Fehlzeitenmanagement: Schon krank oder noch gesund?

Die Corona-Krise hat das BGM ganz nach oben auf die Agenda gesetzt. Was können wir aus dem Umgang mit Fehlzeiten in Zeiten von Corona lernen?
© gettyimages / Paul Bradbury

Die Corona-Krise hat das BGM ganz nach oben auf die Agenda gesetzt. Was können wir aus dem Umgang mit Fehlzeiten in Zeiten von Corona lernen?

Nie war das Thema Gesundheit in Wirtschaft und Politik so präsent wie heute, nie mussten sich Arbeitgeber so intensiv mit Schutzmaßnahmen beschäftigen. Prävention ist zur Voraussetzung und zum Motor für wirtschaftliche Tätigkeiten geworden. War Betriebliches Gesundheitsmanagement bisher ein eher ungeliebtes Nischenthema, das oft ohne große Ressourcen und Aufmerksamkeit im Personalbereich mitlief, kümmern sich nun seit mittlerweile einem halben Jahr Task Forces mit Stakeholdern aus allen Managementbereichen anhaltend um die Gesunderhaltung der Belegschaft. Die Corona-Krise hat allen eindringlich vor Augen geführt, was einige schon lange – oft ungehört – predigen: Ohne gesunde Mitarbeiter, kein Erfolg und keine funktionierende Wirtschaft. Welche Schlüsse können wir aus der Corona-Zeit für das betriebliche Gesundheits- und Leistungsmanagement im Allgemeinen ziehen? Am Beispiel des Umgangs mit Fehlzeiten?

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Dass Fehlzeiten ein Riesenthema in Unternehmen sind, zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der aktuellen Studie „Corporate Health Management 2020“ von Roland Berger und deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden: Die Krankentage in Deutschland haben innerhalb von nur zehn Jahren (von 2008 bis 2018) in Deutschland um 37 Prozent zugenommen.

Gesund oder krank? Oder etwas dazwischen?

Ob wir uns nun als „kerngesund“ oder „total krank“ bezeichnen – wir bewegen uns in der Kategorie Gesundheit doch immer in einem Kontinuum, das heißt meist irgendwo dazwischen. Im betrieblichen Kontext wurde dieser Umstand bislang nichtsdestotrotz fest definiert: Entweder sind wir gesund, sprich wir kommen zur Arbeit. Oder aber wir sind krank und bleiben im Bett.

Dann kam Corona. Organisationen, Führungskräfte und auch Mitarbeiter quer durch alle Branchen machen eine ganz ähnliche Erfahrung: Das Arbeiten über Distanz und von Zuhause klappt besser als man es für möglich gehalten hat. Sicherlich war und ist die Produktivität neben Homeschooling oder der Versorgung von Angehörigen manchmal eingeschränkt, trotzdem wurden nach Ausbruch der Pandemie in Windeseile Strategien und Workflows angepasst, neue Produkte kreiert und Meetings abgehalten.
Wir lernen: Produktivität lässt sich auch im Rahmen einschränkender Umstände in den eigenen vier Wänden aufrechterhalten.

Spielräume zwischen Krankheit und Gesundheit nutzen

Wäre es da nicht geschickt, solche Spielräume auch künftig zu nutzen, anstatt gleich die Karte der vollständigen Arbeitsunfähigkeit zu ziehen? Beispielsweise bei einem leichten Husten, der Erkrankung eines Kindes oder anderer, besonderer Umstände? Schließlich haben wir am eigenen Leib erlebt, dass auch soziale Isolation krank machen kann. Aus dem Wunsch heraus, sich weiterhin als produktiver Teil der Organisation zu fühlen, schleppt sich deshalb so mancher mit einem aufkeimenden Infekt noch zwei oder drei Tage zur Arbeit. Andere haben Skrupel, den Kollegen zusätzliche Arbeitslast aufzubürden und erscheinen deshalb am Arbeitsplatz. „Zuhause bleibt man erst, wenn es richtig ernst ist“, so die bisherige Devise vieler Mitarbeiter und auch vieler Führungskräfte – und so gefährden sie die eigene Gesundheit und die der anderen.
Die Corona-Zeit lehrt uns, dass eingeschränktes Arbeiten eine Möglichkeit sein kann – eine Erkenntnis, die für viele bereits Realität ist, bislang aber nur in inoffizieller Form seine Gültigkeit hatte. Warum nicht eine Regelung schaffen, welche diese schlummernden Potenziale nutzt?

Über Gesundheit im Gespräch bleiben

„Bleiben Sie gesund!“ Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich diesen hoffnungsvollen Wunsch so häufig gehört oder am Ende einer E-Mail gelesen habe. Das Thema Gesundheit ist seit Corona natürlicherweise Teil eines jeden Gesprächs, zumeist mit einem aufrichtigen Interesse und ganz ohne Angst vor Stigmatisierung. Viele Führungskräfte erleben gerade, was es bedeutet, sich ganz authentisch dazu mit ihren Mitarbeitern auszutauschen. Was wäre, wenn auch in Zukunft ein einfaches, menschliches, persönliches Interesse am gesunden Wohlergehen bestünde? Von Mensch zu Mitmensch – ohne dabei in die Privatsphäre der Mitarbeiter einzudringen? Es ist schon lange bekannt, dass fürsorgliches Handeln von Führungskräften ein Kernelement eines erfolgreichen Führungsstiles ist. In Betrieben, in denen Führungskräfte mit Mitarbeitern über Gesundheit im Gespräch bleiben (und nicht erst nach mehreren Krankheitsfällen verpflichtende unangenehme „Rückkehrgespräche“ geführt werden), zeigen sich immer wieder positive Effekte: Die Zufriedenheit und Produktivität von Beschäftigten steigen, während Fehlzeiten sinken.

Systematisches Fehlzeitenmanagement etablieren

Das systematische Fehlzeitenmanagement ist genau das richtige Instrument, um eben jenen Erfahrungen aus der Corona-Zeit eine konstruktive Form zu geben. Das Fürstenberg Institut empfiehlt Unternehmen, Fehlzeitenschwerpunkte zu erfassen und zu analysieren. Dabei muss der Datenschutz natürlich oberste Priorität haben: Die Verarbeitung oder Speicherung personenbezogener Daten einzelner Mitarbeiter sind tabu. Aber man kann dennoch anhand bestimmter Indikatoren viel aus einem systematischen Fehlzeitenmanagement zur künftigen Gesunderhaltung der Mitarbeiter und damit zum Erfolg des Unternehmens herauslesen: Gibt es zum Beispiel Gemeinsamkeiten bei Mitarbeitern, die häufig fehlen? Sind diese in der gleichen Altersgruppe? Oder arbeiten sie im selben Unternehmensbereich? Liegen auffällig viele Kurz- oder Langzeiterkrankungen vor? Sind vielleicht die Kind-krank-Zeiten besonders hoch? Welche Art von Arbeitsplätzen sind oft betroffen? All das hilft, im ersten Schritt zu verstehen, wo und warum Menschen häufiger ausfallen und was noch wichtiger ist: Es lassen sich direkte Schlüsse für geeignete Präventionsmaßnahmen daraus ziehen. Vielleicht braucht es ja eine Regelung, wonach Mitarbeiter spontan von Zuhause arbeiten dürfen, wenn ihr Kind kränkelt, eine Grippewelle naht oder es im Rücken zwickt?
Sicherheit im Umgang mit Fehlzeiten bekommen Führungskräfte vor allem dann, wenn der Managementprozess das Thema klar abbildet, aber dort Spielräume lässt, wo Mittelwege von gesund und krank ihren Raum brauchen. Fürsorglich geführte Gespräche sorgen in der Praxis dafür, die klare Unternehmens- und Managementlinie in punkto Gesundheit in die Regelkommunikation zu überführen. So wird auch das gegenseitige Vertrauen im Unternehmen gestärkt.
Betrieben, denen es jetzt gelingt, das Thema Gesundheit nicht wieder abreißen zu lassen und die – am besten gemeinsam mit den Mitarbeitern – gute und klare Voraussetzungen für die Gesunderhaltung, aber auch für den Umgang mit Krankheit schaffen, können wertvolles Potenzial aus der Corona-Krise schöpfen. Um das zum Abschluss noch mal mit Zahlen aus der Roland-Berger-Studie zu untermauern: Allein durch effektives betriebliches Gesundheitsmanagement erzielen Unternehmen nachweislich einen 76 Prozent höheren Aktienwert, 11 Prozent mehr Umsatz pro Mitarbeiter und haben eine um 40 Prozent geringere Fluktuation.

Weitere Informationen zur Studie finden Sie hier.