HR, wo bist du?

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Für HR ist es wichtig, am Tisch der Entscheider zu sitzen. Doch das allein reicht nicht. Personaler sollten auch den Mut haben, gegenzuhalten, wenn etwas falsch läuft. Ein Kommentar.

Was haben der Tod eines Elite-Praktikanten und ein schlecht bezahltes Volontariat gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Aber auf den zweiten Blick lösen sie zumindest dieselbe Frage aus: Wo sind die Personaler? Im August starb ein deutscher BWL-Student der Investmentbank Merill Lynch in London. Nächtelang hat er durchgearbeitet, weil er herausragende Leistungen erbringen wollte. Auch wenn das nicht die Ursache für seinen Tod gewesen sein mag, stellt sich doch die Frage: Wieso lässt man einen 21-Jährigen die Nächte durcharbeiten? Wo ist da die Fürsorgepflicht? Warum schützt man nicht zumindest Praktikanten vor dieser testosterongetränkten Kultur der großen Egos? Warum schützt man sie nicht vor sich selbst und ihrer ungesunden Leistungsbereitschaft?

In der HR-Community ist und bleibt das große Thema, wie die Personaler es schaffen, das Business zu unterstützen, zu zeigen, dass sie echten Mehrwert liefern. Gut so. Dennoch müssen die Human Resources Manager auch in der Lage sein, dagegen zu halten, wenn etwas schief läuft, wenn die Unternehmenskultur nicht mehr gesund ist, wenn es nicht um sichtbaren Mehrwert geht, sondern vielleicht schlicht um die Gesundheit. Es ist eine unangenehme Aufgabe, „Sand im Getriebe“ zu sein. Dafür braucht es vor allem Mut.

Bei Kiepenheuer & Witsch arbeiten die jungen Menschen sicherlich nicht die Nacht durch. Aber da gibt es auch wesentlich weniger Geld. Der Verlag erlebte Ende September einen Shit Storm als sich ein junger Mann darüber beschwerte, dass es für Volontäre in der Pressestelle nur eine Vergütung von 500 Euro geben sollte. Hier hätte zumindest ein Personaler des Mutterunternehmens Holtzbrinck sehen müssen, dass 500 Euro für ein Volontariat – das mit einem Traineeship vergleichbar ist – nicht nur unverantwortlich ist, sondern auch dem Arbeitgeberimage schaden kann. Letztendlich musste der Verlag die Vergütung anheben. Der Protest hat in diesem Einzelfall etwas gebracht. Bei vielen anderen Firmen der Medien-, Werbe- und Verlagswelt werden junge Absolventen teilweise immer noch mit unverschämt niedrigen Gehältern abgespeist.

Sowohl die Verlagsbranche als auch die Bankenbranche ziehen junge Menschen an, die sich sehr stark über den beruflichen Erfolg identifizieren und sich im Job selbstverwirklichen wollen. Viele Experten sprechen ja davon, dass die junge Generation auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die Bedingungen diktieren kann. Doch die Mehrheit von ihnen diktiert erstmal gar nichts. Die Wahrheit ist, dass einige Arbeitgeber in bestimmten Branchen die fehlende Selbstreflexion und den Drang zur Karriere der jungen Leute einfach ausnutzen. Schade, dass HR häufig nicht den Mut und den Einfluss hat, da korrigierend einzugreifen.