Führungskräfte müssen Sinnstifter sein

Sense-Out gilt als neues Phänomen in Unternehmen. Um diesem Empfinden, dass das eigene Tun sinnlos ist, entgegenzuwirken, sind auch die Führungskräfte gefragt. Denn es geht um die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.

Führen in Zeiten des ständigen Wandels ist herausfordernd. Globalisierung, permanenter kultureller Wandel, dynamische Märkte und interagierende Handelssysteme haben die Welt in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Erhöhte Komplexität und Unsicherheit sind heute eher die Regel als die Ausnahme. Darauf müssen Führungskräfte reagieren und handlungsfähig bleiben. Gleichzeitig muss exzellente Führung in der Lage sein, Mitarbeiter trotz schwieriger Rahmenbedingungen motiviert zu halten und zu Spitzenleistungen zu führen. Sinnfragen werden immer virulenter. Darauf müssen Führungskräfte eine Antwort geben können.

Führungskraft als Sinnstifter

Führungskräfte von heute müssen sich als Sinn-Coaches verstehen. Denn hinter der Suche nach Sinn steht das Bedürfnis nach Orientierung und Eingebundensein in ein größeres Ganzes. Dieses Bedürfnis ist stärker denn je und fällt in Ermangelung adäquater Alternativen immer mehr den Unternehmen zu. Eine Führungspersönlichkeit muss sich eine bessere Welt und ein besseres Unternehmen vorstellen können. Führungspersönlichkeiten, die auf Dauer bestehen wollen, brauchen ein Bild von der Zukunft. Eine Vision, für die es sich lohnt zu leben und zu arbeiten.

Zeitgeistphänomen und menschliches Grundbedürfnis

Die Suche nach Sinn ist ein altes und zutiefst menschliches Bedürfnis. Viktor E. Frankl, Psychiater und KZ-Überlebender während des Nationalsozialismus, definiert den Menschen als sinnsuchendes Wesen, welches einen sinnvollen Beitrag leisten will. Gleichzeitig ist die Suche nach Sinn ein zentrales Zeitgeistphänomen, typisch für westliche Kulturen. Sie ernährt mittlerweile ganze Industriezweige. Dies verwundert nicht, nachdem die traditionell sinnstiftenden Bereiche unserer Gesellschaft massiv an Bedeutung verloren haben: Religion, Nation/Gesellschaft und Familie. In Kombination mit materiellem Wohlstand führt dies dazu, dass Menschen intensiv nach Sinn suchen.

Damit steigt jedoch der Druck auf den Bereich Arbeit, in dem viel Lebenszeit verbracht wird, Sinn zu liefern. Für den Freizeitforscher Horst Opaschowski wird die Sinnorientierung zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung für die Wirtschaft. Zukunftsmärkte werden für Opaschowski immer auch Sinnmärkte sein. Jedoch ist Sinn kein einfach „herstellbares“ Produkt. Es ist Resultat von Einsichten und Haltungen, eingebettet in den unternehmerischen und gesellschaftlichen Kontext.

Ohne Sinnfindung droht Sense-Out

Sense-Out ist ein schleichender Prozess der inneren Aushöhlung. Die Leistungsfähigkeit bleibt zunächst erhalten. Gleichzeitig funktioniert man nur noch. Nahezu alles wird auf einer inneren To-do-Liste abgehakt. Egal, ob es sich um geschäftliche Verpflichtungen oder private Aktivitäten handelt. So gerinnt auch der lustvolle Besuch eines Kinofilms zur Pflicht, der man nur noch gerecht werden will. Begleitende Gefühle sind Langeweile, Gleichgültigkeit, innere Unzufriedenheit, Gereiztheit. Der Spaß, die Leidenschaft, das Brennen für die Aufgabe sind verloren gegangen. Frühere Anreizsysteme wie Macht, Geld oder Status haben ihre Wirkung verloren. Mental treten Sinnfragen auf. Zynismus und Sarkasmus sind nicht selten. Sense-Out führt zu Verhaltensänderungen: Aufschieberitis, lustlose Erledigung der Aufgaben oder Motivationsblockaden können Folgen sein. Dabei kann Sense-Out ein schleichendes Unwohlsein über Jahre erzeugen, Motivation reduzieren und manchmal die Lust am Leben nehmen.

Individuelle Strategien – notwendig und oft nicht hinreichend

Sense-Out kann vermieden werden, indem der eigene Beitrag betrachtet wird. Die Änderung eigener Verhaltens- und Einstellungsmuster kann zur Gesamtlösung beitragen. Wird Glück und Sinnstiftung jedoch überwiegend im beruflichen Kontext gesucht und soll die Arbeit eine ansonsten unbefriedigende und sinnleere Gestaltung der übrigen Lebensbereiche kompensieren, ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt.

Führungskräfte als Sinnstifter der Moderne

Aber: Individuelles Sense-Out ist häufig nicht nur Resultat eigenen Verhaltens, sondern oft auch Produkt ungünstiger beruflicher Rahmenbedingungen. Zu diesem Ergebnis kommt beispielsweise eine Studie von Tobias Kämpf für den IT-Bereich. Tobias Kämpf identifiziert fünf unternehmerische Handlungsfelder, um persönliches Sense-Out zu verringern. Die Rolle der Führungskraft als Gatekeeper ist dabei ein zentraler Ansatzpunkt.

Man mag es drehen und wenden wie man will: Führungskräfte von heute müssen sich ihrer Aufgabe als Sinnstifter stellen, wollen sie die Leistungsfähigkeit Ihrer Mitarbeiter aufrechterhalten. Denn das menschliche Wesen strebt nach Sinn und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen reduzierten den Einfluss traditioneller Sinnstifter. Dieses Vakuum zu füllen ist Herausforderung und zugleich Chance für die Führungskraft von heute und besonders auch von morgen.