Frauen in MINT-Berufen: Die Quote steigt, aber zu langsam

Johanna Wanka, Aufsichtsratsvorsitzende der Femtec
Johanna Wanka © Femtec GmbH

Wie können Politik und Unternehmen mehr junge Frauen für MINT-Berufe begeistern? Ein Gespräch mit der ehemaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

Frau Prof. Wanka, Sie setzen sich mit Femtec für die Förderung von Frauen in MINT-Studiengängen und -berufen ein. Dass Frauen dort unterrepräsentiert sind, ist nichts Neues, auch Initiativen wie den Girls‘ Day gibt es schon seit Längerem. Zeigen sich hier bereits Erfolge?
Ja, eindeutig. Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, unter anderem von der Bunderegierung, den Landesregierungen, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften, lokalen Einrichtungen. Dann sind da noch große, übergreifende Initiativen wie das Nationale MINT-Forum oder „Komm, mach MINT“. Das hat auf jeden Fall einen Effekt; die Zahl der weiblichen Studierenden in den MINT-Fächern ist enorm gestiegen. Wir sind jetzt immerhin schon bei einem Frauenanteil von 30 Prozent – in den 70er-Jahren waren es nur um die 15 Prozent. In Mathematik und Chemie sind sogar schon 50 Prozent der Studierenden weiblich. In anderen Fächern, wie der Elektrotechnik, gibt es dagegen immer noch Ausreißer nach unten.

Der Frauenanteil in den MINT-Studiengängen steigt zwar viel zu langsam und ist noch nicht zufriedenstellend, aber er steigt. Schwieriger ist es bei den Ausbildungsberufen. Zum Beispiel sind Mädchen, die Automechanikerin werden, immer noch die absolute Ausnahme. Ich halte es deshalb für notwendig, dass die Initiativen noch mehr in Richtung Berufsausbildung aktiv werden.

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Wo sollte die Politik hier ansetzen?
Man muss die Mädchen, die kein Interesse an einem Studium haben, noch gezielter ansprechen, sie über mögliche Ausbildungsberufe aus dem MINT-Bereich informieren und dafür begeistern – vor allem natürlich in der Schule. Denn dort erreicht man alle und nicht nur diejenigen, die sich aus eigenen Stücken informieren wollen. Hier anzusetzen ist auf jeden Fall Aufgabe der Politik.

Noch wichtiger ist das, was in der Familie geschieht, aber darauf hat man von staatlicher Seite natürlich den geringsten Einfluss. Alle unsere Untersuchungen zeigen, dass für die Berufswahl junger Menschen die Arbeitsämter und Lehrenden zwar nicht unwichtig sind, den größten Einfluss haben aber Eltern, Großeltern und Freunde. Deshalb müssen wir auch die Familien dazu motivieren, dass sie den Mädchen die Möglichkeit solcher Berufe aufzeigen.

Welche Rolle spielen Unternehmen?
Wenn Unternehmen aktiv für junge Frauen werben, hat das eine deutliche Wirkung. Sie sollten klarmachen, welche Chancen man bei ihnen hat und wie gefragt junge Frauen bei ihnen sind. Die Unternehmen sollten dabei auch die Vorteile aufzeigen, die sie ihnen bieten können, und die Lebenssituation – wie zum Beispiel die Familienplanung – ihrer potenziellen Mitarbeiterinnen im Blick haben. Unternehmen werben ja bewusst für ihre Produkte, aber bei der Werbung um qualifizierte Arbeitskräfte ist noch Luft nach oben.

Sie haben bereits den Einfluss der Familie auf die Berufswahl angesprochen. Ist es für Mädchen aus bildungsfernen Familien noch schwieriger in bisher männlich dominierten Bereichen Fuß zu fassen?
Viele Studien, unter anderem von der Stiftung Arbeiterkind, zeigen, dass es für junge Frauen sehr schwierig ist, einen männlichen dominierten Beruf zu ergreifen oder zu studieren, wenn sie in der Familie kein Vorbild haben. Das kenne ich von mir selbst, auch ich war in meiner Familie die Erste, die studiert hat. Arbeiterfamilien wünschen ihren Kindern in der Regel einen sicheren Beruf mit gutem Einkommen und setzen dabei auf das, was sie kennen. Das sind dann oft die traditionellen Rollenbilder – also für Mädchen zum Beispiel Grundschullehrerin.

Gerade MINT-Berufe sind aber meist sicher und gut bezahlt.
Ja, das ist eines meiner Argumente für junge Frauen. Wenn sie ein selbstbestimmtes Leben wollen, sollten sie einen Beruf ergreifen, mit dem sie genug verdienen, um sich zum Beispiel auch Hilfe im Haushalt leisten zu können. Was man allerdings auch nicht vergessen darf: Eltern, die selbst kein Studium absolviert haben, sorgen sich mehr darum, ob ihr Kind ein solches überhaupt schafft und raten ihm deshalb auch seltener dazu, selbst wenn ein sicherer und gut bezahlter Job winkt. Eines der wichtigsten Ziele einer Stiftung wie Arbeiterkind ist es, junge Menschen in genau der Hinsicht zu ermutigen.

Jetzt in der Corona-Krise machen ja gerade in der Regel die Frauen beruflich Abstriche, um sich zu Hause um Kinder und Haushalt zu kümmern. Sie fallen damit teilweise wieder in traditionelle Rollenmodelle zurück. Liegt das auch an ihrer Ausbildung und Berufswahl?
Diese Retraditionalisierung durch die Corona-Krise, die bereits erste Untersuchungen belegt haben, finde ich erschreckend. Hier wird praktisch zurückgedreht, was wir an Gleichberechtigung sicher erreicht zu haben glaubten. Ich glaube nicht, dass das mit der Ausbildung und Berufswahl zusammenhängt, sondern mit der gesellschaftlichen Gesamtsituation. Wichtig ist jetzt vor allem: Wie verhindert man, dass daraus ein Dauerzustand wird?

Wie kann man das denn verhindern?
Man muss die Ursachen noch ausführlicher untersuchen und darüber reden. Einige Institutionen haben auch schon weitere Studien geplant. Die bisherigen Studien kommen noch aus dem Anfang der Corona-Zeit, als die Kitas geschlossen waren. Inzwischen hat sich vielleicht schon wieder einiges geändert. Dann muss man direkt an den Ursachen ansetzen, die sich aus den Untersuchungen ergeben. Ein Patentrezept gibt es aber nicht.

Ihre Prognose: Wie wird sich die Geschlechterverteilung im MINT-Bereich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickeln?
Frauen machen etwa die Hälfte der Gesellschaft aus – die gleiche Quote streben wir natürlich auch in MINT-Berufen an. Ich habe die Hoffnung, dass es weiter bergauf geht. Ich sehe aber auch, dass man für mehr Gleichberechtigung noch sehr viel mehr Arbeit als bisher in den unterschiedlichsten Bereichen leisten muss – vor allem von staatlicher Seite. Die Regierung muss Elternzeit für Väter attraktiver machen und dafür sorgen, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. Ich wünsche mir vor allem, dass man damit schneller vorankommt als bisher.

Zur Gesprächspartnerin:

Prof. Dr. Johanna Wanka ist Aufsichtsratsvorsitzende der Femtec. Sie war von 2013 bis 2017 Bundesministerin für Forschung und Bildung und setzt sich seit vielen Jahren für die Förderung von Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen ein, unter anderem mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Frauen in Karriere“. Wanka hat Mathematik an der Universität Leipzig studiert und war nach ihrer Promotion unter anderem als Rektorin an der Hochschule Merseburg tätig. Von 2010 bis 2013 war sie niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur und von 2000 bis 2009 Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg.

Über Femtec:

Femtec engagiert sich bereits seit knapp 20 Jahren durch gezielte Förderprogramme und ein starkes Netzwerk für junge weibliche MINT-Talente. Im Fokus steht das Career-Building Programm, das MINT-begeisterte Studentinnen im Rahmen eines studienbegleitenden Stipendiums gezielt auf die berufliche Praxis und zukünftige Führungsaufgaben vorbereitet. Seit 2018 vergibt Femtec jährlich den Femtec Award an Personen und Initiativen, die durch ihr Handeln Vorbild sind, andere motivieren oder einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Die diesjährige Nominierungsphase läuft noch bis zum 15. August.