Irgendwem geht’s immer schlecht

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Christoph Niering hat in seinem Leben schon 2.000 Insolvenzen begleitet. Als Verbandschef spricht er für eine Branche, der es gerade nicht so gut geht. Weil immer weniger Firmen pleitegehen.

Der perfekte Tag, einen Insolvenzverwalter zu interviewen: 1. Juli 2015, dem mal wieder ein letzter Tag in Griechenland vorausging und von dem man ein paar Wochen später kaum noch sagen kann, welche allerletzte Frist dieses Mal eigentlich auslief. Irgendwas mit Pleite jedenfalls. Und nichts mit Staatsinsolvenz, weil es die ja bekanntlich immer noch nicht gibt. Darüber also kommt man mit Christoph Niering nun ganz gut ins Gespräch, denn er ist Vorsitzender des Verbands Insolvenzverwalter Deutschland (VID). Am Vorabend, sagt er zur Begrüßung, war er bei einer Veranstaltung unter Kollegen, und natürlich ging es um nichts anderes als Griechenland. „Eine Tragödie“, nennt er die ganze Malaise wenig überraschend. Und ja, natürlich stehe er auf Seite derer, die fordern, endlich Staatsinsolvenzen völkerrechtlich und finanztechnisch zu ermöglichen. Eine solche geordnete Staatspleite sollte sich dabei eher am Modell einer Privat- denn an einer Firmeninsolvenz anlehnen, ergänzt er. „Eine Firma kann vom Markt verschwinden, eine Privatperson nicht. Für einen Staat gilt das genauso.“ Nun ist man also schon mittendrin im Thema. Wo man doch eigentlich mit einem Witz starten wollte, in dem es um insolvente Insolvenzverwalter geht.

Das ist nämlich so: Niering steht einer Berufsgruppe vor, der es gerade nicht so gut geht, weil es den anderen Branchen in Deutschland zu gut geht. Insolvenzverwalter haben gut zu tun, wenn es sonst nicht so gut läuft, sie teilen damit ein wenig das Schicksal des Bestatters und des Steuerfahnders, und wohl auch deren Beliebtheit beim Endverbraucher. Wie also steht man als Insolvenzverwalter-Lobby eigentlich zu Konjunkturprogrammen, ist da eine der witzigen Fragen, die einem so in den Kopf schießen. Und ist Griechenland für Sie nun eigentlich ein Zukunftsmarkt? „Ich kenne die Witze“, sagt dann Christoph Niering. „Man muss damit umgehen können“. Und wahrscheinlich sollte man sie gar nicht erst reißen, denn es ist, natürlich, alles ein wenig komplizierter.

Ein ganz spezieller Schlag von Juristen

Seit vier Jahren ist Niering VID-Chef. Nach der Promotion und kurz nach der Wende begann der hörbare Rheinländer in Leipzig seine Laufbahn als Insolvenzverwalter, zunächst für die Treuhand. Heute ist er Partner der Insolvenzverwaltungen GbR Niering, Stock, Tömp in Köln und außerdem Sachverständiger des Bundestags für Insolvenzrechtsfragen. Sein Amt als VID-Chef trat Niering 2011 in schweren Zeiten an. Gab es 2004 nach Angaben des Statistischen Bundesamts noch knapp 40.000 Insolvenzen jährlich, waren es zehn Jahre später nur noch 24.000. Ein Rückgang von 40 Prozent. Rund 500 hauptberufliche Insolvenzverwalter gibt es heute laut VID, jeder 25. musste seit 2009 den Job aufgeben. „Und einige mussten tatsächlich Insolvenz anmelden“, sagt Niering, das hänge nicht selten mit dem Haftungsrecht der Insolvenzverwalter zusammen. Insolvenzverwalter stehen nämlich mit ihrem Privatvermögen für Fehlentscheidungen ein, sobald sie das Ruder übernehmen. Und das ist dann gar nicht mehr witzig, wenn es einen trifft. Niering klopft auf die Holztischplatte.

Insolvenzverwalter, sie sind ein spezieller Schlag von Juristen, sagt Niering, der nur während des Referendariats und zu Beginn seiner Karriere als Anwalt arbeitete, Ende der 80er war das. 1991, als promovierter Jurist und junger Vater, ging er nach Leipzig, für die Treuhandanstalt. Deren Rolle bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Einheit ist ja inzwischen eher Inhalt einer historischen Betrachtung, die an Aufarbeitung erinnert. Diesen dunkel gefärbten Rückblick findet Niering ungerecht – auch wenn er um die schwarzen Schafe weiß, denen damals die Nutzung des firmeneigenen Chauffeurdienstes mehr bedeutete als die Rettung des dazugehörigen Unternehmens. Er selbst habe sich vor solchen Allüren damals allein dadurch geschützt, dass er in einem Haus seiner Großtante in Leipzig wohnte, sagt er. Mehrere große staatseigene Betriebe und Unternehmen hat er in der Region, nein, nicht abgewickelt, sondern über das Insolvenzverfahren weitergeführt, darunter das größte sächsische Wohnungsbauunternehmen. „Der Gedanke hat damals verfangen: Dass man Arbeitsplätze erhalten kann“, sagt Niering, der Leipzig deswegen als „sehr beeindruckende Zeit“ in Erinnerung hat.

Eine kurze Zeit. Niering ging dann 1992 wieder zurück ins Rheinland, und begleitete seitdem rund 2.000 Insolvenzverfahren. „Mir fällt keine Branche ein, die ich noch nicht hatte“, sagt Niering. Den Fußballclub Fortuna Köln manövrierte er beispielsweise erfolgreich durch das Insolvenzverfahren, das damals eine gewisse Medienaufmerksamkeit nicht zuletzt deswegen auf sich zog, weil die Mannschaft Spenden sammelte, indem sie sich auszog.
Insolvenzverwaltung ist eben, im Gegensatz zur Juristerei, nur selten ein abstraktes Gewerbe. Wenn Niering in ein Unternehmen geht, sagt er, pflege er den Kontakt zu allen Mitarbeitern, nicht nur zur Geschäftsführung. Und da kann es dann schon mal zur Sache gehen. „Der Insolvenzverwalter ist der, auf den alle schauen und in den sie ihre Hoffnungen setzen.“ Das sei immer eine Überhöhung und manchmal sorge es für Tränen. Vor allem bei mittelständischen Unternehmen, die sehr oft lokale Bezugsgrößen seien und zudem für viele ihre Mitarbeiter unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens. „Da bricht eine Menge zusammen, wenn so ein Unternehmen verschwindet“, sagt Niering. „Und man selbst muss das dann den verzweifelten Mitarbeitern erklären.“

2008 zum Beispiel in Zwickau. Der traditionsreiche Tuchhersteller Palla schlittert zum Jahresende in die Zahlungsunfähigkeit. Nicht irgendeine Firma, sondern ein Repräsentant eines Zwickauer Wirtschaftszweigs, der seine Wurzeln im frühen Mittelalter hat. Nach langen Verhandlungen kündigte der Freistaat Sachsen damals an, mit einigen Millionen Euro für das Unternehmen mit seinen 500 Beschäftigten zu bürgen, Niering konnte die frohe Botschaft den Angestellten überbringen. Und musste kurz darauf wieder vor dieselben Leute treten, um ihnen mitzuteilen, dass die Bürgschaft wieder zurückgezogen werde und das Unternehmen nicht mehr zu retten sei. „Das hat niemanden kalt gelassen“. Auch Niering selbst nicht, der sich heute noch über die damalige Entscheidung des sächsischen Wirtschaftsministeriums ärgert und – bei ihm fällt das auf – ein klein wenig Ruhe aus seiner Stimme nimmt.

Zuhören können, nicht nur Anwalt sein

Schon in seiner Treuhandzeit habe Niering gelernt, dass es in seinem Job vor allem aufs Zuhören ankomme. „Die Zeit der One-Man-Show ist lange vorbei“. Nur ein guter Jurist zu sein, reiche lange nicht für den Job, es brauche soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Organisationstalent und kaufmännische Grundkenntnisse. Niering glaubt nicht, dass alle Insolvenzverwalter diese Fähigkeiten mitbringen. „Ich bin gelegentlich schon erschüttert über menschliche Defizite, die bei manchen Kollegen zu beobachten sind“, sagt er. Eher bei Anwälten, die Insolvenzrecht „nebenbei“ machten, sei dies der Fall – von denen gibt es fast dreimal mehr als Vollzeit-Insolvenzverwalter. Mit einer Marktbereinigung in diesem Bereich wäre Niering nicht so richtig unzufrieden, ist herauszuhören.

Vor allem mit Kollegen, denen es einzig darum gehe, die Forderungen der Gläubiger zu bedienen, hadert er. „Aber eigentlich gibt es das ja immer weniger.“ So hätten an einer Liquidation, also der zu Geld gemachten Abwicklung einer Firma, auch viele Gläubiger kein Interesse. „Lieferanten nicht, weil sie einen Kunden verlieren. Und Kunden nicht, weil sie sich keinen neuen Lieferanten suchen wollen.“ Auch lokale Banken seien meist bereit, auf Kreditrückzahlungen zu warten, wenn dadurch ein Geschäftskunde erhalten bleibe. Problematisch wäre es, wenn es keine räumliche oder sonstige Nähe von Gläubigern und insolventem Betrieb gebe, sagt Niering. Er meint zum Beispiel Hedgefonds, die schnell Geld sehen wollen. Es wäre dann Sache eines guten Insolvenzverwalters, so Niering, auch die Interessen der Firma im Blick zu haben. Was ganz gut gelinge, „wenn man Entscheidungen von Angesicht zu Angesicht in der Belegschaft vermitteln muss“. Sanieren statt liquidieren, das sei nicht nur der Slogan seiner eigenen Kanzlei, sondern auch der Grundsatz jedes professionellen Kollegens, ist Niering überzeugt.

Fehlersuche im Management

Aber auch das ist klar: Die Ursache für die Insolvenz findet sich in aller Regel im insolventen Unternehmen. „In zwei Dritteln der Fälle sind es Managementfehler.“ Zu Nierings Stellenbeschreibung gehört daher auch die Fähigkeit, einem Geschäftsführer ins Gesicht zu sagen, dass er Teil des Problems sei – und gehen müsse. Als „Härte“ möchte er das nicht bezeichnen, „eher als Geradlinigkeit, die man als Insolvenzverwalter mitbringen muss“. Wenig problematisch ist dieses Vorgehen bei angestellten Geschäftsführern, sagt Niering. Ganz anders hingegen sehe es bei inhabergeführten mittelständischen Unternehmen aus.  Auch hier machten die Fehler meist die Leute an der Spitze, nur sind sie schwer zu feuern, weil ihnen der Laden ja meist gehört. Niering ist dann als Kommunikator gefragt, was sich vor allem bei Branchen schwierig gestalte, die absehbar keine große Zukunft haben. Druckereien zum Beispiel. „Für Inhaber, meinetwegen in der dritten Generation, ist es da nahezu unmöglich, eine Vogelperspektive einzunehmen.“ Dafür sei er dann zuständig. Andererseits schätze er bei Firmeninhabern deren langen Atem. „Die stehen natürlich viel treuer zum eigenen Unternehmen als ein angestellter Geschäftsführer“, sagt Niering. Der schwierige Prozess einer Restrukturierung sei dann besser durchzustehen. „In guten wie in schlechten Zeiten: Das Motto wird ernst genommen.“

Von Christoph Niering selbst auch – denn für seine Branche sieht es weiter schlecht aus, nimmt man die aktuellen Insolvenzzahlen als Maßstab. 5715 Unternehmensinsolvenzen hat es im ersten Quartal dieses Jahres gegeben, damit sieben Prozent weniger als im Vorjahresquartal. „Der Konzentrations- und Konsolidierungsprozess wird sich 2015 weiter fortsetzen“, sagt Niering, weitere Kollegen würden wohl vom Markt verschwinden. Niering muss nun schauen, wie man mit schlechten Marktbedingungen umgeht. Schließlich ist er selbst Mittelständler: Seine Insolvenzberatung beschäftigt 70 Mitarbeiter.