Fachkräftemangel: Was Verkehrsbetriebe dagegen tun

11.07.2019  |  HRM Online-Redaktion
Statements der Deutschen Bahn, von Flixbus/Flixtrain, der BVG sowie den KVG zum Fachkräftemangel.
(c) gettyimages / frantic00

Der Fachkräftemangel macht auch vor den Verkehrsbetrieben nicht Halt. Es fehlt an Fahrpersonal, Technikern, IT-Spezialisten und Ingenieuren. HUMANRESOURCESMANAGER hat bei vier Verkehrsbetrieben nachgefragt, wie sie darauf reagieren.

Deutsche Bahn: 22.000 neue Mitarbeiter im Jahr 2019

Die Deutsche Bahn antwortet mit einer großangelegten Einstellungsoffensive. Allein im Jahr 2019 will sie im Zuge der Strategie „Starke Schiene“ 22.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Dazu zählen sowohl Auszubildende als auch Quereinsteiger und Berufserfahrene. Das Unternehmen, das vor allem im letzten Jahr massiv in der Kritik stand, ist sich seiner eigenen Schwächen bewusst: „Wir sind nicht perfekt, aber arbeiten daran. Komm‘ zu uns, wenn Du mit uns besser werden willst“, lautet das Credo.

Eine Bewerbung soll so einfach und unkompliziert wie möglich sein. Dazu hat das Unternehmen bereits im Herbst 2018 das bis dato obligatorische Bewerbungsanschreiben abgeschafft, wie Kerstin Wagner, Leiterin der Personalgewinnung bei der Deutschen Bahn, berichtet. Mit Castings an Bahnhöfen und in Zügen und durch Virtual-Reality-Brillen, die den Beruf hautnah erlebbar machen, will das Unternehmen neue Wege im Personalmarketing austesten.

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Flixbus/Flixtrain: Das Fernbus-Geschäft boomt

„Der Mangel an Fahrerinnen und Fahrern ist nicht wegzureden – gerade auch im Nachwuchsbereich“, sagt Martin Mangiapia, Pressesprecher bei Flixbus und Flixtrain. Da Fernbusse inzwischen eine beliebte Alternative zu Auto, Bahn und Flugzeug sind, sei auch die Nachfrage nach Fahrerinnen und Fahrern stark gewachsen. Das hat laut dem Dekra Arbeitsmarktreport bereits vor drei Jahren zu einer höheren Entlohnung und familienfreundlicheren Arbeitszeiten für Busfahrerinnen und Busfahrer geführt.

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer reagierte auf den Fachkräftemangel mit der Kampagne „Beweg was – werd Busfahrer“, die junge Menschen für den Beruf begeistern soll. Er ließ unter anderem auch den Busfahrer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aus seinem Berufsleben berichten. Flixbus führte letztes Jahr eine deutschlandweite Kampagne zum Dank an sein Fahrpersonal durch. Buspartner Stiefvater Reisen warb zudem in deutschen Sprachschulen in Griechenland neue Fahrer an, um sie nach Deutschland zu holen und einzustellen.

BVG: Mehr Geld und unbefristete Verträge

Auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ist laut Aussage der Pressestelle der Bedarf an Fahrpersonal und anderen Fachkräften gestiegen. Das liegt zum einen an der hohen Anzahl von Mitarbeitern, die frühzeitig in Rente gehen – seit 2016 nutze etwa jeder Vierte die Rente 63+. Zum anderen ist die Nachfrage nach öffentlichem Nahverkehr in Berlin seit 2010 um elf Prozent gestiegen. Die BVG plant, in den nächsten zehn Jahren um weitere zehn Prozent zu wachsen, im reinen Fahrbetrieb sogar um 20 Prozent.

Um das dafür notwendige Personal zu finden, arbeitet die BVG daran, den Recruiting-Prozess zu beschleunigen und das Bewerbungsverfahren zu vereinfachen. Fahrerinnen und Fahrer erhalten nach einer viermonatigen Ausbildung und einem halben Jahr Probezeit einen unbefristeten Vertrag – das käme laut eigener Aussage bei Bewerbern sehr gut an.

Durch den Abschluss eines neuen Tarifvertrages sind außerdem die Entgelte für alle Beschäftigten rückwirkend zum 1. Januar 2019 deutlich angehoben worden – um acht Prozent, mindestens jedoch um 350 Euro brutto im Monat.  Zudem arbeitet die BVG gezielt darauf hin, nicht nur als Arbeitgeber für Berufe im Fahrdienst wahrgenommen zu werden, sondern beispielsweise auch für Ingenieursberufe, IT oder Infrastruktur. Von den knapp 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im BVG-Konzern seien „nur“ 6.600 Fahrerinnen und Fahrer.

KVB: Ausweitung der Fahrschulen und Ausbildung Geflüchteter

„Wir verzeichnen vor allem einen Mangel an Fahrerinnen und Fahrern im Bus- und Stadtbahnbetrieb“, sagt Stephan Anemüller von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB). Dieser gehe nicht nur auf zahlreiche Verrentungen und fehlenden Nachwuchs zurück, sondern auch auf die Ausweitung der Verkehrsangebote. So seien derzeit neue Buslinien und eine dichtere Taktung im Bus- und Stadtbahnbetrieb geplant. Die Strategie der KVB: Die Ausweitung der eigenen Fahrschulen und eine gezielte Ansprache von Auszubildenden und Quereinsteigern. Auch Geflüchtete sollen vermehrt ausgebildet und eingestellt werden.

Vergleichsweise niedrige Entgelte im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes führten laut Aussagen der KVB außerdem zu einem Mangel an hochqualifizierten Beschäftigten, der sich schwer kompensieren ließe. Es sei insbesondere Know-how für die Einführung von E-Bussen oder über rechnergestützte Betriebsleitsysteme gefordert.

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