Job zu vergeben, Offiziere bevorzugt

Mit Entscheidungsfreude, Führungskompetenz und Loyalität punkten Zeitsoldaten auf dem Arbeitsmarkt. Doch der Einstieg in die Wirtschaft gestaltet sich nach langjähriger Dienstzeit nicht immer einfach.

„Absolut positiv und eine wertvolle Erfahrung“, so beschreibt Jörg Stahl seinen Wechsel nach zwölf Jahren als Soldat auf Zeit in die Wirtschaft. Mit seinem Dienstzeitende hat er sich schon drei Jahre vorher auseinandergesetzt – für ihn der optimale Zeitpunkt, um sich auf seine Karriere vorzubereiten. Im März 2014 schied er bei der Bundeswehr aus. Sein MBA-Studium, das er zwei Jahre zuvor berufsbegleitend begann, schloss er direkt im Anschluss ab. „Die größte Herausforderung nach Dienstzeitende bestand darin, die verschiedenen Einstiegsmöglichkeiten und die damit verbundenen Anforderungen auszuloten, um mich dann gezielt über mehrere Monate hinweg vorzubereiten.“ Diese Zeit beschreibt er als eine Wegstrecke mit verschiedenen Stationen wie beispielsweise Messebesuchen, fachlicher und persönlicher Weiterbildung sowie Bewerbungsgesprächen. Der Jobeinstieg fernab der Bundeswehr erfolgte im Oktober 2014. Seitdem arbeitet Stahl als Assistent der Geschäftsführung bei dem Unternehmen Brose Fahrzeugteile.

Überzeugende Eigenschaften

Gezielt Zeitsoldaten rekrutieren – das macht unter anderem die Hegemann Gruppe. Der Anbieter von Industrielösungen und Dienstleistungen sucht regelmäßig technisches als auch kaufmännisches Personal. Die Profile reichen von Fachleuten wie Steinsetzer oder Sachbearbeiter bis hin zu Führungskräften wie Bauleiter oder Abteilungsleiter. Grundsätzlich seien für die  meisten dieser Stellen ehemalige Zeitsoldaten überaus geeignet, ist sich Martin Damm, Leiter Zentralbereich Personal bei der Hegemann Gruppe, sicher. „Schwierig wird es meist nur, wenn die Stelle viel fachspezifische Erfahrung verlangt, die der Bewerber bei der Bundeswehr nicht erwerben konnte. Doch diese Kombination kommt seltener vor, als man vielleicht annimmt.“

Zeitsoldaten bringen durchaus besondere Persönlichkeitseigenschaften mit, über die andere Bewerber vielleicht nicht in diesem Ausmaß verfügen. Damm kennt die Unterschiede nicht nur aus Personalersicht. Er war selbst viele Jahre Offizier bei der Bundeswehr und berät heute Zeitsoldaten bei ihrem Einstieg in die Wirtschaft. Sofern man Bewerber gleichen Alters vergleicht, beobachtet er immer wieder drei wesentliche Merkmale: Ehemalige Soldaten haben häufig einen etwas weiteren Blick auf ihr Arbeitsfeld. Soldaten seien es gewohnt, über den eigenen Tellerrand zu schauen und für die nächste Führungsebene mitzudenken. Diese Gewohnheit lege man nicht einfach ab.

Bei auftretenden Problemen reagieren Zeitsoldaten nach Aussage von Damm häufig ruhiger. Sie würden die Lage ohne Aufregung analysieren und die notwendigen Handlungen ableiten. Außerdem kommunizierten viele ehemalige Soldaten für das zivile Umfeld ungewohnt direkt und klar. Dazu zähle auch, eigene Fehler ohne Ausreden zuzugeben.

Damm räumt gleichzeitig ein, dass diese Eigenschaften in der freien Wirtschaft nicht immer als Stärken zählen. So könne der Blick über den Tellerrand als Einmischen, die ruhige Reaktion bei Problemen als mangelndes Verständnis und die klare Kommunikation als unangemessen verstanden werden.

Zeitsoldaten bringen, je nach Verwendung und Dauer im Militär, eine ausgeprägte Entscheidungsfreude mit, sagt Johannes Weiß. Nach 14 Jahren bei der Bundeswehr fasste er vor wenigen Monaten als Cluster Manager in der Wirtschaft Fuß. Er ist der Meinung, dass die Mehrheit der Zeitsoldaten deutlich strukturierter und klarer in der Sache ist. Bei höheren Laufbahnen kommt noch die Führungserfahrung hinzu. Zusätzlich kann man als Soldat mit Auslandserfahrung im internationalen Umfeld punkten. Doch trotz der am Arbeitsmarkt gefragten Eigenschaften und frühzeitiger Auseinandersetzung mit dem Dienstzeitende lief für Weiß der Einstieg in die Wirtschaft nicht ganz einfach.

Bewerbung als Herausforderung

„Nach acht, zwölf oder mehr Jahren kommen Zeitsoldaten in ein oft fremdes Umfeld. Der Ton, die Arbeitsweise und das Klima insgesamt sind in vielen Unternehmen anders als beim Militär“, so Weiß. „Hinzu kommt, dass Soldaten – vor allem Offiziere – häufig nicht studien- oder ausbildungsnah eingesetzt sind, was die Stellensuche etwas erschwert. Die gewonnene Berufspraxis zählt in der Wirtschaft deutlich mehr als bei der Bundeswehr.“ Zudem stellt auch der Bewerbungsprozess eine Herausforderung dar. Wie man mit Anschreiben und Lebenslauf einen guten Eindruck hinterlässt, damit sind Soldaten oftmals sich selbst überlassen. „Das Herantasten an die richtige Lösung beziehungsweise per ‚trial and error‘ kann mitunter frustrierend sein und ist vor allem bei Zeitdruck unvorteilhaft“, findet Weiß. Ein professioneller Bewerbungsbegleiter hat ihm Tipps zur richtigen Stellensuche und für Vorstellungsgespräche gegeben. Darüber hinaus machte er über die Karriereplattform Dienstzeitende.de einen Bildungsträger ausfindig, bei dem er eine recht individuelle, zusätzliche Weiterbildung absolvieren konnte. „Danach lief es für mich deutlich besser,“ sagt Weiß rückblickend.