Ich = Erfolg

Machtmensch, politischer Manager, HR-Vordenker: Thomas Sattelberger hat seine Autobiografie veröffentlicht. Diese gibt interessante Einblicke, macht aber nicht unbedingt Spaß zu lesen.

Er wirkt müde, etwas schwerfällig. Keine pointierten Wortsalven, keine angriffslustige Rhetorik wie früher, mit der alle aufgeblasenen Möchtegern-Experten und Nichtskönner in den Boden gestampft werden. Joschka Fischer spricht langsam und ruhig, fast langweilt man sich bei seiner Rede für Thomas Sattelberger. Dennoch ist er sicherlich der richtige Laudator bei der Vorstellung der Autobiografie des früheren Telekom-Personalvorstands. Die Veranstaltung findet im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR statt, in dem sich heute der Berliner Campus der European School of Management and Technology (ESMT) befindet. Ein gut gewählter Ort: die alte sozialistische Welt trifft auf den modernen Kapitalismus. Fischer und Sattelberger kennen sich aus gemeinsamen Tagen bei der „Unabhängigen Schülergemeinschaft Stuttgart“. Sie ähneln sich auch als Typen: Zwei Machtmenschen aus einfachen Verhältnissen, die auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken können, rhetorisch begabt und mit großem Sendungsbewusstsein.

Joschka Fischer hält die Autobiografie für „gnadenlos offen“ und spannend, wie er in seiner Laudatio sagt. „Man will dranbleiben.“ Seine kurze Rede endet mit den Worten: „Geh Ihnen auf den Wecker, Thomas!“ Als Thomas dann auf die Bühne kommt, um sich zusammen mit dem ehemaligen Außenminister auf dem Podium den Fragen von Verleger Sven Murmann zu stellen, grinst er vergnügt. Die freundlichen Worte Fischers machen ihn sichtlich stolz. In der Diskussion erzählt er davon, wie er zu Zeiten der Außerparlamentarischen Opposition (APO) den älteren Fischer bewundert hat. „Joschka Fischer hat damals die große Welt erklärt.“ „Habe ich immer schon gerne gemacht“, erwidert dieser lapidar.

Verleger Murmann spricht von einem beeindruckenden und vielfältigen Leben Sattelbergers. Dem kann man sicherlich zustimmen – vor allem aus Sicht der Personaler-Community. Als APO-Aktivist ging er zum Daimler-Konzern, wo er später eine innovative Personalentwicklung auf die Beine stellte. Bei der Lufthansa rief er die erste Corporate University in Deutschland ins Leben. Er war Personalvorstand bei Lufthansa Passage, Continental und der Deutschen Telekom. Dort gilt er als Vater der Frauenquote. Man kann klar sagen, dass er lange einer der wenigen echten Stars unter den Personalmanagern gewesen ist, ein Vordenker, der auch immer das große Ganze im Blick und in seinen Unternehmen großes Ansehen genossen hat. Jetzt, quasi im Ruhestand, ist er in zahlreichen Initiativen aktiv, hat „nur noch“ eine 60- statt einer 90-Stundenwoche. Er engagiert sich unter anderem bei der INQA – Initiative Neue Qualität der Arbeit und bei „MINT – Zukunft schaffen“. Das ist ihm aber, das merkt man schnell, eigentlich zu wenig. „Ich habe mich gefragt, ob ich nicht zu viele kleine Projekte mache“, sagt er. Ihm fehlt die eine große Leitidee. Sattelberger macht keinen Hehl daraus, dass er gerne nochmal in die Politik gehen würde, um etwas in Sachen Bildung voranzubringen – eines seiner Lieblingsthemen.

Immer noch viel zu sagen

Thomas Sattelberger ist in diesen Tagen ein Suchender, der immer noch viel zu sagen hat, vor allem rund um die Arbeit und Führung der Zukunft, zur digitalen Transformation und Diversität. Dazu lässt er sich auch in seinem Buch aus. Und diese Gedanken gehören zu den lesenswertesten Passagen in seiner Autobiografie. „Bildung muss ein breites Spektrum an Aufgaben erfüllen, muss mehr sein“, schreibt er beispielsweise, „viel mehr als eine Schmalspurschiene mit direkter Destination Arbeitsmarkt. Sie muss der persönlichen und charakterlichen Bildung des Einzelnen dienen und gleichzeitig geistiger Ermöglicher für persönliche und gesellschaftlich anstehende Transformation sein.“

Vielen spricht er mit solchen Worten aus der Seele, vor allem denjenigen, die Veränderungen des Status Quo wollen – eine andere Bildung, eine andere Führung, eine andere Art der Arbeit. Die Sehnsucht ist groß und Sattelberger gibt ihr eine Stimme.

Doch der Großteil des Buches macht nicht wirklich Spaß. Die Einblicke, die Sattelberger in die Machtlogiken der Großkonzerne sowie in seine rebellischen Jahre als junger Mann gibt, sind zwar durchaus interessant, doch literarisch hat die Autobiografie einige Schwächen. Zum einen spielt der Privatmann ab seinem Eintritt in die Konzernwelt so gut wie gar keine Rolle mehr. So richtig fassbar ist der Mensch Sattelberger nicht. Zum anderen verkommt das Buch in weiten Teilen zu einer reinen Aneinanderreihung von Erfolgen des eigenen Wirkens. Da fangen auf einer einzigen Seite auch schon mal mehrere Sätze an mit „Ich habe Zeichen gesetzt, dass…“, „Ich habe in der Rekrutierungsabteilung dafür Sorge getragen, dass…“, „So habe ich die Ausbildungsverantwortlichen aufgefordert, dafür zu sorgen, dass…“, „…habe ich einige große Projekte angestoßen und umgesetzt“. Wer wissen will, wie die Sätze weitergehen, kann auf Seite 216 nachlesen.

Manchmal wirken die Erfolgsmeldungen auch ein bisschen grotesk, so zum Beispiel als er auf Klodeckel zu sprechen kommt. „Meine Maßnahmenpläne reichten zum Teil bis hinunter in die Toiletten des jeweiligen Werks, die ich nicht selten in ähnlich desolatem Zustand vorgefunden habe wie seinerseits die Küche im Frankfurter Lufthansa-Zentralgebäude: Klodeckel zerbrochen oder gar nicht vorhanden, Toilettenpapierrollenhalter defekt und ohne Papier.“ Der Visionär und Kulturgestalter als Mikromanager, der sich um den Zustand von Klos kümmert.

Prinzipien, Machtstreben, Anpassungsfähigkeit

Was allerdings noch mehr stört, ist die Attitüde des unangepassten Überzeugungstäters, die er sich gibt und auf die er immer wieder hinweist. Auch der Untertitel lautet ja „Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage“. Hier ist Skepsis angebracht. War er denn mehr Überzeugungstäter als andere Spitzenmanager? Oder hat er nur ein größeres Sendungsbewusstsein? Die Wahrheit ist wohl: Er hatte von allem, was eine große Karriere braucht, die richtige Portion: ein bestimmtes Maß an Prinzipien, Machtstreben und das schnelle Anpassen an neue Verhältnisse. „Sein Wertesystem war flexibel“, schreibt Reiner Straub, Herausgeber des Personalmagazins, in seiner Rezension.

Bei seinem Eintritt in den Continental-Konzern musste Thomas Sattelberger sich am weitesten strecken, sonst hätte er den Vorstandssitz in dem DAX-Unternehmen nicht bekommen. Themen wie Kultur, Arbeitgeberimage und Qualifizierung waren da weniger gefragt. Produktivität, Effizienz und Rationalisierung spielten in der Personalarbeit bei Conti die Hauptrollen. „Durch die Arbeit an diesen Nennergrößen erwuchsen mir aber neue Gestaltungsmöglichkeiten, die auch meinen Ruf als Effizienzmanager und harter Verhandlungsprofi begründeten“, schreibt er stolz. Die Selbstkritik hinsichtlich der rein ökonomischen Argumente, die bei Conti immer wieder angeführt werden, ist im Buch sparsam, aber sie kommt vor: „Es gab ja neben der Effizienzlogik noch eine Morallogik, eine Reputationslogik. Die hatte ich mittlerweile ausgeblendet und unverdrossen das Hohelied der Ökonomie gesungen.“ Zu dieser Einsicht kommt Sattelberger allerdings auch erst, als die Öffentlichkeit massiv gegen eine Werksschließung in Stöcken protestiert. Zumindest liest sich das so. Bei der Vorstellung seines Buches in Berlin ist die Selbstkritik deutlicher, da spricht er davon, dass er während der Continental-Zeit vieles gravierend falsch gemacht hat.

Manche werfen Sattelberger auch vor, das, was er predigt, selten selbst gelebt zu haben. Ehemalige Telekom-Mitarbeiter sprechen von einem autoritären Führungsstil. Er würde wahrscheinlich als Entschuldigung anführen, dass er, wenn er von etwas überzeugt war, es beharrlich verfolgt hat – Beispiel Frauenquote. Da hat er zum Beispiel das Ziel vorgegeben, dass für die dualen MINT-Studien- und Berufsausbildungsgänge bei der Telekom doppelt so viele Frauen gewonnen werden wie im bundesdeutschen Durchschnitt. Als es nicht so lief wie gewünscht, faltete er den Leiter Bildungspolitik zusammen: „Ich bin inzwischen müde und ich bin es satt, mir ständig diese Argumente anhören zu müssen!“ Argumente wollte er also nicht hören. Natürlich wurde die Quote dann irgendwann erfüllt – irgendwie. Sattelberger triumphiert, wieder einmal hat er Recht gehabt. „Beim nächsten Studiengang hatten wir 27 Prozent Frauen. Das für unmöglich Gehaltene war also doch möglich!“ Wie motiviert und qualifiziert die Kandidatinnen waren, davon steht im Buch nichts.

Heute tritt der Grandseigneur des HR für mehr Demokratie in den Unternehmen ein. Thomas Sattelberger hält sie für eine der tragenden Säulen der unternehmerischen Zukunftsfestigkeit. Was beispielsweise für Führung bedeutet, dass sie temporär und für bestimmte Projekte erfolgt. Ob so eine Art der Führung etwas für den Machtmenschen Sattelberger gewesen wäre?

 

„Ich halte nicht die Klappe. Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage“ von Thomas Sattelberger, 2015, 22 Euro, 288 Seiten, erschienen im Murmann-Verlag.