Gesetzliche Feiertage dienen der Erholung!

Sollte man gesetzliche Feiertage nachholen, wenn sie auf ein Wochenende fallen?
© gettyimages / Mkovalevskaya

2020 fallen zwei bundesweite Feiertage auf ein Wochenende. Zeit, mal wieder zu fragen: Warum holen wir sie nicht in der darauffolgenden Woche nach?

Die Debatte ist keineswegs neu, ist aber in diesem Jahr wieder aktuell. Fünf bundesweite Feiertage fallen immer auf ein bestimmtes Datum: der Tag der Arbeit am 1. Mai, der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober, der 1. und 2. Weihnachtsfeiertag und Neujahr. Im Jahr 2020 sind sowohl der Tag der Deutschen Einheit als auch der erste Weihnachtsfeiertag ein Samstag. Damit arbeiten Beschäftigte bundesweit zwei Tage mehr. Auch in den Bundesländern, in denen am Reformationstag oder an Allerheiligen frei ist, haben Arbeitnehmer:innen dieses Jahr Pech. Der Internationale Frauentag am 8. März, den Berlin letztes Jahr als neuen Feiertag eingeführt hat, fällt ebenfalls auf einen Sonntag – die Hauptstadt kompensiert das aber, indem sie dieses Jahr einmalig am Tag der Befreiung am 8. Mai freigibt.

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Und nicht nur, weil 2021 noch feiertags-unfreundlicher wird als dieses Jahr, stellt sich die Frage: Sollte man nicht immer und überall Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, nachholen? So ist es etwa in Großbritannien, Belgien und vielen anderen Ländern der Fall. Das ist eine Debatte, die wohl in jedem Jahr mit Wochenend-Feiertagen geführt wird, sich dann aber wieder im Sand verläuft – wie zuletzt 2016, als der Tag der Arbeit auf einen Sonntag fiel.

Debatte 2016: Gemischte Stimmen in der Politik

Die Linksfraktion im Bundestag wollte das bereits im Frühjahr 2016 ändern. Sie forderte, Feiertage nachzuholen, sofern diese an ein bestimmtes Datum gebunden sind und auf ein Wochenende fallen. „Es kann nicht sein, dass den Arbeitgebern regelmäßig zusätzliche Arbeitstage geschenkt werden, die eigentlich als bezahlte Feiertage den Beschäftigten zustehen“, sagte Sabine Zimmermann von der Linken damals der Saarbrücker Zeitung. Auch die SPD-Arbeitsmarktpolitikerin Katja Mast hielt das Nachholen von Feiertagen für „ein Zeichen zur Entlastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.“ Beate Müller-Gemmeke, damals arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, stimmte zu und sprach sich vor allem dafür aus, den 1. Mai am darauffolgenden Montag nachzuholen: „Das hätte Charme. Dann haben Beschäftigte zum einen Zeit für die Kundgebung am Sonntag und können am freien Montag ihre Zeit der Familie widmen.“

Gegner:innen des Vorschlags brachten hauptsächlich das Argument ins Spiel, dass bei gesetzlichen Feiertagen – egal ob sie einen religiösen oder staatlichen Hintergrund haben – schließlich der Anlass des Feiertags im Vordergrund stehe. Und der könne auch unabhängig vom Wochentag zelebriert werden. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow meinte, man müsse sich lieber „um konsequente Sonntagsruhe und den besseren Schutz des Samstags kümmern.“ Ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes BDA merkte außerdem an, dass Deutschland bei der Gesamtzahl der arbeitsfreien Tage durch Urlaub und Feiertage Deutschland ohnehin bereits einen Spitzenplatz im internationalen Vergleich belege.

Viele europäische Länder holen Feiertage nach

Das ist so allerdings nicht ganz richtig. Zwar belegte Deutschland laut einer Erhebung von Eurofund 2016 mit durchschnittlich 30 Urlaubstagen tatsächlich im europäischen Vergleich den ersten Platz. Die Anzahl der Feiertage variiert allerdings je nach Bundesland. In den katholischen Gemeinden von Bayern haben Arbeitnehmer:innen an 13 Feiertagen jährlich frei, wobei die Stadt Augsburg mit 14 Tagen am meisten hat – hier wird das Hohe Friedensfest am 8. August gefeiert. Hamburg, Berlin und einigen nördlichen Bundesländern haben dagegen nur zehn Feiertage. Doch selbst Augsburg kann mit anderen Regionen Europas nicht mithalten. Im belgischen Flandern und in der lettischen Hauptstadt Riga müssen Arbeitnehmer:innen an jährlich 17 Feiertagen nicht zur Arbeit, Nikosia in Zypern hat immerhin 16 gesetzliche Feiertage.

Zudem ist in vielen anderen europäischen Ländern das Nachholen von Feiertagen schon seit vielen Jahren gang und gäbe.

  • Großbritannien und Irland holen jeden Feiertag, der auf ein Wochenende fällt, an einem Werktag nach; üblicherweise haben Beschäftigte am darauffolgenden Montag frei
  • In Belgien und Luxemburg können Unternehmen selbst einen beliebigen Werktag wählen, an dem sie ihren Mitarbeiter:innen freigeben. Die Regelung gilt dann für alle Angestellten des Unternehmens.
  • Spanien hat neben verschiedenen regionalen Feiertagen zwölf landesweite Feiertage – und auch diese werden am Montag nachgeholt, wenn sie auf ein Wochenende fallen.

Würde Deutschland eine entsprechende Regelung einführen, würde man einfach nur das tun, was in vielen anderen Nationen längst unspektakuläre Realität ist.

Die Bedeutung von Feiertagen hat sich verändert

Im Sommer 2019 hat das niederländische Unternehmen Housing Anywhere flexible Feiertage eingeführt. Die Mitarbeiter:innen dürfen hier selbst entscheiden, ob sie die gesetzlichen Feiertage wahrnehmen – oder ob sie an einem Feiertag lieber arbeiten und sich dafür einen anderen Tag ihrer Wahl freinehmen. CEO Djordy Seelmann hält diese Entscheidung für ein wichtiges Zeichen angesichts von Diversität, Globalisierung und Weltoffenheit. In Unternehmen, in denen viele verschiedene Nationalitäten und damit Kulturen zusammenkommen, sind schließlich jedem und jeder Mitarbeiter:in andere Festtage wichtig. Gegner:innen dieses Modells meinten, gesetzliche Feiertage hätten unabhängig von ihrem Anlass etwas Vereinendes, weil sie sicherstellen, dass Freund:innen und Familie Zeit füreinander haben.

Doch egal, ob man das Modell von Seelmann befürwortet oder nicht – es zeigt, dass sich die Bedeutung von Feiertagen für die meisten Menschen verändert hat. Feiertage dienen in einer vielfältigen Gesellschaft und säkularisierten Arbeitswelt viel mehr der Erholung als dem tatsächlichen Anlass des Feiertags. Hand aufs Herz: Wie viele Arbeitnehmer:innen gehen am 1. Mai wirklich zu Kundgebungen oder beschäftigen sich am Tag der Deutschen Einheit mit der Geschichte der Wiedervereinigung? Selbst Deutsche mit christlichem Hintergrund gehen an Ostern und Pfingsten nicht unbedingt in die Kirche. Weihnachten und Neujahr werden zwar – wenn auch oft vom traditionellen Zweck entfremdet – immer noch von den meisten Menschen in Deutschland gefeiert. Doch an dieser Stelle darf man nicht vergessen, dass in Deutschland ebenso Millionen von Arbeitnehmer:innen ohne christlichen Hintergrund beschäftigt sind.

Das Argument, dass bei gesetzlichen Feiertagen der religiöse oder staatliche Anlass im Vordergrund stehe, ist in Zeiten von internationalen Teams und kultureller Vielfalt also schnell entkräftet. Die Notwendigkeit von kleinen Verschnaufpausen ist in Zeiten von Burnout und digitalem Stress dafür umso akuter. Deshalb sollte man die Anzahl der Feiertage nicht davon abhängig machen, auf welchen Wochentag sie fallen – sondern Arbeitnehmer:innen unabhängig davon die gesetzlich versprochenen Erholungspausen gönnen.