etwa zwei Drittel davon sogar nur unter 30 Kilometer. Demnach entspricht der Suchradius exakt dem definierten Heimat-Radius. Und: Fast jeder Zweite würde Abstriche im Job hinnehmen, um in der Heimat bleiben zu können.

Umziehen? Allenfalls innerhalb der Region.

Sehr viele Fachkräfte schließen einen jobbedingten Umzug kategorisch aus. 40 Prozent würden für einen Job „gar nicht” umziehen, etwa ein Viertel nur in einem Umkreis von unter 30 Kilometern. Ebenso ist es für Fachkräfte keine Option, unter der Woche in der Nähe des Jobs zu wohnen und am Wochenende in der Heimat zu sein.

Für die Mehrheit der Fachkräfte (rund 57 Prozent) liegt die Schmerzgrenze beim täglichen Pendeln bei unter 30 Kilometern. Knapp 15 Prozent sind „gar nicht“ bereit zu pendeln. Im Osten (19 Prozent) und Norden (16 Prozent) ist die Ablehnung besonders groß.

Die Lage der Unternehmen dürfte sich in den nächsten Jahren kaum verbessern. Denn fast 90 Prozent der 25- bis 34-Jährigen finden es „wichtig“ oder „sehr wichtig“, dass der Arbeitsplatz nah am Wohnort liegt. Und auch die Jungen suchen in der Regel nicht über den „Heimathorizont“ hinaus: Ebenfalls knapp 90 Prozent schauen sich in einem Umkreis bis zu 49 Kilometern nach Jobs um.

Für neue Fachkräfte eine Heimat schaffen

Wie lauten die Empfehlungen von meinestadt.de? „Um die besten Fachkräfte zu finden, müssen sich Unternehmen im Sinne des Employer Branding als attraktive Arbeitgeber in der Region positionieren. Im überregionalen Recruiting haben vor allem die Unternehmen eine Chance, die durch besondere Angebote das Ankommen in der neuen Umgebung erleichtern”, meint Wolfgang Weber, Geschäftsführer von meinestadt.de.

Ein Teil der Fachkräfte ist zu einem Umzug noch am ehesten mit Geld und handfesten Vorteilen zu gewinnen. Im überregionalen Vergleich stellen niedrige Miet­ und Baupreise in der Region zum Beispiel einen Vorteil dar. In Stellenanzeigen sollten konkrete Anreize aufgenommen werden, die in der Zielgruppe funktionieren.

Aufgrund der hohen Wertschätzung für die Familie ist es wichtig, diesen Faktor in der Kommunikation zu adressieren. Arbeitgeber sollten die „Mitnahme“ der Familie durch besondere Angebote erleichtern, ihre Region in Stellenausschreibungen als attraktive (neue) Heimat präsentieren und für die neuen Mitarbeiter Angebote zur Vernetzung im ländlichen Raum schaffen, sagt meinestadt.de.

Kreativität und Mut rechnen sich

Der Verfasser kennt viele Beispiele für Unternehmen, auch im Handwerk, die sich auch auf dem Land im Wettbewerb um Azubis und Fachkräfte durchsetzen. Ob es freche Außenwerbung ist oder die Kooperation mit Schulen und Hochschulen, ein sympathischer Facebook-Auftritt, Einbinden der Familien der Mitarbeiter, der Eltern von Azubis, der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Die Kommunikation dieser Unternehmen ist authentisch und nicht werblich.

Sie haben es erreicht, das Gefühl der „Nähe“ auf das Unternehmen zu übertragen und schaffen damit „Heimat“. Dieses „Wir-Gefühl“ fördern sie unternehmensintern durch Maßnahmen aller Art. Und damit sind nicht nur Events gemeint, sondern auch Weiterbildung, Gesundheitsmanagement und nicht zuletzt neue Führungsmodelle.

Was alle diese Unternehmen eint? Der Wille, Menschen langfristig an das Unternehmen zu binden. Das bedeutet Aufwand. Dann allerdings arbeitet der gute Ruf für sie und beflügelt das Recruiting.

Und: Alle diese Unternehmen probieren neue Wege aus, etwa im Personalmarketing. Denn nur so heben sie sich vom Wettbewerb ab. Was Unternehmen in ländlichen Regionen beispielsweise tun können, zeigt ein Interview von Senta Gekeler mit Peer Karstedt, Ausbildungsleiter bei Thyssenkrupp Industrial Solutions in Neubeckum/Münsterland. Thema: Azubi-Marketing mit Snapchat.

In einem separaten Beitrag im Human Resources Manager gibt Ihnen Wolfgang Weber von meinestadt.de fünf Tipps, wie Sie Fachkräfte zugkräftiger ansprechen können.

Über die Studie

Im Auftrag von meinestadt.de befragte das Marktforschungsinstitut respondi Ende 2018 online insgesamt 2.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung im Alter von 25 bis 65 Jahren. Die Teilnehmer kamen zu gleichen Teilen aus Nord-, Süd-, West- und Ostdeutschland. Die Ergebnisse der Studie stehen unter folgendem Link zum Download zur Verfügung.