Azubi-Marketing: Das sind die aktuellen Defizite

Recruiting-Kolumne von Henner Knabenreich auf Human Resources Manager
Henner Knabenreich © Quadriga / Maria Navas Carrillo

Viele Unternehmen haben Probleme, Auszubildende zu finden. Doch die Gründe dafür liegen auf der Hand, findet unser Kolumnist Henner Knabenreich.

Gemäß DIHK-Ausbildungsbericht blieben 2018 in 32 Prozent der Unternehmen Ausbildungsplätze unbesetzt. Die Zahl der IHK-Betriebe, die keine einzige Bewerbung mehr erhalten haben, hat sich seit 2012 sogar nahezu verfünffacht. Die Zahlen zeigen: Es wird zunehmend schwieriger, den Nachwuchs aus eigenen Reihen zu sichern. Tatsächlich stufen gemäß DIHK Konjunkturumfrage 61 Prozent der Unternehmen den „Fachkräftemangel” sogar als das größte Geschäftsrisiko ein. Und das Mittelstandsbarometer der Wirtschaftsprüfer von EY beziffert die dadurch drohenden Umsatzeinbußen auf 49 Milliarden Euro. Pro Jahr. Die Frage bleibt: Wenn der Fachkräftemangel doch so bedrohlich ist und keine einzige Bewerbung mehr eingeht – warum ziehen die Unternehmen im Azubi-Recruiting dann nicht alle Register? Warum verharren Sie in Lethargie und machen weiter wie bisher?

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Es ist richtig: einem sinkendem Erwerbspersonenpotenzial steht dank boomender Wirtschaft eine steigende Nachfrage nach Fachkräften gegenüber. Richtig ist aber auch, dass ein Mangel an passenden Kandidaten zumeist die Folge mangelnder Aktivitäten ist. Längst hat der Azubi von morgen die Wahl – und entscheidet sich unter einer Vielzahl von Unternehmen für jenes, welches für ihn am besten passt. Oder welches am auffälligsten und überzeugendsten (um ihn) geworben hat. Umso wichtiger ist es also, als Ausbildungsbetrieb Flagge zu zeigen, um den passenden Nachwuchs für sich zu begeistern. Hier aber liegen noch viele Potenziale brach.

Unklare Berufsbilder

So sind beispielweise 47 Prozent der Betriebe der Meinung, dass „realistische Berufsvorstellungen der Jugendlichen ihnen das Ausbilden erleichtern würden“. Unklare Berufsvorstellungen und falsche Erwartungshaltungen der Azubi-Bewerber führen zu Enttäuschungen und in der Folge zum Ausbildungsabbruch. Wenn das doch so ist, warum präsentieren die Ausbildungsbetriebe ihre Berufsbilder nicht entsprechend und zeigen den zukünftigen Arbeitsplatz? Schnell ruft man nach der Politik, die es mal wieder richten soll. Dabei ist Berufsorientierung ohne Wenn und Aber Sache der Unternehmen! Wollen Betriebe passenden Nachwuchs für sich gewinnen und eine hohe Abbruchquote vermeiden, so müssen sie sich als Arbeitgeber positionieren und bestmöglich informieren. Eine ausführliche und praxisgerechte Darstellung des Ausbildungsberufs auf der Karriere-Website gehört genauso dazu wie Ausbildungsbotschafter in den Schulen und Probearbeitstage, die potenziellen Azubis die Praxis des Ausbildungsalltags vermitteln.

Mangelnde Zielgruppenorientierung

Auch Stellenanzeigen sind zumeist eher so gestaltet, dass Azubi-Bewerber in die Flucht geschlagen werden. So nehmen Personaler zum Beispiel mehr Anforderungen in die Stelle auf, als tatsächlich erfüllt werden müssen. Problem dabei: Viele bewerben sich nur, wenn das Profil zu 100 Prozent passt. Ebenso wenig machen sich Arbeitgeber Gedanken darüber, mit welchen Botschaften sie ihre Zielgruppe erreichen. Wenn sie denn überhaupt wissen, wer die Zielgruppe ist. Es gilt also, die Stellenanzeige entsprechend der Bedürfnisse und Anforderungen potenzieller Azubi-Bewerber zu optimieren. Zu optimieren sind auch die Suchwege, denn die sind oft viel zu einseitig. Während die Jugend primär über Google oder in der Stellenbörse der Arbeitsagentur sucht, schreiben Unternehmen ausschließlich via Print oder versteckt auf der Unternehmenshomepage aus – und damit an der Zielgruppe vorbei. Manche werden auch ganz kreativ und setzen auf so genannte, für viel Geld gekaufte, Influencer – und damit viel Geld in den Sand. Denn Azubis suchen primär lokal und nicht global. Abgesehen davon sollte es zunächst mit der Pflicht klappen, bevor man sich an die Kür wagt.

Zu kurzer Ausschreibungszeitraum

Ein weiteres Problem, was Bewerber und Betriebe entzweit: Die meisten Azubi-Stellen werden im September eines Jahres veröffentlicht. Die meisten an einer Ausbildung Interessierten beginnen ihre Suche aber bevorzugt im neuen Jahr, nach Vergabe der Halbjahreszeugnisse. Hier empfiehlt sich, den Ausschreibungszeitraum zu verlängern, um auf diese Weise auch andere Zielgruppen, etwa die stetig zunehmenden Studienabbrecher, zu erreichen.

Klar ist: Wer als Ausbildungsbetrieb punkten will, muss zur richtigen Zeit in den richtigen Kanälen auf sich aufmerksam machen, sich als ehrlicher Arbeitgeber mit allen Ecken und Kanten präsentieren und eine Antwort auf die Frage haben, warum man sich eigentlich ausgerechnet bei ihm bewerben sollte. Kann ein Unternehmen diese Frage beantworten und versteht es seine Zielgruppe, so wird es kaum mehr ein Problem sein, die passenden Azubis zu gewinnen.

Weitere Beiträge aus der Kolumne:

Der Fachkräftemangel ist Ausdruck verkrusteter Strukturen!

Der Recruiting-Wunschzettel

It’s the Zielgruppe, stupid!