„Get sh*t done and follow the money“

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Foto: Quadriga Media
Foto: Quadriga Media

Alisée de Tonnac ist eine Erscheinung, ohne Frage: Die 29-jährige energetische und äußerst intelligente Geschäftsführerin aus Frankreich folgt klaren Regeln und hat hehre Ansprüche. An sich und nicht weniger an ihre Mitarbeiter.

Die Initialzündung kam, als Alisée de Tonnac von ihrem damaligen Chefs gefragt wurde: „Bist du gewillt innerhalb der nächsten zehn Jahren hier zu arbeiten?“ Ihre Kollegen beantworteten die Frage mit einem eindeutigen „Ja“. Und wer könnte es ihnen verübeln: Bei dem weltumspannenden Loréal-Konzert zu arbeiten und „luxury cosmetics“ zu verkaufen, wie de Tonnac es nennt, ist für viele ein Traum. Lange war das schließlich auch ihr Wunsch.

Nach einer Jugend in Frankreich, Singapur und im Silicon Valley, der Ausbildung an verschiedenen Eliteschulen und ihrer Stelle als Produktmanagerin beim Kosmetikkonzern ließe sich sagen: Da klettert jemand die traditionelle Kaminkarriere empor. So dachte auch de Tonnac. Bis zur besagten Frage, ob sie dem Unternehmen auch noch in der nächsten Dekade die Treue halten werde. Ihre Kollegen hoben allesamt die Arme als Zeichen der Zustimmung und Loyalität. Nur de Tonnacs Arn blieb unten. „Im Anschluss hatte ich ein Treffen mit der HR“, erzählt sie in ihrem Vortrag auf dem Personalmanagement Kongress 2017.

„Tue jeden Tag eine Sache, die dir Angst macht“

De Tonnac schmiss den Job hin. „Ich habe einen größeren Sinn in dem, was ich mache, gesucht.“ Eine derart kluge und beharrliche Frau mit stark ausgeprägtem unternehmerischen Geist muss sich zwangsläufig irgendwann langweilen in den festen Strukturen eines etablierten, traditionellen Konzerns. Ein Zitat von Eleanor Roosevelt begleitet sie seitdem jeden Tag: „Do one thing everyday that scares you.“ Und das, was sie heute tut, erfordert in der Tat eine Menge Chuzpe.

Gemeinsam mit einem Freund gründet sie nach ihrem Weggang von Loréal Seedstars World, ein Unternehmen, das weltweit nach innovativen Jungunternehmern sucht, um verborgende Startup-Perlen ans Tageslicht zu befördern. Die Startupper müssen ihr Projekt, wie es heißt, pitchen und wer überzeugt, kann bis zu 1,5 Millionen US-Dollar erhalten und bekommt Zugang zu dem nicht ganz unwichtigen Netzwerk aus Geldgebern und Unternehmen.

Die Investment Company Seedstars durchforstet dabei längst nicht nur westliche Industrieländer. De Tonnac präsentiert drei Namen: Kolumbien, Ruanda und Philippinen. „Alle denken bei diesen Ländern an Drogen, Völkermord und Umweltkatastrophen“, sagt sie. „Aber in der Realität gibt es sehr viel Potential. Die Menschen dort wollen auch das, was wir uns wünschen: ein funktionierendes Gesundheitssystem, Sicherheit, aber auch schöne Dinge.“ Sie wirft eine weitere Folie an die Wand, auf der deutlich zu erkennen ist, an welchen Orten in der Welt die meisten Menschen ohne Internetzugang leben. Und wer hätte gedacht, dass es im Vergleich zu Schwellenländern wesentlich seltener Internetzugang in Nordamerika oder Europa gibt?

Einfluss nehmen

90 Prozent aller jungen Menschen leben in den sogenannten Emerging Markets, also in Ländern mit aufstrebenden Märkten wie China, Indien und Osteuropa. „Durch die Digitalisierung gehen hier Jobs verloren, während in Schwellenländern die Infrastruktur gerade durch die Digitalisierung wächst“, sagt die Unternehmensgründerin. De Tonnac ist überzeugt, dass aus diesen Ländern zukünftig die meisten Innovationen kommen werden. Ihre Vision: „Ich möchte Einfluss nehmen auf das Leben von Menschen in den aufstrebenden Märkten.“ Dabei glaubt De Tonnac, es wäre ein Fehler, Experten aus Industrieländern in Schwellenländer zu schicken, um dort die Entwicklung voranzutreiben. Vielmehr müssten die Menschen vor Ort befähigt werden. „Wir brauchen lokale Talente“, sagt sie.

Glanz und Gloria reloaded?

Man darf sich nicht täuschen: Alisée de Tonnac macht das nicht aus reiner Menschenliebe oder allein aus dem Wunsch heraus, die Welt zu verbessern, auch, wenn das zum Mythos passen könnte. Sie ist eine ehrgeizige Geschäftsfrau, die auf das nächste große Ding setzen will, bevor ihr jemand anderes zuvor kommt. „Get shit done, follow the money, keep it Swiss“, lautet eines ihrer Mottos. Ein anderes heißt: „You´re in or you´re out.“ Damit beschreibt sie ihren absoluten Anspruch an Loyalität an ihre Mitarbeiter. Für Ambivalenzen ist das Leben zu kurz. Und die Furcht vor dem Scheitern zu groß: 90 Prozent aller Startups erleiden Schiffbruch. Das weiß sie und jettet im Dauertempo um die Welt. Man solle sich daran gewöhnen, sich an nichts zu gewöhnen, sagt sie.

De Tonnac übt sich in einer modernen, bewegungsfreudigen Unternehmenskultur, die ohne Arbeitszeiterfassung auskommen und mit unbegrenztem Urlaubsanspruch bestechen soll. Ihr liegt gleichzeitig immer an klaren Regeln, von denen es nicht zu wenige gibt: So dürfen Mitarbeiter auf ihren Reisen nie in Hotels schlafen. Sie sollen entweder Airbnb nutzen oder sich via Couchsurfing bei Einheimischen einquartieren. So würden sie das Land besser kennenlernen. Das mag zwar stimmen, aber ist das natürlich auch eine günstigere Alternative der Übernachtung.


Alisée de Tonnac und Thomas Belker, Foto: Quadriga Media / Tanja M. Marotzke

Die paradoxe Generation

Das an manchen Stellen durchscheinende paradoxe Verhalten spricht de Tonnac auch selbst an: „Ich gehöre zu den Millenials und habe widersprüchliche Emotionen“, sagt sie. Ob das nun nur auf eine Generation beschränkt ist oder sich vielleicht eher der Umgang mit Ambivalenzen verändert hat, sei dahingestellt. Wir sollten uns selbst besser kennenlernen, fordert de Tonnac und zeigt ein Symbolbild mit über einem Dutzend verschiedener Persönlichkeiten. In einer Art Selbsttest müsse jeder seine Persönlichkeitsmerkmale und die der anderen kennenlernen, um optimal und effizient zusammenarbeiten zu können, meint die Seedstars-Chefin.

In solche Tests hat sie offensichtlich viel Vertrauen: So habe sie mittels eines anderen Tests errechnen lassen, wie lange ihr Leben unter den gegebenen Umständen und Voraussetzungen noch andauern werde. Ergebnis: Ihr Tod werde an einem Märztag im Jahr 2077 eintreten. Bis dahin wolle sie jede verfügbare Minute effizient nutzen. Aber wie das so ist mit Prognosen: Die prognostizierte Vision lässt uns die Gegenwart derart verändern, dass die Vorhersagen nicht mehr eintreffen. Wie lange also de Tonnacs ehrgeiziger Willen zur Entwicklung unter dem gegenwärtigen Tempo anhalten wird, zeigt allein die Geduld.