Leergefegt: Fachkräftemangel auch in Recruiting-Abteilungen?

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Leerer Hörsaal: Soll es an Hochschulen Studiengänge für Recruiting geben?
(c) gettyimages / Pixelci

Professionell ausgebildete Recruiter gibt es kaum. Es wird Zeit, dass die Hochschulen entsprechende Angebote entwickeln, sagt Michael Witt.

Eigentlich haben wir uns schon längst daran gewöhnt und es ist schon fast zur Normalität geworden. Schon so normal, dass ein Aufschrei nach fehlenden Fachkräften, oder eben das Beklagen eines Fachkräftemangels bei vielen nur noch ein leichtes Kopfnicken hervorbringt. Wenn es sich um die sogenannten „Mangelberufe“ im Handwerk oder der Informatik handelt, stellt auch niemand mehr die Frage, ob dem so ist, sondern bestätigt diesen bedauerlichen Zustand nur noch.

Zum Fachkräftemangel gib es auch eine Art Gegenbewegung, die den Vorwurf erhebt, der Fachkräftemangel sei hausgemacht und entsteht aus Mangel an Ideen oder gar durch Desinteresse an der professionellen Ausübung der noch recht jungen HR-Profession Recruiting. Eine dritte Perspektive, die in dieser Diskussion zu erwähnen ist, wird eher selten angeführt: Immer mehr Recruiting-Abteilungen beklagen den Mangel an gut ausgebildeten Recruiterinnen und Recruitern und leiden somit selbst unter Fachkräftemangel.

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Von der Generalisierung zur Spezialisierung

Geänderte Anforderungen an HR führten dazu, dass sich in der Welt der HR-Generalisten die Spezialisierung „Recruiting“ herausbildete. Die ersten Schritte waren dabei ein Job-Enrichment, bis es dann vor einigen Jahren die ersten vollwertigen Recruiter-Positionen gab und in den HR-Organisationen auch entsprechende funktionale Dienstleistungseinheiten etabliert wurden. Mittlerweile erfährt das Recruiting weitere Spezialisierungen in Richtung Sourcing und die ersten Unternehmen bauen Traffic-Teams respektive Recruiting-Analytics Teams auf. Die Profession Recruiting scheint sich in den HR Abteilungen erkennbar zu etablieren.

Auf der anderen Seite muss einhergehend mit dieser Entwicklung in den HR Abteilungen der Frage nachgegangen werden, wie diese Professionalisierung des Berufsbildes „Recruiting“ betrieben werden kann. Es gibt, so ist mein Stand heute, keine nachhaltigen und verfestigten Ausbildungsstrukturen, die inhaltlich und umfänglich in eine duale Schul- oder Hochschulausbildung einbettet sind. Auch in den einschlägigen HR Studiengängen wird Recruiting nicht ausreichend gelehrt. Fort- und Weiterbildungsangebote dienen zur Wissensauffrischung, aber nicht zur grundständigen Etablierung von Standards, Vorgehensweisen und eines gemeinsamen Recruiting-Verständnisses einer darauf spezialisierten Profession. Die Ausbildung von Recruiterinnen und Recruitern bleibt nach wie vor den Unternehmen selbst überlassen und geschieht oftmals per engagiertem Selbstlernen.

Recruitermangel in Deutschland

Daher ist es kaum verwunderlich, dass zum einen keine, oder kaum erfahrene und gut ausgebildete Recruiterinnen und Recruiter auf dem Markt nach Jobs suchen. Zum anderen liegt es ebenso auf der Hand, dass Recruiter sein nicht gleich Recruiter sein heißt. Das Fehlen von Fachkräften erschließt sich mit einem Blick auf die Zeitachse: Das Berufsfeld Recruiting wird als vollwertiges Arbeitsfeld noch nicht allzu lange unternehmensseitig angeboten und dort forciert. Ich tippe einmal ganz frech, dass im Berufsinformationszentrum (BiZ) der Agentur für Arbeit kein Informationsordner zum Berufsbild Recruiter/in steht und es auch in anderen Berufsinformationsdiensten eher mau aussieht. Daher kann es auf dem Markt schlichtweg noch nicht so viele Senior-Level Recruiter geben.

Wenn wir Recruiting als Profession begreifen wollen, die eine fundierte Ausbildung erforderlich macht, sind weitere Schritte notwendig, die über Fortbildungen, Blog-Posts und einzelne Ringvorlesungen hinausgehen. Das Wissen, welches Recruiter heute benötigen, ist umfänglich und volatil zugleich. Es bedarf daher eines grundlegenden (akademischen) Set-Ups, welches ähnlich wie bei den bereits etablierten HR Fachrichtungen wie zum Beispiel Personalentwicklung auch explizite Schul- und Hochschulausbildungen vorhält. Nur so wird Recruiting seiner Positionierung und Aufgabe im Unternehmen nachhaltig gerecht werden können.

An der Quadriga-Hochschule bietet Michael Witt in diesem Jahr einen Kurs zu Personalgewinnung 4.0 und einen Zertifikatskurs Social Recruiting Expert an.