IT-Fachkräfte finden und binden

Fähige Köpfe aus dem IT-Bereich sind begehrter denn je und selbst in Hotspots wie Berlin rar. Doch nicht nur für Start-ups ist das ein Problem. Wer hier als Arbeitgeber nicht punkten kann, wird in der Digitalisierung abgehängt.

Es wird mit harten Bandagen in der IT-Branche gekämpft: Die besten Entwickler und Programmierer sind hart umkämpft und schwer zu finden. Experten in Ruby, Python oder C++ können sich aussuchen wo sie arbeiten, oder wählen gleich die Selbständigkeit. Aber bevor wir uns den Motiven widmen, sollten wir uns zunächst die Fakten ansehen.

Laut einer Studie von uns aus diesem Jahr gibt es in Deutschland rund 710.000 Softwareentwickler. Diese Zahl bezieht sich auf die Nutzer, die sich regelmäßig auf Stack Overflow in professionellem Kontext austauschen. Der durchschnittliche Entwickler in Deutschland ist zwischen 25-29 Jahre alt, männlich, hat knapp 6,5 Jahre professionelle Programmiererfahrung und verdient jährlich zwischen 40.000 bis 50.000 Euro. Knapp 60 Prozent von ihnen sind Full-Stack-Entwickler. Das entspricht einem globalen Trend vom fließenden Verlauf zwischen Front-End und Back-End-Spezialisten. Dabei gibt es deutlich mehr Generalisten als Experten. Für mobile Endgeräte programmieren gerade einmal knapp fünf Prozent der Entwickler. Die genutzten Programmiersprachen sind vielfältig, unangefochten an der Spitze stehen jedoch Java und Python, die alle anderen Programmiersprachen dominieren.

Der deutsche Entwickler – wer ist das eigentlich?

Den 710.000 Softwareentwicklern in Deutschland (und den Millionen weltweit) steht ein Bedarf gegenüber, der ungebrochen hoch ist und weiter wächst. Laut einer bitkom-Studie ist die ITK-Branche der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber in Deutschland. Seit 2011 haben diese Unternehmen mindestens 20.000 neue Arbeitsplätze jedes Jahr geschaffen. Nach Angaben des Verbandes leiden sechs von zehn ITK-Unternehmen unter Fachkräftemangel. Und schlimmer noch: Mittlerweile sucht nicht mehr nur die Branche nach Entwicklern, sondern auch andere Branchen suchen händeringend nach ihnen – in beinahe allen Branchen und auch Bereichen, wo man vorher keine IT-Experten benötigte.

Wie die Entwickler finden und gewinnen

Die Entwicklerlandschaft in Deutschland teilt sich vor allem in die Metropolregionen auf. Zahlenmäßig vorne liegt dabei die Region Rhein-Ruhr, gefolgt von Berlin und München, Frankfurt, Stuttgart und als Schlusslicht Hamburg. In den jeweiligen Städten sind vor allem Programmierer ansässig, die mit der dortigen Industrie zusammenkommen: In Berlin sind es etwa die Mobile-Entwickler, in Frankfurt findet man vor alle Experten der gängigsten Programmiersprachen, da diese mit den Großkonzernen und Banken kamen und im „Isar-Valley“ in München beherrschen mehr Menschen Python als Java, was doch eher selten ist. Auffällig ist auch die hohe Dichte an Grafik-Programmierern im Raum Stuttgart/Karlsruhe.

Allgemein sind Programmierer aber ohnehin sehr vielseitig und verstehen sich in den meisten Fällen darauf, eine komplette Webanwendung zu programmieren. Schwieriger wird es in Regionen Deutschlands, in denen die Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. Der Ausbau von Breitband-Anschlüssen in Deutschland hat noch nicht die neuen Bundesländer erreicht. Hierzu ist der Atlas der Initiative der Bundesregierung „Zukunft Breitband“ sehr aufschlussreich und zeigt, dass außerhalb von Magdeburg oder Schwerin nur 10 bis 50 Prozent der Haushalte Internet bekommen können, das schneller als 50 Mbit/s ist. Hier hat man auch in der Bundesregierung erkannt, dass das nicht zukunftsfähig ist und arbeitet daran. Ein Blick lohnt sich dabei über die Ländergrenzen hinaus.

Ein Vorreiter in Sachen Internet ist etwa Estland: Seit 1997 baut der baltische Staat das Internet massiv aus und garantiert seinen Einwohnern schnelles Internet. Die Esten etablierten eine virtuelle ID, die 2002 eingeführt wurde und die mittlerweile 90 Prozent der Einwohner nutzen. Estland hat eine aufstrebende IT-Branche und viele Spezialisten in den Disziplinen – Wir können also noch viel von unseren Nachbarn lernen.

Seltene Einhörner

Zunächst einmal müssen die Voraussetzungen stimmen, die für Entwickler mittlerweile selbstverständlich sind: Dazu gehört, dass die Projekte spannend sind und das für Bewerber auch deutlich wird – etwa durch einen Blog, in dem regelmäßig über aktuelle Aufgaben geschrieben wird. Was hingegen kaum ein Mitarbeiter braucht sind Tischkicker oder Sitzsäcke zum Arbeiten, viel wichtiger ist eine spannende Aufgabe in ruhiger Umgebung und freundliche, fähige Mitarbeiter um sich herum. Auch ist gute Hardware- und Softwareausstattung nicht immer allzu selbstverständlich, jedoch notwendig um gute Arbeit zu leisten.

Besonders für Entwickler ist es wichtig, dass sie remote arbeiten können, also keine Büroanwesenheitspflicht herrscht. Das bietet auch für den Arbeitgeber große Vorteile: Der Bewerberpool wächst um ein Vielfaches, denn wer dem gegenüber offen ist, kann auch Talente im Ausland rekrutieren. Es sollte lediglich darauf geachtet werden, dass die Zeitverschiebung zwischen Unternehmensstandort und Sitz des Entwicklers nicht zu groß ist, da ein reger Austausch wichtig ist. Der ist inzwischen problemlos über diverse Kommunikationstools in Echtzeit und bei Bedarf mit Video möglich.

Stimmen diese Voraussetzungen, sollten auch die Stellenausschreibungen angepasst werden: Dazu gehört eine wahrheitsgemäße Selbstdarstellung und es sollte unbedingt vermieden werden, Entwickler mit Rockstars, Gurus oder anderen vermeintlich passenden Begriffen zu beschreiben. Denn darauf – auch das zeigt unsere Entwickler-Studie – stehen Entwickler überhaupt nicht. Zudem kommt es bei Entwicklern viel weniger als bei anderen Berufsgruppen auf akademische Titel und Zertifikate an. Vielmehr sollte sich angeschaut werden, was der Entwickler tatsächlich kann. Denn es gibt zahlreiche Autodidakten – 74,7 Prozent der von uns befragten Entwickler haben mindestens einen Teil ihrer Fähigkeiten eigenständig erlernt –, die zu den Besten ihres Faches gehören auch ohne offizielle Ausbildung oder Studium. Wer sich offen zeigt, hat einen Vorteil im Wettkampf um die besten Talente.

Auch die Bewerbungsgespräche selbst sollten Personaler anpassen: Unternehmen punkten, wenn sie die Kandidaten dem Team vorstellen, was sich 55,6 Prozent aller Entwickler wünschen. Fast jeder Zweite, 48,3 Prozent, will darüber hinaus seinen Arbeitsplatz gezeigt bekommen und 35,9 Prozent möchten schon im Bewerbungsgespräch den Live-Code sehen, mit dem sie zukünftig arbeiten sollen. 32,3 Prozent gaben zudem an, dass sie vorab wissen möchten, wen sie im Bewerbungsgespräch treffen und 26,4 Prozent wünschen sich weniger Quizze in der Bewerbung.

Wer das beachtet, verschafft sich einen Vorsprung im Recruiting und zeigt den Bewerbern, dass er offen und anpassungsfähig an Bedürfnisse von Bewerbern und Mitarbeitern ist.