Der Fachkräftemangel ist Ausdruck verkrusteter Strukturen!

Kolumne von Henner Knabenreich auf Human Resources Manager
Henner Knabenreich © Quadriga / Maria Navas Carrillo

Unser Kolumnist Henner Knabenreich warnt: Personalabteilungen und Recruitern mangelt es an digitaler Kompetenz und der Bereitschaft, das zu ändern.

„Die deutschen Personalabteilungen, zumindest der überwiegende Teil von ihnen, sind seit 10 Jahren eine lebendige Leiche. Sie überlebt zwar noch, irgendwie. Mehr allerdings auch nicht.“ Harte Worte, und das gleich zum Anfang des neuen Jahres. Sie stammen nicht von mir, sondern von Thomas Sattelberger. Aber er hat recht. Und das Überleben wird von Tag zu Tag schwerer. Ändert sich nichts am Stellenwert des Recruitings (und der inneren Haltung der Beteiligten) werden diverse Unternehmen tatsächlich das Zeitliche segnen. Zu beobachten ist das jetzt schon. Abteilungen oder ganze Unternehmen schließen, weil „man keine Mitarbeiter findet“. Dass dieses „nicht finden“ aber an mangelhaftem Recruiting-Engagement liegt, wollen die wenigsten wahrhaben. Und so schaufeln sich die Unternehmen ihr eigenes Grab.

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Immer noch scheint in vielen Unternehmen nicht angekommen zu sein, dass sich der Arbeitsmarkt gewandelt hat. Längst sind die Bewerber am Drücker und können sich aus einer Vielzahl an Arbeitgebern den aussuchen, der am besten zu ihnen passt. Das wiederum setzt voraus, dass diese Arbeitgeber überhaupt in Erscheinung treten und sich ehrlich präsentieren. Hier hapert es aber an allen Ecken und Kanten.

Während wir uns darüber hinaus längst mitten in der schönen neuen Welt der Digitalisierung befinden und deren Technologien nutzen und sich unsere Handlungsweisen und Wertevorstellungen geändert haben, betrachten Unternehmen Personal (sowohl den Unternehmensbereich, als auch die Mitarbeiter) nur als Kostenfaktor und nicht als strategischen Wettbewerbsvorteil. So ist denn das, was wir gerne als „Fachkräftemangel“ wahrnehmen, in vielen Fällen nichts anderes als der Ausdruck verkrusteter Strukturen und der mangelnden Bereitschaft sich mit einer zielgruppen- und bedürfnisgerechten Bewerberansprache sowie hilfreichen Technologien und Tools auseinanderzusetzen, digitale Kompetenzen aufzubauen und neue Wege zu beschreiten.

Nun könnte man argumentieren man sei ja zum Verwalter ausgebildet worden und nicht zum Gestalter. Woher solle man denn sein Recruiting-Know-how haben. Sicher, jammern geht immer. Vielleicht liegt es aber auch an der eigenen inneren Haltung. An dem Willen, sich auf Neues einzulassen, sich notwendiges Know-how beispielsweise durch Vernetzung und Aufsaugen von Wissen selbst zu verschaffen. „Es würden Personaler gebraucht“, so Sattelberger, „die konzeptionell denken können und vor allem wollen“. Es mangele an „Spritzigkeit, an Inspiration, an Innovation“. Natürlich gibt es Personaler, die so ticken. Aber wir bräuchten viel mehr von ihnen, damit sich was ändert!

Während sich die Welt da draußen also immer schneller dreht, steht sie in vielen Unternehmen seit Jahren still. Sie mögen es nicht wahrhaben wollen: Ihre Bewerber, zunehmend Vertreter der „Gen Y“ und noch mehr der „Gen Z“, bringen in der Regel mehr digitale Kompetenz mit, als Sie selbst und erwarten, dass sich das, was sie aus dem täglichen Leben kennen, in den Karriereauftritten und Bewerbungsprozessen der Unternehmen fortsetzt: etwa eine Bewerbung mit einem Klick über eine mobil optimierte Karriere-Website, eine Videobewerbungsmöglichkeit oder aber Antwortzeiten wie man sie von einer Lieferung bei Amazon & Co. gewöhnt ist. Und sie erwarten, dass man sie ernst nimmt und ihren Marktwert zu schätzen weiß.

Der Wandel ist die einzige Konstante

Die Welt ist im Wandel und dreht sich immer schneller. Ob wir das wahrhaben wollen, oder nicht: Der Wandel ist die einzige Konstante. Und das schon seit Menschengedenken. Nur eben mit der Ausnahme, dass die Geschwindigkeit rasend zunimmt. Wer sich diesem Wandel nicht stellt, sich nicht weiterentwickelt und so weitermacht, wie bisher, der muss befürchten, dass sein Arbeitsplatz durch Kollege Roboter ersetzt wird. Wer hingegen entsprechende Kompetenzen aufbaut, muss keine Angst vor der Digitalisierung haben, sondern profitiert von ihr. Sowohl das Wissen über die Anwendung relevanter Kennzahlen, als auch das Wissen über die verschiedenen Technologien und Verfahren, erleichtert das Leben eines Recruiters ungemein und ermöglicht es ihm sogar, eine Rolle einzunehmen, die endlich die Anerkennung erhält, die sie verdient.

Klar, Sie können nicht sofort die Welt verändern. Aber der erste Schritt ist der wichtigste, den müssen Sie bereit sein zu gehen. Der Rest ergibt sich von selbst. Brechen Sie Silos auf und vernetzen Sie sich intern, besuchen Sie (HR-)Barcamps, lokale Meet-ups und andere Veranstaltungen und vernetzen Sie sich zwecks Erfahrungsaustausch extern. Bilden Sie sich weiter, lesen Sie Blogs, werden Sie auf Twitter aktiv und profitieren Sie von einer stetig wachsenden Recruiting-Community. Lesen Sie Bücher (zum Beispiel „The Robot Proof Recruiter“, „Crashkurs Recruiting“, „Recruiting Mindset“), besuchen Sie HR-Messen, wo Sie für schmales Geld jede Menge Vorträge und anderen Input mitnehmen können, reden Sie mit Ihren Bewerbern und erhalten Sie eine interessante Perspektive auf Ihre Arbeit. Kurz: werfen Sie einen Blick über den Tellerrand oder zerschlagen Sie ihn am besten ganz. Wollen Sie nicht zu den lebendigen Leichen gehören, so ist es Zeit zu handeln. Jetzt.