Gegen alle Widerstände

Menschen mit Behinderung haben es oft schwerer als andere, wenn sie Karriere machen wollen. Das liegt meist nicht an ihnen, sondern an der Ignoranz ihrer nichtbehinderten Mitmenschen.

Hätte Raúl Krauthausen in der neunten Klasse auf seinen Berufsberater gehört, würde er heute womöglich für 1,49 Euro pro Stunde Glückwunschkarten basteln oder Holzspielzeuge zurechtsägen. Krauthausen hat „Osteogenesis imperfecta“, im Volksmund als Glasknochenkrankheit bekannt. Seine Knochen brechen leicht, er sitzt im Rollstuhl. Für den Berufsberater, der Krauthausen und seinen Mitschülern Tipps für den Job geben sollte, stand deshalb fest: Auf dem freien Arbeitsmarkt hätte Krauthausen keine Chance. Er riet ihm, in eine Behindertenwerkstatt zu gehen. „Hätten meine Eltern mir das nicht ausgeredet, wäre ich diesem Rat womöglich gefolgt“, sagt Krauthausen.

Zum Glück entschied sich der heute 36-Jährige dazu, auf seine Eltern zu hören statt auf den vermeintlichen Job-Experten. Heute kann Krauthausen ein abgeschlossenes Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation sowie des Design Thinking vorweisen, einer Lehre vom kreativen Problemlösen. Er ist Buchautor, Redner und Berater für Inklusion und Barrierefreiheit. Er hat den Verein Sozialhelden gegründet, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, und moderiert eine nach ihm benannte Talkshow beim Fernsehsender Sport1. Für sein Engagement bekam er vor drei Jahren das Bundesverdienstkreuz. „Ich hatte das Glück, dass mir auf meinem Berufsweg alles in allem nicht viele Steine in den Weg gelegt wurden“, sagt er.


Raúl Krauthausen, Foto: Esra Rotthoff

Viele andere Menschen mit Behinderung haben dieses Glück nicht. Behinderung und Karriere, das passt für nichtbehinderte Berufsberater und Personalmanager oft nicht zusammen. Noch immer ist es deshalb für viele Behinderte ein Kraftakt, sich eine berufliche Perspektive aufzubauen. Es fehlt an Bestärkung, Unterstützung und nicht zuletzt auch an Vorbildern. Die Arbeitslosenquote lag bei Schwerbehinderten Ende des Jahres 2015 mit 13,9 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Dabei steht einer Karriere für viele Menschen mit Behinderung nichts im Weg – außer der Ignoranz ihrer nichtbehinderten Mitmenschen.

Es beginnt bereits bei der Politik. Die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006 betont zwar, dass Menschen mit Behinderung ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind. Ihre Umsetzung lässt in Deutschland aber bislang zu wünschen übrig. Mit dem jüngsten Versuch, die Lebens- und Arbeitssituation für Behinderte zu verbessern, hat die Bundesregierung nach Ansicht vieler Betroffener erneut danebengegriffen.

Abbau von Eigenverantwortung

Der Bundestag hat kürzlich ein neues Gesetz, das sogenannte Bundesteilhabegesetz verabschiedet. Es soll behinderten Menschen mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Bislang lohnt es sich für viele Behinderte finanziell kaum, einer Erwerbsarbeit nachzugehen – zumindest, wenn sie sogenannte Eingliederungshilfen bekommen. Darunter versteht man Leistungen des Sozialamts, etwa für eine Arbeitsassistenz, die manchen Menschen eine Erwerbstätigkeit überhaupt erst ermöglicht. Übersteigt das Einkommen aus dieser Arbeit jedoch eine bestimmte Grenze, behält der Staat einen Teil davon ein. Auch auf Rücklagen von Betroffenen darf er zugreifen, ebenso auf Vermögen und Einkommen der Partner. Der Staat zahlt also nur dann für Arbeitsassistenten und andere Hilfe, wenn die Betroffenen auf Hartz-IV-ähnlichem Niveau leben.

Ab kommendem Jahr sollen sowohl die Freibeträge für Erwerbseinkommen als auch das sogenannte Schonvermögen steigen. Berufstätige, die Eingliederungshilfen beziehen, dürfen dann 25.000 Euro unangetastet auf der hohen Kante haben, später 50.000 Euro. Bislang liegt das Schonvermögen bei gerade einmal 2.600 Euro. Das macht es behinderten Berufstätigen fast unmöglich, angemessen für das Alter vorzusorgen. Ab dem Jahr 2020 sollen zudem Einkommen und Vermögen von Partnern anrechnungsfrei bleiben.

Betroffenen geht der Gesetzesentwurf längst nicht weit genug. Er umfasst nicht nur Fragen zur Anrechnung von Einkommen und Vermögen, sondern berührt auch viele andere Punkte. Hier und da seien Verbesserungen zu erkennen. Im Großen und Ganzen sei der Entwurf von Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles aber ein Rückschritt, sagen viele. „Was Frau Nahles hier macht, ist mehr als peinlich“, sagt Peter Sdorra, Richter am Kammergericht in Berlin und selbst behindert. „Die Bundesregierung betreibt mit dem Bundesteilhabegesetz in seiner jetzigen Form einen Abbau von Eigenverantwortung bei behinderten Menschen.“

Sdorra weiß, was Menschen mit Behinderung zu leisten im Stande sind, wenn man es ihnen nicht unnötig schwer macht. Er hat deshalb im Oktober gemeinsam mit einigen Mitstreitern den Verein Führungskräfte mit Behinderung gegründet. „Wir wollen Arbeitgebern die Augen öffnen und bei behinderten Kollegen Aufbauarbeit leisten“, sagt er. Viele berufstätige Behinderte scheuen sich, zu ihrer Behinderung zu stehen, weil sie Karriere-Nachteile fürchten oder Angst haben, nicht mehr auf der Basis ihrer fachlichen Kompetenzen beurteilt zu werden. „Es muss sich in Deutschland noch sehr viel ändern“, sagt Sdorra.

Fachliche Kompetenz rückt in den Hintergrund

Sdorra hat seit Kindesbeinen eine schwere Sehbehinderung, später kamen Gleichgewichtsprobleme und Diabetes dazu. Das hielt ihn nicht davon ab, Karriere zu machen. „Ursprünglich wollte ich Lehrer werden“, erzählt er. Auch bei ihm grätschte ein Jobberater dazwischen: „Bei der Berufsberatung kurz vor dem Abitur wurde mir dringend vom Lehrerberuf abgeraten.“ Glücklicherweise widersprach Sdorras damaliger Arzt – und legte seinem Patienten gleichzeitig ein Jura-Studium nahe. In den folgenden Jahren studierte Sdorra tatsächlich Rechtswissenschaft, absolvierte in Berlin sein Referendariat und arbeitete zunächst einige Jahre in einer Anwaltskanzlei, bis er Anfang der 90er Jahre in die Justiz wechselte. „Ich hatte immer wieder Menschen an meiner Seite, die mir auf die Sprünge geholfen haben, wenn ich an mir gezweifelt habe“, sagt er.

Der Richter hat die Erfahrung gemacht, dass fachliche Kompetenzen im Umgang mit Behinderten oft in den Hintergrund treten – zum Unmut der Betroffenen. „Im Einstellungsgespräch geht es oft nur um die Behinderung“, sagt er. „Hat man eine sichtbare Behinderung, benehmen sich viele Menschen aus Unsicherheit komisch, denken, man sei kognitiv eingeschränkt, oder wollen einen umsorgen.“ Viele nichtbehinderte Menschen nehmen Behinderte nicht als vollwertige Kollegen wahr – und sind dementsprechend irritiert, wenn diese Forderungen stellen. Sdorra hat es selbst erlebt: Als er seinen Job beim Kammergericht antrat, verlangte er für seinen Arbeitsplatz einen elektrisch höhenverstellbaren Schreibtisch und einige andere Hilfsmittel, die ihm die Arbeit erleichtern. „Da war man dann zunächst nicht begeistert“, berichtet er. Das änderte sich allerdings, als der Verwaltung klar wurde, dass für solche Anschaffungen öffentliches Geld bereitsteht.

Zuschüsse und Darlehen für Arbeitgeber

Arbeitgeber, die behinderte Menschen beschäftigen, können Zuschüsse und Darlehen erhalten – etwa dafür, einen Arbeitsplatz barrierefrei zu gestalten. Viele Personalmanager wissen das nicht. „Sie lernen zwar Diversity in der Theorie kennen, bekommen aber keine Handreichungen für konkrete Fälle“, kritisiert Aktivist Krauthausen. Statt sich zu fragen, wie man für Menschen mit Behinderung ein gutes Arbeitsumfeld schaffen kann, beschäftigen sich viele Unternehmen lieber damit, wie sie es vermeiden können, Behinderte einzustellen. Ab einer Zahl von 20 Mitarbeitern müssen Arbeitgeber mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Tun sie das nicht, müssen sie zwischen 125 und 320 Euro pro Monat zahlen. Diese sogenannte Ausgleichsabgabe fließt in die Töpfe, aus denen Umbauten und Hilfsmittel für schwerbehinderte Arbeitnehmer gefördert werden.

Arbeitgeber sollten sich nicht so leicht aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehlen können, findet Krauthausen. „Solange es so billig ist, sich nicht mit behinderten Arbeitnehmern zu beschäftigen, tun es Unternehmen auch nicht. Es ist viel zu einfach, sich aus der Verantwortung herauszukaufen. Unternehmen sollten gezwungen werden, ihre Quote an schwerbehinderten Arbeitnehmern zu erfüllen.“ Krauthausen ist überzeugt: Sind Behinderte in Unternehmen erst ein normaler Anblick, verlieren Vorurteile an Kraft, und Berührungsängste schwinden.

Krauthausen selbst hat neben seinem Studium mehrere Jahre als Angestellter gearbeitet, bevor er den Weg in die Selbständigkeit wählte. Er war zunächst vier Jahre in Werbeagenturen tätig, danach vier Jahre Online-Programmmanager bei der ARD. „Alle Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe, waren barrierefrei. Deshalb gab es keine Probleme“, sagt er. Die ARD war von seiner Arbeit so angetan, dass sie ihn als Mitarbeiter behalten wollte. Als Krauthausen ablehnte, bat ihn die Medienanstalt, einen Nachfolger zu suchen, der ebenfalls eine Behinderung hat. Das sah Krauthausen dann wiederum nicht ein: „Es ist nicht meine Aufgabe, Behinderte für Unternehmen zu finden. Da sollten Personalmanager selbst aktiv werden.“


Der Verein Führungskräfte mit Behinderung hat sich im Oktober in Berlin gegründet. Er setzt sich dafür ein, dass die Kompetenzen von Führungskräften mit Behinderung anerkannt und nicht vornehmlich ihre Defizite in den Fokus genommen werden. Der Verein will auch eine Organisation sein, in der sich Führungskräfte mit Behinderung vernetzen und austauschen können. Außerdem sollen Menschen mit Behinderung, die sich bislang keine Führungsrolle zutrauen, durch Weiterbildungsangebote und die Sichtbarmachung von Role Models angesprochen und ermutigt werden. Foto: Führungskräfte mit Behinderungen