Gegen den Strich gebürstet

Die Personalentwicklungs-Szene sei tendenziell gaunerhaft durchseucht. Diese These formuliert Rolf Th. Stiefel in seinem neuen Buch. Es regt zur Reflexion an.  

Die mitteleuropäische Personalentwicklung (PE) wird – im publizierten und referierten Mainstream – von der einen Wirklichkeit bestimmt: Effektiv, effizient und oft sogar elegant. Wer in der Szene herumliest und sich umhört, wird auf Schritt und Tritt einer solchen Glas-fast-randvoll-Mentalität begegnen. Hinter dieser positiven Grundhaltung stehen unterschiedliche Motive der Darsteller, denen aber eine Botschaft gemeinsam ist: bei uns wirkt Personalentwicklung (aus Sicht der Unternehmen) beziehungsweise mit uns wirkt Personalentwicklung (aus Sicht von Dienstleistern). Eine verheißungsvolle Darbietung fällt auch nicht schwer. Zum einen gibt es keine allgemein anerkannte Personalentwicklungstheorie, zum zweiten ist das Personalentwicklungscontrolling in den Anfängen stecken geblieben und zum dritten kann die Personalentwicklungsphilosophie ohnehin nur aus der jeweiligen Situation heraus beurteilt werden („best fit“). Wie das Weltall ist der personalentwicklerische Möglichkeitsraum unendlich; er wächst und wächst und wächst. Die einem meist nicht so genau hinschauenden Publikum in Wort und Bild zugänglich gemachte „Realität“ samt ihrer vollmundigen Interpretation ist deshalb oft mehr Schein als Sein. Dabei könnte man es belassen.

Nun gibt es neben diesem Mainstream der Personalentwicklung, zum Glück, auch kritisch-reflektierte Akteure. Zu ihnen zählt seit über vier Jahrzehnten der Autor eines kleinen im Selbstverlag aufgelegten Büchleins. Wer mit dem MAO-Konzept von Stiefel vertraut ist – wobei MAO für Management-Andragogik und Organisationsentwicklung steht – wird kaum etwas Neues erfahren. Die Grundgedanken und viele Detaillierungen sind in Rolf Stiefels früheren Büchern sowie seinem vierteljährlichen Informationsbrief bereits ausgebreitet. Doch nicht jedem der im deutschsprachigen Raum mit Personalentwicklung befassten geschätzten 200.000 HR-Mitarbeiter und PE-Dienstleister sind seine Leitsätze und deren Ableitungen für die unternehmerische Praxis vertraut. An sie richtet sich diese Schrift, für die sich der Leser mit allen seinen Sinnen öffnen sollte. Allein schon die vielen prägnanten Formulierungen werden so manche sanftmütige Personalentwickler-Seele erschaudern. Manche liebgewonnene Maxime wird über den Haufen geworfen. Manche über die Jahre nicht mehr hinterfragte Realität wird an den Pranger gestellt. Manche im Grunde nur eigennützige Motivation wird schonungslos aufgedeckt.

Darauf muss man sich einlassen. Darauf kann man sich einlassen. Nicht alles, was und wie heute Personalentwicklung in Organisationen betrieben wird, ist falsch und muss geändert werden. Aber es sollte stets selbstkritisch reflektiert werden. Dabei hilft dieses Büchlein enorm. Es bietet selbst dem PE-Professional noch zahlreiche für seinen beruflichen Alltag nützliche Reflexionsflächen. Dazu räumt Stiefel – so die Kapitel und der Untertitel seiner Schrift – mit den landläufigen Mythen der Personalentwicklung auf, vertieft typische Kunstfehler der personalentwicklerischen Praxis und warnt vor gaunerhaftem oder sogar kriminellem Verhalten von Dienstleistern. Wie von ihm gewohnt, überzieht der Verfasser seine Argumentationslinie an manchen Stellen, altersmilde ist Stiefel nicht. Er hat, wie jeder, seine Lieblingsthesen, seine Lieblingsquellen, seine Lieblingsgegner. Das muss man aushalten. Das kann man aushalten.

Übrigens: Wie jede Publikation mit Aufklärungsanspruch, bei der quasi in Checklisten-Manier fragwürdige Aspekte derzeitiger Personalentwicklung aufgeführt werden, besteht auch hier eine große Gefahr. Dass raffinierte Anwender und Dienstleister die vielfältigen Appelle zum Mitdenken und Bessermachen einfach umkehren und als Tipps und Tricks für eine noch geschicktere Vermarktung ihrer grenzwertigen Maßnahmen und Produkte nutzen. Die nicht von durchgängiger Seriösität, Souveränität und Servicementalität geprägte PE-Arena bietet bekanntlich mannigfaltige Spielwiesen. Mich würde es nicht wundern, wenn dieses Buch eher von „marginalen“ Personalentwicklern ausgeweidet als von PE-Professionals mit „getting-better“-Ambition durchforstet wird. Was mit Sicherheit nicht die Intention von Stiefel gewesen ist.

Beim Lesen bin ich über manche Sätze gestolpert, die mich betroffen gemacht haben, wie etwa: „Man kann heute die These vertreten, dass mit der tendenziellen gaunerhaften Durchseuchung der PE-Szene früher oder später jeder Klient einmal mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Opfer eines Gauners oder Scharlatans wird. Besonders beunruhigend ist das fehlende Unrechtsbewusstsein bei vielen Anbietern von Leistungen, die in ihrem Verhalten scheinbar nur den neuen ‚Spielregeln’ im Markt folgen und stolz über ihre kreativen Formen der Marktbearbeitung sind und wenig Nachdenklichkeit zeigen, wenn man ihre absichtsvoll praktizierten Kunstfehler anprangert. (…) Die entscheidenden betrieblichen Ressourcen in der PE sind nicht die finanziellen Mittel, die in ihrem Einsatz für Unternehmen wirkungslos bleiben, sondern die Entwicklungs- und Veränderungsenergie der Mitarbeiter, die nach einem Fehleinsatz dem Unternehmen bei zukünftig notwendigen Projekten fehlen.“ Genau darum geht es bei exzellenter Personalentwicklung in der betrieblichen Praxis: Natürlich um die Vermeidung von Nonsens, Schlendrian und Egomotiven. Noch mehr braucht es freilich eine bessere Personalentwicklung als verbesserte Basis für die Transformation von Unternehmen in diesen volatilen Zeiten.

 

Rolf Th. Stiefel, „Führungskräfte-Entwicklung – Die andere Wirklichkeit: Mythen, Kunstfehler und Trainingsgauner“, MAO-Press, St. Gallen, 2013, ISBN 1420-7966-10, 117 Seiten, Euro 36/sFr 45 einschl. Versandkosten