Fortschritt durch Wohnen

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Swisscom lässt drei Technikexperten ein Jahr lang in einer WG über das Wohnen der Zukunft nachdenken und tüfteln. Das Unternehmen erhofft sich einen Imagegewinn und damit Zugang zu begehrten Fachkräften.

Der Nachteil einer nach Wasch-Ende piependen Waschmaschine ist, dass sie auch nachts piept. Das ist dann problematisch, wenn sich die Maschine in einer WG befindet und mindestens einer der Bewohner im Tiefschlaf. Das Problem trieb Daniel, Thomas und Johannes um, sie wohnen seit Oktober in einer Altbau-Wohnung in Bern. Zu Jahresbeginn präsentierten sie die Lösung, die, wenn man das richtig versteht, darin besteht, dass die Waschmaschine eine Mail schickt, wenn sie fertig ist. Ein weiterer Baustein für das „Wohnen der Zukunft“, dem sich die WG verschrieben hat. Sie soll damit, als Gedankensprung ist das jetzt eine kleine Zumutung, das Image des Arbeitgebers Swisscom für Fachkräfte aus der Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) aufbessern.

Das Problem nämlich ist, dass Swisscom eigentlich gar keinen Ruf unter ICTlern hat. ICT-Experten wie Johannes Neumaier und seine beiden Mitbewohner sind knapp, entsprechend angespannt ist die Stimmung in den HR-Abteilungen, nicht nur bei Swisscom. „Wir müssen uns in der Schweiz als Arbeitgeber gegen starke Konkurrenten durchsetzen“, sagt Judith Oldekop, Leiterin des HR Marketing bei Swisscom. Google, IBM, Microsoft haben Niederlassungen in der Schweiz und bieten zudem, anders als Swisscom, eine internationale Perspektive. „Umso wichtiger ist es, Swisscom als attraktiven Arbeitgeber ins Bewusstsein des ICT-Nachwuchs zu bekommen.“ Die Wohngemeinschaft, das „Project 365d“, ist der jüngste Versuch, im Kampf um die Talente zu bestehen. „Ein Experiment, von dem wir selbst noch nicht wissen, ob es funktioniert“, räumt Judith Oldekop ein. Aber es fange gut an.

Kaum bekannt unter ICTlern

Die Swisscom ist mit 20.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund zehn Milliarden Euro einer der größten Schweizer Arbeitgeber und durchaus auch einer der renommiertesten. 1998 ging die AG als Teilprivatisierung aus der staatlichen Post-,Telefon- und Telegrafenbetriebe hervor, auch heute hält die Eidgenossenschaft noch mehr als die Hälfte der Anteile. Allerdings werde der Konzern vorrangig als Telekommunikations-Unternehmen wahrgenommen, sagt Judith Oldekop. „Dass wir der größte ICT-Anbieter in der Schweiz sind, der größte ICT- und Outsourcing-Partner für Banken und zu den drei größten SAP-Dienstleister im Land zählen, ist kaum bekannt.“ Auch nicht unter den ICT-Fachkräften. Vor drei Jahren entwarf Oldekops Abteilung deshalb eine Social-Media-Strategie, um ICT-Fachkräfte „dort anzusprechen, wo sie sind“, also im Netz. Ein ICT-Blog wurde gegründet. Und im Oktober wurde die WG ins Leben gerufen, sie wird ein Jahr bestehen und in dieser Zeit den Blog füllen, unter anderem.

Eine der gefragten Fachkräfte ist Johannes Neumaier. Der 27-Jährige aus Deutschland geht gerne saunieren, auf Kurzurlaub und Pilze sammeln, wie er in seinem Profil auf der ICT-WG-Webseite verrät. Von der Swisscom hatte er bis vor einem Jahr kaum was gehört, schon gar nicht als potenziellen Arbeitgeber. „Das wurde mir erst klar, als mich ein ehemaliger Studienkollege auf das Projekt hinwies.“ Neumaier, der 2013 sein Informatik-Studium in Rothenburg ob der Tauber abschloss, hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht vor, den Job zu wechseln, er arbeitete seit einem halben Jahr bei einem kleinen SAP-Dienstleister im Süddeutschen. „Aber das Projekt fand ich sehr spannend, da habe ich mich dann doch beworben.“

Die Bewerbungsphase war dabei fast schon eine eigene Kampagne, bei der weder deutlich wurde, dass die Swisscom  dahinter steckt, noch, dass es um eine Projekt-WG geht. In einem ICT-Quiz konnten sich Experten durch Fragenkataloge arbeiten und versuchen, die Spitze des Rankings zu erreichen. Die besten bekamen dann die Möglichkeit, sich auf einen WG-Platz zu bewerben. Rund 80 Kandidaten gab es, von denen dann drei im September einzogen. An vier Tagen der Woche machen diese jetzt ein Praktikum in der Swisscom-Innovationsabteilung, freitags sitzen sie zusammen in der Wohnung und überlegen, welche technischen Innovationen das Wohnen voranbringen könnten. Für Johannes Neumaier ist es die erste WG, während seines Studiums lebte er in einem Studentenwohnheim.

Debatten im WG-Blog

Sein Spezialgebiet ist der Open Hub Server, „die Automatisierungszentrale“, wie er es nennt, mit der beispielsweise die E-Mail schreibende Waschmaschine verwirklicht wurde. Berichtet wird über diese Ergebnisse im Blog der WG – und er ist das eigentliche Aushängeschild des Swisscom-Projekts. Hochkomplexe, und für Nicht-ICTler kaum nachvollziehbare Debatten über technische Probleme und Möglichkeiten werden hier geführt, und jeder Besucher des Blogs, so das Ziel, soll diese Spielwiese fortan mit der Swisscom assoziieren. 6.000 bis 8.000 Nutzer, so Judith Oldekop, besuchten derzeit im Schnitt die Seite. „Und wir hoffen, dass wir dadurch am Ende des Tages mehr Fachkräfte anwerben können.“ Und für Johannes Neumaier, so sagt er, ist es eine prima Gelegenheit, sich künftigen Arbeitgeber mit eigenen Projekten zu präsentieren.

Ob er und seine beiden Mitbewohner nach dem Praktikumsjahr bei der Swisscom bleiben, steht noch nicht fest. „Wir versuchen auf jeden Fall, sie hier unterzubringen“, sagt Judith Oldekop. Neumaier selbst zeigt sich da ziemlich entspannt, hier in seiner WG. „Mir stehen ja alle Türen offen“, sagt er. Die Swisscom, sie hat bei ihm zumindest schon mal einen Fuß in der Tür.