„Jeder Mensch ist ein Genie“

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(c) gettyimages/ismagilov
(c) gettyimages/ismagilov

Ali Mahlodji hat in seinem Leben über 40 Jobs ausprobiert. Dann gründete er das Internetportal Whatchado. Auf der Website geben Berufstätige in kurzen Videos Auskunft über ihren Job. Vor Kurzem hat sich Mahlodji aus der operativen Geschäftsführung zurückgezogen und begleitet heute als EU-Botschafter Jugendliche bei der Suche nach ihrem Lebensweg. Wie schwer diese Suche sein kann, weiß er aus eigener Erfahrung: Als Zweijähriger musste Ali Mahlodji mit seiner Familie aus dem Iran fliehen. Ein Gespräch über Chancen, Denkmuster und darüber, wie Unternehmen heute Jugendliche erreichen können.

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++ 

Whatchado entstand aus dem Wunsch heraus, Lebensgeschichten zu sammeln und online zur Verfügung zu stellen. Deine eigene Geschichte hast du ganz altmodisch in ein Buch gefasst. Aus welcher Motivation hast du mit dem Schreiben angefangen?
Ich habe mich gefragt, welche Ratschläge ich mir aus heutiger Sicht als Kind geben würde.

Welche wären das?
„So wie du bist, bist du gut genug. Stress dich nicht. Es geht immer irgendwie weiter.“ Ich wollte ein Buch für Menschen schreiben, die glauben, dass sie nicht gut genug sind.

Du schreibst über sehr persönliche Episoden wie die Flucht deiner Familie, den Tod deines Vaters und deine Erschöpfungsdepression. Wie schwer ist dir das gefallen?
Während des Schreibens hatte ich eine Blockade, als es um mein Burnout und den Tod meines Vaters ging. Ich bekam starke Rückenschmerzen und konnte weder schreiben noch schlafen. Als ich mich überwunden und das Kapitel zu Ende geschrieben hatte, war das wie eine Befreiung. Die Rückenschmerzen waren von einem Tag auf den anderen weg.

„Das Problem mit den meisten Geschäftsführern ist, dass sie sich nicht fragen, ob sie noch der richtige CEO für das Unternehmen sind.“

Wie sieht dein Alltag aus, seitdem du dich als CEO deiner Firma zurückgezogen hast?
Die Anzahl meiner Arbeitsstunden hat sich nicht unbedingt verringert. Aber ich habe mich verändert. Zwei Mal am Tag meditiere ich. Ich achte darauf, jeden Tag mindestens sieben Stunden zu schlafen. Man muss seine Stärken und Schwächen kennen: Dinge, in denen ich schlecht bin, übernehmen nun andere, die sie erstens besser und zweitens gerne machen. Das Problem mit den meisten Geschäftsführern ist, dass sie sich nicht fragen, ob sie noch der richtige CEO für das Unternehmen sind. Würden sich Führungskräfte diese Frage öfter stellen, würden sie vielleicht bemerken, dass sie nicht förderlich, sondern hinderlich sind.

Warum hast du dich vom operativen Geschäft abgewandt?
Der Prozess hat körperlich begonnen. Ich hatte das Gefühl, dass mir alles aus den Fingern gleitet. Ich bekam Panikattacken und habe mich zurückgezogen. Da wurde klar, dass es so nicht mehr weitergeht. Das auszusprechen war hart, aber erleichternd. Die Last war weg.

In deinem Buch schreibst du auch über das Gefühl, zum Spielball anderer zu werden.
Ich habe mal in einer Apotheke gearbeitet. Mein damaliger Chef war sehr beleidigend. Ich habe mich der Situation ausgesetzt gefühlt. Nachdem ich mich dazu durchgerungen hatte zu kündigen, stellte ich fest, dass ich das schon viel früher hätte tun können. Ich hätte dann vielleicht in einem anderen Job den Boden wischen müssen, aber ich hätte auch einen anderen Chef gehabt. Man macht sich immer selbst zum Spielball. Wenn wir nicht gerade alleinerziehend mit drei Kindern oder hoch verschuldet sind, haben wir immer die Chance, uns zu entscheiden.

Wieso ergreifen dann so wenige diese Chance?
Weil sie fürchten, ihren Lebensstandard zu verlieren. Wir wollen unser Leben verändern, sind aber nicht bereit, auch etwas dafür aufzugeben. Menschen brauchen leider oft einen Anlass, der sie aus der Sklavenhaltung ihrer Gedanken rausbringt.

„Niemand postet, dass gestern ein Scheißtag war, heute ein Scheißtag ist und morgen auch wieder ein Scheißtag sein wird.“

Du bist Jugendbotschafter der EU. Wie schwierig ist es heute für Jugendliche, ihren eigenen Weg zu finden?
Früher gab es immer jemanden, der dir sagen konnte, welchen Weg du gehen sollst. Heute kann das keiner mehr. Hinzu kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor: In den sozialen Netzwerken sehen Jugendliche ausschließlich vermeintlich erfolgreiche Menschen. Niemand postet, dass gestern ein Scheißtag war, heute ein Scheißtag ist und morgen auch wieder ein Scheißtag sein wird. Gleichzeitig wird den Jugendlichen gesagt, dass sie doch alle Möglichkeiten hätten. Das ist ein Riesendruck.

Wie kann man ihnen trotzdem Orientierung geben?
Man muss mit ihnen über verinnerlichte Denkmuster reden und sie fragen: Wie glaubt ihr, sein zu müssen? Wie sieht Erfolg für euch aus? Lehrer, die mit Kindern darüber sprechen, berichten, dass diese Jugendlichen selbstsicherer werden. Wir müssen den Jugendlichen sagen: „Du musst dein Leben selbst in die Hand nehmen. Und wir vertrauen dir, dass du deinen Weg gehen wirst.“

Was machen Unternehmen momentan noch falsch?
Jugendliche sind Europas größtes Potenzial. Aber ständig höre ich von Führungskräften, dass die Jugendlichen sich für nichts interessieren würden, angeblich weder wollen noch können. Wir haben mit über 60.000 jungen Menschen geredet, und da war nicht einer, der nicht wollte oder konnte, sondern da waren nur Jugendliche, die das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Wenn man in einen Menschen etwas hineinprojiziert, wird das irgendwann auch zutreffen. Nur wenn ich jemandem etwas zutraue, kann er sich auch entwickeln.

Ali Mahlodji / (c) Jana Legler
Ali Mahlodji / (c) Jana Legler

Ali Mahlodji hat in seinem Leben über 40 Jobs ausprobiert. Dann gründete er das Internetportal Whatchado.

Jeder Mensch ist ein Genie.

Wie entwickeln wir uns denn am besten?
Jeder Mensch lernt eine Muttersprache und den aufrechten Gang. Beides gehört zu den größten Herausforderungen für unser Gehirn. Und dennoch haben wir sie alle gemeistert. Und zwar ohne Druck, ohne Noten, ohne dass uns jemand gesagt hat, dass andere Kleinkinder das schon können und nur wir zu blöd dafür sind. Wir können alles lernen, wenn Neugierde und intrinsische Motivation da sind. Jeder Mensch ist ein Genie.

Aber nicht jeder Erwachsene würde sich als Genie bezeichnen.
Das liegt an äußeren Zuschreibungen: Wenn zum Beispiel ein Kind in der Schule sprachlich Schwierigkeiten hat, kann das mit der Lernmethode zusammenhängen. Nun sagt man diesem Kind aber: Es liegt an dir, du bist einfach nicht begabt. Diese Abwertung kommt im Gehirn des Kindes einer Verletzung gleich.

Aber als Erwachsene könnten wir uns doch von dieser Bewertung frei machen?
So einfach ist das nicht. Ein Mensch, der im Laufe seines Lebens in ein Bewertungssystem gefallen ist, wurde vom Subjekt zum Objekt der Erwartungen. In ihm hat sich das Gefühl eingenistet, nicht gut genug zu sein. Er ist dann selbst mit Uni-Abschluss noch überzeugt, sprachlich unbegabt zu sein.

„Aber einen Fehler nach dem anderen zu machen, ist der normale Prozess des Lernens.“

Und die Schule ist schuld an der Misere?
Die Null-Fehler-Erwartung in der Schule signalisiert einem Kind: Wage keinen Versuch, probiere nichts aus! Aber einen Fehler nach dem anderen zu machen, ist der normale Prozess des Lernens. Ein Kind, das Laufen gelernt hat, ist dabei oft auf die Nase gefallen. Aber das Kind, das nach 20 Versuchen sagt: „Mama, Papa, ich kann das nicht, ich bin zu dumm“, und sich in die Ecke setzt, das gibt es nicht.

Woher kommt die Null-Fehler-Toleranz?
Unser Bildungswesen hat sich das Militär zum Vorbild genommen, denn in der Industrialisierung bedurfte es eines Benotungssystems, mit dem man die Menschen wie in einer Art Baukasten ins Unternehmen setzen konnte. In einer statischen Welt, in der ein Konzern keine Angst haben muss, dass ein Start-up ad hoc zum Konkurrenten wird oder die Welt plötzlich vernetzt ist, hat das auch funktioniert. Jetzt erwarten wir von denselben Menschen, dass sie von heute auf morgen eine Fehlerkultur leben und innovativ sind. Und leider glauben wir, dass das Wissen unserer Vergangenheit den Kindern bei ihrer Zukunftsplanung helfen könnte. Das ist katastrophal, weil die Welt vor 20 Jahren eine andere war als heute.

Warst du überrascht, als dir bewusst wurde, wie Jugendliche heute die Welt sehen?
Ich war eher überrascht, wie wenig Erwachsene davon wissen. Führungskräfte wollen von Experten wissen, wie die Jugend heute drauf ist, aber die wenigsten reden mit den jungen Menschen.

Welche Fragen haben Jugendliche an uns?
Leider stellen sie oft die Fragen, die ihre Eltern haben. Wenn mich ein elfjähriges Kind fragt, welche Ausbildung die sicherste ist, dann ist das keine Frage des Kindes. Kinder wollen ihren Eltern gefallen und haben Angst vor Liebesentzug, wenn ihre Wünsche und Sehnsüchte nicht denen der Eltern entsprechen.

Firmen müssen aufhören, Jugendliche belehren zu wollen

Was müssen Unternehmen tun, um die heutigen Jugendlichen zu erreichen?
Firmen müssen aufhören, sie belehren zu wollen. Führungskräfte müssen sich in die Welt der Jugendlichen hineinversetzen, sie müssen ihnen den Sinn des Jobs erklären und warum sie wichtig für das Unternehmen sind. Diese Wertschätzung kann jedes Unternehmen ab morgen an den Tag legen. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, im Job ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Unternehmen, die so ansetzen, kennen keinen Fachkräftemangel. Sie entwickeln sich mit ihrer Zielgruppe weiter.

Du selbst hast über 40 Jobs ausprobiert. Würdest du das weiterempfehlen?
Sofort. Wir haben auf der Welt über 100.000 Job-Titel, von denen es die Hälfte vor zehn Jahren noch nicht gab. Laut World Economic Forum existieren 65 Prozent der Jobs, die wir in zehn Jahren haben werden, heute überhaupt noch nicht. Das heißt, wenn ich nicht alles ausprobiere, habe ich schlechte Chancen, den Job zu finden, den ich wirklich gerne über Jahre machen möchte.

Was war der wichtigste Ratschlag deines Lebens?
Meine Eltern haben mir zwei Ratschläge mitgegeben: „Vergleiche dich nicht mit anderen Menschen, sondern nur mit dir selbst. Wer warst du vor zehn Jahren, wer vor fünf, wer vor drei? Dann wirst du merken, welche Sprünge du im Leben wirklich gemacht hast.“ Und: „Versuche im Leben wirklich alles zu erreichen – nur nicht mit Ellenbogen. Du kannst dir im Leben alles nehmen, solange du das Leben eines anderen nicht schlechter machst.“

 

Seine Erfahrungen hat Ali Mahlodji im Buch „Und was machst du so?“ niedergeschrieben. Es ist im Econ Verlag erschienen.

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