Gestern noch gefragt, heute freigestellt

Wenn der eigene Arbeitsplatz wegfällt, gehen damit Befürchtungen einher. Auf oberster Führungsebene kann ein Sesselwechsel auch Statusverlust bedeuten.
© gettyimages / Davut Akbulut

Wenn der eigene Arbeitsplatz wegfällt, gehen damit Befürchtungen einher. Auf oberster Führungsebene kann ein Sesselwechsel vor allem auch Statusverlust bedeuten.

Bislang haben mehr als eine halbe Million Menschen durch die Auswirkungen der Pandemie ihren Job verloren. Gleichzeitig schauen sich Managerinnen und Führungskräfte der oberen Führungsebenen derzeit vermehrt nach neuen Arbeitgebern um. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manchmal legt die Corona-Krise Defizite im Unternehmen offen, die Top-Führungskräfte nicht akzeptieren können oder wollen. Oftmals sind sie aber auch einfach betriebsbedingt gezwungen, auf Jobsuche zu gehen. Viele Unternehmen schließen aufgrund von Restrukturierungen, Sanierungen oder drohenden Insolvenzen ganze Abteilungen. Der Chefsessel kann dabei schnell zum Schleudersitz werden. Die Praxis zeigt immer wieder: Je höher die Position im Unternehmen ist, desto schwieriger gestaltet sich aktuell ein adäquater Arbeitgeberwechsel.

HRM Ausgabe Status 2021

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Spitzenpositionen in Konzernen sind rar, öffentliche Ausschreibungen selten – vor allem, wenn es sich um ein Jahresgehalt von mehreren Hunderttausend Euro handelt. Die Besetzung erfolgt häufig über persönliche Kontakte oder Netzwerke. Zwar ist die Konkurrenz geringer, aber es kann schon problematisch sein, überhaupt eine passende Vakanz zu finden. Wer sich möglicherweise nie beworben hat und bisher immer nur abgeworben wurde, ist dann umso entsetzter, wenn die eigene Person plötzlich nicht mehr gefragt ist. So suchen Top-Managerinnen und Top-Manager sowie erprobte Führungskräfte auch schon mal bis zu zwei Jahre nach einer neuen Aufgabe. Eine angemessene Position finden viele nur dann, wenn sie downsizen – also zum Beispiel bei Position und Gehalt Abstriche machen.

Auch top ausgebildete, durchsetzungsstarke und hervorragend vernetzte Führungskräfte kommen trotz guter Kontakte aktuell schwer in neue Positionen. Unternehmen agieren in Krisenzeiten risikoscheu. So setzen sie im Moment noch häufiger als sonst auf Personen innerhalb der eigenen Organisation. Gleichzeitig überlegen sich Top-Führungskräfte mehrmals, ob sie einen nicht dringend gebotenen Positionswechsel aktuell wirklich wagen sollen. Ein gewisses Maß an Planungssicherheit in Zeiten großer wirtschaftlicher Disruptionen ist auch bei Top-Jobs wichtig. Ein Wiedereinstieg auf oberster Managementebene ist besonders in Wirtschaftskrisen selten, die Suche nach einem adäquaten neuen Job ist äußerst schwierig. Dennoch besetzen Unternehmen auch in Zeiten der Pandemie Positionen im Top-Management.

Vor allem im gehobenen Management erfolgen Konzernwechsel in der Regel durch Kontakte mit Headhunterinnen, Recruitern oder ehemaligen Vorgesetzten, seltener durch herkömmliche Bewerbungsphasen. Mit einem unverhofften Jobverlust fallen diese wertvollen Kontakte jedoch bis auf Weiteres weg – vor allem solche, die positionsbedingt Teil des eigenen Netzwerks waren. Überspitzt gesagt finden sich viele Betroffene plötzlich in der für sie ungewohnten Rolle des Bittstellers, der Aspirantin wieder: gestern noch gefragte Führungskraft, heute freigestellt und auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Der mühsam aufgebaute Status mitsamt seinen Privilegien droht zu schwinden.

Statusängste

Wenn Spitzenchefs und Top-Managerinnen längere Zeit nach einer neuen Anstellung suchen, hat dies auch einen weiteren negativen Effekt. Von einem vollständig durchgetakteten Tag kommen sie auf einen Schlag in einen Zustand, in dem sie sehr viel freie Zeit haben. Das können viele anfangs nur schwer aushalten. Denn bisher hat der Job den Rhythmus bestimmt. Das hohe Stresslevel, die vielen Überstunden und die Bestätigung durch den Unternehmenserfolg – das alles fehlt plötzlich. Der Karriereknick kratzt zudem massiv am Selbstbild und Statusängste können die Folge sein. Nun ist das richtige Krisenmanagement wichtig. Selbst für ehemalige Top-Führungskräfte ist das eine schwierige Aufgabe. Viele haben im digitalen Zeitalter beispielsweise nur wenig Erfahrungen, wie man Karriere-­Netzwerke richtig nutzt – einfach weil sie diese noch nie wirklich brauchten.

Zahlreiche arbeitssuchende Top-Führungskräfte halten an der Illusion fest, ein Executive-Search-Unternehmen wird schon den nächsten Posten für sie im Angebot haben. Doch darauf können sie sich in Zeiten der Pandemie mit Lockdown und Wirtschaftseinbrüchen nicht verlassen. Denn Headhunter und Recruiterinnen sehen sich aktuell mit einer Flut von Jobsuchenden konfrontiert, die das Prinzip der Direktansprache quasi umdrehen. Viele Führungspositionen werden jedoch kaum noch an Führungskräfte vergeben, die eigenständig eine CEO-Bewerbung schreiben oder sich initiativ vorstellen. Wer sich auf Managementebene trotzdem auf eigene Initiative bei Unternehmen und Personalberatungen ins Gespräch bringen will, sollte präzise nach passenden Personen suchen, die sie ansprechen. Zielgerichtete Aufmerksamkeit lässt sich eben nicht durch unpersönliche Kontaktversuche und Massenmails erreichen. Mehr Kontakte führen nicht zu mehr Jobangeboten – im Gegenteil. Dieser Aktionismus kann negative Folgen für das eigene Image haben und stößt im Normalfall auch bei seriösen Headhunting-­Verantwortlichen auf wenig Gegenliebe.

Die Basis jeder Geschäftsbeziehung

Stattdessen gilt vielmehr: Ruhe bewahren und mit Augenmaß vorgehen. Die aktuelle Situation bietet nämlich die Möglichkeit, grundlegende Richtungsentscheidungen für sich selbst zu treffen. Nicht nur, was die künftige Tätigkeit angeht, sondern auch bezogen auf das individuelle Umfeld. Top-Führungskräfte, die gewollt oder ungewollt vor einem beruflichen Wechsel stehen, sollten sich grundlegende Fragen stellen: Kommt ein Branchenwechsel infrage? Soll es wieder ein Großkonzern sein? Möchte ich mich räumlich verändern? Was ist darüber hinaus verhandelbar? Habe ich für mich die wichtigsten Zukunftsfragen geklärt? Kann ich mein Netzwerk nach den wirklich stichhaltigen Kontakten abklopfen? Statt einer Kaltakquise sollten Jobsuchende ihr Netzwerk also sehr selektiv kontaktieren und gegebenenfalls erwägen, mit einem spezialisierten Headhunting-­Unternehmen zusammenzuarbeiten, das in der gesuchten Branche aktiv ist. Erfahrungsgemäß kommt eine längere und fundierte Partnerschaft, die für beide Seiten fruchtbar ist, nur dann zustande, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht. Damit Vertrauen wachsen kann, braucht es jedoch Zeit und bewiesene Verlässlichkeit.

Zweifelsohne sind Zeiten des Wandels auf den Märkten auch immer Zeiten der Veränderung von Unternehmen und den Menschen, die in ihnen arbeiten. Doch die Krise birgt speziell Chancen für diejenigen, die es in besonderem Maße gewohnt sind, auch mal gegen Widerstände für Erfolge zu kämpfen. Diese Resilienz ist schon jetzt ein entscheidender Faktor im Umgang mit der Krise und wird in der Post-­Corona-Zeit sicherlich zu einer der gefragtesten Kompetenzen. Für sturmerprobte Persönlichkeiten, die ihre Führungsqualitäten in der Vergangenheit bereits erfolgreich unter Beweis gestellt haben, sind das wahrlich keine schlechten Aussichten!