Was das neue Familienbild für die Arbeitswelt bedeutet

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(c) gettyimages/Westend61
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Mutter, Vater, Kind: Dieses Gefüge ist heute längst nicht mehr selbstverständlich. Das klassische Familienbild hat ausgedient. Gleichgeschlechtliche Paare, Patchworkfamilien und Kinder mit mehr als zwei Eltern sind mittlerweile alltäglich. Ein Plädoyer für die Akzeptanz der Vielfalt. 

Der Junge, der zwei Mütter hat. So ist der siebenjährige Nicholas aus Melbourne in Australien in seiner Schule bekannt. Er ist ein Einzelfall, die Eltern der anderen Schüler sehen ihn als Sonderling. Ihre Meinung: Zwei Mütter können keine Eltern sein – und ohne Eltern habe Nicholas auch keine Familie. Auf Twitter veröffentlichte die Tante von Nicholas daraufhin einen offenen Brief, der ihrem Neffen Mut machen soll. Frei übersetzt heißt es dort: „Viele Menschen sind gemein zu dir, weil sie Angst haben und die Liebe deiner Mütter nicht verstehen.“

Auch in Deutschland gibt es viele gleichgeschlechtliche Paare; im Jahr 2015 waren es rund 94.000. In einer von zehn dieser Partnerschaften leben laut Statistischem Bundesamt auch Kinder. Dazu kommen viele andere alternative Familienformen wie Patchworkfamilien oder Kinder mit mehr als zwei Eltern, etwa wenn sich polyamourös lebende Menschen die Kindererziehung teilen.

Alltag voller Herausforderungen

Das Familienbild innerhalb der Gesellschaft wird bunter, so viel steht fest. Das bedeutet für Menschen, die in alternativen Modellen zusammenleben, erst einmal Erleichterung. Sie können sich offen individuell ausleben. Durch den gesellschaftlichen Diskurs sind alternative Familienmodelle im Bewusstsein vieler Menschen angekommen. Gerade in Bezug auf das Zusammenleben homosexueller Paare mit Kindern wird die Auseinandersetzung rege geführt.

Dennoch stehen alternative Familien im Alltag immer noch vor vielen Herausforderungen. Denn gemessen an der Gesamtzahl von über 20 Millionen Paaren in Deutschland bilden sie nur einen kleinen Teil der Gesellschaft ab. Im Jahr 2013 waren 70 Prozent aller Familien verheiratete Paare, zehn Prozent unverheiratete Paare, die als homo- oder heterosexuelle Lebensgemeinschaft zusammenleben, und 20 Prozent Alleinerziehende. In den kommenden Jahren dürften sich die Anteile verschieben: Denn seit dem 1. Oktober 2017 dürfen gleichgeschlechtliche Paare hierzulande heiraten – dann wird die Zahl verheirateter Paare weiter steigen. Bislang konnten sie nur in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft zusammenleben. Die Debatte um die sogenannte Homo-Ehe gibt auch der Diskussion, was eigentlich eine Familie ist, neuen Zündstoff.

Antiquiertes Rollenbild aus der Nachkriegszeit

Die klassische Sicht auf den Familienbegriff beruht auf einem mittlerweile antiquierten Rollenbild aus der Nachkriegszeit. Der Familienzyklus begann im sogenannten „Golden Age of Marriage“ mit der Heirat eines Paares. Sobald der Mann für die materielle Grundlage sorgen konnte, bekamen die beiden ein oder mehrere Kinder. Nach Ende der Schulzeit verließen die Kinder das Elternhaus und gründeten selbst eine Familie – ein neuer Familienzyklus begann.

Solche Lebensläufe gibt es heute zwar immer noch – sie werden aber seltener. Mittlerweile ist es sozial akzeptiert, sein Leben unverheiratet oder alleine, ohne Mann, Frau oder Kind bestreiten zu wollen. Paare müssen auch nicht zwingend zusammenwohnen oder Kinder bekommen. Entscheiden sie sich jedoch dafür, eine Familie zu gründen, setzt das keine Heirat voraus – im Nachkriegsdeutschland wäre das verpönt gewesen. Heute steigt die Zahl nicht ehelicher Geburten stetig.

Auch das Ideal vom gemeinsam Leben bis zum Tod bröckelt seit Jahrzehnten: Im Jahr 2015 standen rund 400.000 Eheschließungen rund 163.000 Scheidungen gegenüber. Diese Entwicklungen zeigen: Menschen können ihre Lebensentwürfe heute den eigenen Wünschen und Bedürfnissen anpassen, ohne dabei an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Einheitliches Familienverständnis

Das bestätigt der Familienreport 2014 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Familie ist für die Mehrheit der Menschen eine Lebensgemeinschaft, zu der Kinder gehören – unabhängig von der Lebensform der Eltern. Alle befragten 20- bis 39-Jährigen sehen heterosexuelle Ehepaare mit Kindern als Familie, für 97 Prozent gilt das auch für heterosexuelle unverheiratete Paare. Die Mehrheit sieht als Familie außerdem homosexuelle Paare mit eigenen Kindern (88 Prozent), Mütter, die mit einem neuen Partner unverheiratet zusammenleben (85 Prozent), und alleinerziehende Mütter (82 Prozent).

Dieses Verständnis von Familie deckt sich mit dem Begriff im Duden. Gemäß dieser Definition sind Kinder eine zwingende Komponente, damit eine Lebensgemeinschaft das Siegel „Familie“ tragen kann: „Eine Familie ist eine aus einem Elternpaar oder einem Elternteil und mindestens einem Kind bestehende Lebensgemeinschaft.“ In der Soziologie wird Familie anhand verschiedener Funktionen kategorisiert: Neben der materiellen Versorgungsfunktion gibt es laut Beatrice Hungerland, Professorin für Angewandte Kindheitswissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal, auch die sogenannte sozialisatorische Funktion. Das heißt: Eltern sind dafür zuständig, dass Kinder Normen und Werte lernen, in die Gesellschaft integriert werden und Verhaltensregeln mit auf ihren Weg bekommen. Dazu kommt die emotionale Funktion: „Familie ist ein Rückzugsort, an dem man ungestört ist und auch mal ungestraft meckern kann. Familie ist der Gegenpol zu Schule und Arbeitswelt“, sagt Hungerland.

Verändertes Verständnis

Fakt ist: Das Verständnis des Familienbegriffs ändert sich. Dennoch sind viele alternative Familien im Alltag mit Herausforderungen konfrontiert. Hungerland, die sich an der Hochschule auch um Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Familie und Studium kümmert, hat das bereits erlebt. Die Hochschule erlaubt Studenten mit Kindern, ein vorgeschriebenes Auslandspraktikum auch im Inland zu absolvieren. „Vor einigen Jahren stellte ein junger Mann einen Antrag, der in einer Patchworkfamilie mit einer Frau und ihrem Kind zusammenlebte“, erzählt Hungerland. Das Problem: Er versorgte das Kind zwar, war aber weder mit der Frau verheiratet, noch hatte er das Kind adoptiert. Der Student wurde zum Präzedenzfall: „Wir haben letztendlich entschieden, dass auch er ein Vater ist und somit gleiche Rechte wie die Mutter hat“, sagt Hungerland. Das Beispiel zeigt: Hochschulen, aber auch Unternehmen und viele andere Institutionen, müssen den Familienbegriff laufend neu definieren.

Wie groß die potenziellen Hindernisse für alternative Familien sind, hängt auch vom Wohn- und Arbeitsort ab. Denn je nach Bundesland unterscheiden sich die Vorstellungen von Familie. Mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung gehen die Familienstrukturen in beiden Teilen der Bundesrepublik weiterhin auseinander. Der Forschungsbericht „Wandel der Familie in Ost- und Westdeutschland“ des Max-Planck-Instituts aus dem Jahr 2013 zeigt: Die Westdeutschen haben ein eher traditionelles Verständnis von Familie. Die überwiegende Zahl der Paare heiratet, bevor sie das erste Kind bekommen. In den neuen Ländern ist der Zusammenhang von Eheschließung und Familiengründung dagegen weniger stark. 63 Prozent der heute 46- bis 48-jährigen Ostdeutschen waren unverheiratet, als sie das erste Kind bekamen.

Auswirkungen auf die Arbeitswelt

Die verschiedenen Familienverständnisse stellen auch die Arbeitswelt vor Herausforderungen. Umso entscheidender ist es für Unternehmen, Familienfreundlichkeit als Wettbewerbsfaktor zu nutzen – sowohl für leibliche als auch nichtleibliche Eltern. Eine besondere Rolle kommt den Vätern zu, die in Sachen Kindererziehung im Arbeitsumfeld meist hinter den Frauen zurücktreten. „Wichtig für familien- und väterfreundliche Maßnahmen sind nicht nur konkrete Programme, sondern vor allem der aktive Wandel zu einer väterfreundlichen Unternehmenskultur“, heißt es in der Trendstudie „Moderne Väter“ der Väter gGmbH. Die Unternehmensberatung hat sich auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf spezialisiert, vor allem auf Familienfreundlichkeit aus Vätersicht. Laut der Studie ist es drei Viertel der Befragten wichtig, Geld zu verdienen. Noch wichtiger (88 Prozent) ist ihnen aber, die Entwicklung ihrer Kinder aktiv zu begleiten. 91 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen auch Familienzeit unter der Woche wichtig sei.

Vor allem in der sogenannten „Rush-Hour“-Phase im Alter zwischen 25 und 40 Jahren sind familienfreundliche Arbeitsbedingungen entscheidend. Das zeigt die Online-Befragung „Generation Y-Check“ des Bundesfamilienministeriums: 97 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie zu einem guten Leben gehört, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dabei befürworten mehr als die Hälfte Teilzeitmodelle für beide Partner.

Auch Soziologin Hungerland plädiert für mehr Familienfreiheit in den Unternehmen – auch in Bezug auf alternative Lebensformen: „Ich erlebe es oft, dass gerade ältere Geschäftsführer ein klassisches Rollenverständnis haben. Das fängt damit an, dass es nicht genügend Teilzeitmodelle für Eltern gibt und dass es Männern schwer gemacht wird, Elternzeit zu nehmen. Wenn wir volkswirtschaftlich gesehen alle Potenziale ausschöpfen wollen, kommen die Betriebe nicht drum herum, auch Teilzeit und Elternzeit den Bedürfnissen moderner Familien anzupassen.“

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