Gemeinsam Fachkräfte binden

Ein Arbeitgeber, unterschiedliche Jobs – das ist bei Arbeitgeberzusammenschlüssen gang und gäbe. Gerade kleinere Betriebe federn so ihren saisonalen oder zeitlich begrenzten Mitarbeiterbedarf ab. Und das in Abgrenzung zur Zeitarbeit.

Aktuell ist es wieder etwas ruhiger im Callcenter der D+S auf Rügen. Dafür ist seit einigen Wochen Hochsaison in den zahlreichen Hotels und Gastronomiebetrieben, die es auf der Ostsee-Insel gibt. Seitdem sind auch die zwölf Angestellten von Christian Fischer wieder in eine neue Rolle geschlüpft. Haben sie die Wintermonate über im Callcenter gearbeitet, heißt es jetzt wieder kellnern, kochen oder Betten machen. Sie sind angestellt beim Arbeitgeberzusammenschluss (AGZ) Rügen, dessen Vorsitzender Fischer ist und in dem aktuell elf Mitgliedsunternehmen organisiert sind. Seit drei Jahren existiert dieses Modell der Unternehmenskooperation auf der Insel und unterstützt die regionalen Arbeitgeber dabei, ihren saisonalen Mitarbeiterbedarf bestmöglich zu planen und zu steuern. Denn sowohl die Hotel- und Gastronomiebranche als auch der Bereich Callcenter unterliegen Schwankungen im Personalbedarf, erstere benötigen mehr Mitarbeiter in den Sommermonaten, letztere im Winter. Dann liegt das Arbeitsvolumen im Callcenter um zehn bis 25 Prozent höher.

„Wir haben festgestellt, dass uns im Sommer einige Mitarbeiter verlassen, um die sechs Monate in der Gastronomie die Trinkgelder mitzunehmen. Manchen wurde auch ein längerfristiger Vertrag versprochen, aber im Winter standen sie oft wieder vor unserer Tür“, erklärt Fischer, der nicht nur den Arbeitgeberzusammenschluss managt, sondern auch Personalleiter bei D+S ist. Dies gab für ihn den Anstoß, nach einem Modell zu suchen, das diese Unsicherheitsfaktoren in der Personalplanung für Arbeitgeber und -nehmer eindämmt. Als er von der Idee des Arbeitgeberzusammenschlusses las, war für ihn klar, dass dies auch auf Rügen funktionieren könnte.

Die Kernfunktion eines AGZ liegt darin, sichere Arbeitsplätze zu schaffen, indem verschiedene betriebliche Bedarfe kombiniert werden. „Flexicurity“, die Wortschöpfung von Flexibilität und Security gibt diesen dahinterstehenden Grundgedanken ziemlich gut wieder. Dabei gründen verschiedene Firmen ein gemeinsames Unternehmen, oft als Genossenschaft. Diese stellt dann die gemeinsam benötigten Beschäftigten ein, organisiert deren Einsatz in den diversen Unternehmen und erledigt mitunter auch die Personalarbeit.

Sieben Arbeitgeberzusammenschlüsse in den verschiedensten Branchen gibt es aktuell in Deutschland. Neben den Rüganern gibt es vor allem Kooperationen in der Landwirtschaft, aber auch Bildungsträger oder Vertreter der Metall- und Elektroindustrie haben sich schon zusammengetan. Ein AGZ eignet sich aber auch dafür, Spezialisten, die keine 40 Stunden in der Woche gebraucht werden, fest an mehrere Unternehmen zu binden. Sigrid Wölfing vom Beratungsbüro tamen, bei dem der Bundesverband der Arbeitgeberzusammenschlüsse Deutschland e.V. angesiedelt ist, kennt verschiedene Beispiele für diese Spezialisten, wie Computerfachleute oder Biologen, die in der Qualitätssicherung arbeiten. Sie hat das Thema von Beginn an in Deutschland begleitet. Das sind inzwischen rund zwölf Jahre.

Keine Zeitarbeit

Ihren Ursprung hat diese Art unternehmerischer Selbsthilfe in Frankreich. Dort wurde in den 80er Jahren die Praxis, in der Landwirtschaft innerhalb verschiedener Betriebe die Mitarbeiter auszutauschen, auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Über ein EU-Projekt kam die Idee dann nach Deutschland. Doch die 20 Jahre Vorsprung, die Frankreich bei dem Thema hat, holt Deutschland nur schwer auf. Das liegt auch daran, dass die AGZ hier immer noch nicht das Standing haben, das sie bei den Franzosen genießen. Die Skepsis war lange Zeit groß, sowohl von Seiten der Politik als auch der Unternehmen. Man sah die Zusammenschlüsse vielfach als eine neue Form der Zeitarbeit, auch durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz.

Dabei setzen sie sich klar von eben dieser ab. „Es sind zwei verschiedene Dinge, die unterschiedliche Bedarfe der Unternehmen bedienen“, sagt auch Sigrid Wölfing von tamen. „AGZ sichern langjährig und kontinuierlich Fachkräfte, deren Bindung an das Unternehmen wichtig ist. Zeitarbeit reagiert eher auf kurzfristige und schlecht planbare Bedarfe.“ Auf den Punkt bringt es Christian Fischer: „Zeitarbeiter melde ich kurzfristig ab, wenn ich die nicht mehr haben möchte, das funktioniert in einem AGZ nicht.“ Fischer ist auch der Ansicht, dass die Zusammenschlüsse der Zeitarbeit dauerhaft Konkurrenz machen können.

Wenn den Unternehmen, die sich entschließen, einen Zusammenschluss zu gründen, denn auch klar ist, welche Verantwortung sie übernehmen. Schließlich sind sie gemeinschaftlich für den AGZ und die darin beschäftigten Mitarbeiter verantwortlich. „Man muss die Unternehmen in die Pflicht nehmen und ihnen klar machen, dass der Zusammenschluss ihre Firma ist, die ihnen zwar Arbeit, aber nicht die Verantwortung für die Beschäftigten abnimmt, wie es ein Dienstleister täte“, erklärt Wölfing. Ein anderer wichtiger Punkt, damit ein AGZ funktioniert, ist die Offenheit untereinander, meint Bettina Wiener vom Zentrum für Sozialforschung Halle. Sie erforscht seit Jahren Kooperationsmodelle in kleineren Unternehmen. „Unternehmen, die sich Arbeitskräfte teilen, müssen das Vertrauen aller Partner haben“, sagt sie. Ihrer Erfahrung nach findet solch eine Kooperation daher am ehesten dort Verbreitung, wo es bereits sehr gute Netzwerke zwischen den Unternehmen gibt.

Doch es gilt noch an einem anderen Punkt, Überzeugungsarbeit zu leisten: Denn viele Firmen sehen vor allem die Kosten, die die Etablierung und der Betrieb des AGZ macht. „Oft wird zunächst nicht gesehen, wie viele Ausgaben sich die Unternehmen durch den Zusammenschluss sparen. Das betrifft zum Beispiel die Einarbeitung und die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern“, erklärt Christian Fischer. Denn natürlich habe man zwar monatlich einen etwas erhöhten Aufwand an Personal- und Verwaltungskosten, aber die wären im Endeffekt marginal und stünden nicht im Verhältnis zu dem langfristigen Gewinn, den die Unternehmen aus der Kooperation ziehen könnten.

Ein sicherer Arbeitsplatz

AGZ gegenüber aufgeschlossen sind daher bisher vor allem die Mitarbeiter. Für sie geht es darum, einen dauerhaften Arbeitsplatz zu haben. Diese Erfahrung hat auch die Wissenschaftlerin Bettina Wiener gemacht: „Die Angestellten freuen sich über die gewonnene soziale Sicherheit.“ Darüber hinaus empfinden viele die abwechslungsreiche Arbeit in verschiedenen Unternehmen als bereichernd.

Geht es darum, wie zukunftsfähig das Modell für die Beschäftigung in Deutschland ist, verweisen die Fachleute vor allem auf den demografischen Wandel, der dazu führen könnte, dass sich noch mehr Unternehmer für einen Zusammenarbeit dieser Art öffnen. „Auch wenn uns keine Massen die Tür einrennen“, sagt Sigrid Wölfing, „merken wir, dass mit zunehmendem Fachkräftemangel das Thema immer wieder aufkommt und auf vermehrtes Interesse stößt.“

Auch Bettina Wiener ist zuversichtlich, dass das Modell eine noch stärkere Verbreitung finden wird, obwohl die Entwicklung bisweilen – wie so oft bei strukturellen Veränderungen – etwas mühsam und zäh sei. An ihrem Zentrum für Sozialforschung befasst man sich aktuell mit den Möglichkeiten, die Arbeitgeberzusammenschlüsse im Rahmen der Pflegebetreuung im ländlichen Raum bieten. Wie kann Pflege effektiver organisiert werden und wie begegnet man dem Fachkräftemangel in dieser Branche – insbesondere auf dem Land – sind zwei der Aspekte, mit denen sich die Forscher befassen. Zukunftsfragen also, bei denen Arbeitgeberzusammenschlüsse zumindest ein Teil der Lösung sein könnten.