Fundamentalkritik am Bildungssystem

Der kritische Dokumentarfilm „Alphabet“ greift das Thema Bildung global auf. Regisseur und Autor Erwin Wagenhofer nimmt darin vor allem Anstoß am gestiegenen Wettbewerbsgedanken.

Die erste Einstellung ist eine Wüstenlandschaft bei Sonnenaufgang, dazu spricht eine Stimme aus dem Off: „Wir haben diese außergewöhnliche Vorstellungskraft. Jede Form menschlicher Kultur ist die Folge dieser einzigartigen Fähigkeit. Doch ich glaube, dass wir systematisch diese Fähigkeit in unseren Kindern zerstören.“ Dann kommt im Trailer für den Dokumentarfilm „Alphabet“ des Österreichers Erwin Wagenhofer ein chinesischer Pädagogikprofessor zu Wort.

Wagenhofer kritisiert in seinem neuen Film, der gerade in die Kinos gekommen ist, die Art und Weise des globalen Lernens, die vorrangig durch Leistungs- und Konkurrenzdenken, wirtschaftlichen Nutzen und den globalen Wettbewerb geprägt werde. Um diese, als Globalisierungskritik angelegte These zu untermauern, lässt er nationale und internationale Experten zu Wort kommen, darunter den Neurobiologen Gerald Hüther und den ehemaligen Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger. „Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit“, meint dieser.

Bereits der zweiminütige Trailer, der zwischen zusammengeschnittenen Statements verschiedener Protagonisten Bilder von Prüfungssituationen, Managementseminaren und spielenden Kindern zeigt, gibt einen deutlich Eindruck davon, worum es Wagenhofer geht. Er stellt die Kinder in den Mittelpunkt und das globale Schulsystem in Frage. 98 Prozent der Kinder kämen – aufgrund der speziellen persönlichen Fähigkeiten, die sie mitbringen – hochbegabt zur Welt, heißt es im Film. Nach der Schulzeit blieben davon nur 2 Prozent übrig.

Der Film passt in die heutige Zeit, in der das Thema Bildung stark in der öffentlichen Debatte vertreten ist, nicht zuletzt durch Autoren wie Richard David Precht, der im Frühjahr sein Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ herausgebracht hat und eine Bildungsrevolution fordert. „Alphabet“ ist ein weiterer Beitrag in der Diskussion um den Reformbedarf im Bildungssystem, der sich aber durch seine globale Perspektive nicht auf den meist vorherrschenden nationalen Blick beschränkt.