Kreativ statt prozessbezogen – welche Skills heute zählen

22.01.2019  |  Frank Schabel
(c) gettyimages/LDProd
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Soziale Kompetenzen sind entscheidender als Hard Skills, sagt Frank Schabel von Hays. Wer über den Tellerrand schauen kann, hat in Zukunft gute Karten.

Eigentlich wäre es nur folgerichtig, wenn sich die harten Kompetenzen, gemeinhin auch Fachwissen genannt, auf dem absteigenden Ast befänden. Denn in unserer beschleunigten Arbeitswelt zerbröselt unser Fachwissen binnen Monaten. Viel wichtiger sollten deshalb unsere mentalen Kompetenzen sein, um in der VUCA-Welt (volatility‚ uncertainty, complexity, ambiguity) zu überleben, wie beispielsweise ein souveräner Umgang mit Unsicherheit und Komplexität. Aber da wir in Deutschland bekanntlich Wert auf Qualität und Ingenieurskunst legen, ist dem nicht so. Zumindest laut den empirischen Befunden unseres neuen HR-Reports, den wir am 21. Januar veröffentlicht haben. So sind die befragten Führungskräfte unentschieden, was bei der Auswahl neuer Fachkräfte letztendlich den Ausschlag geben sollte: Jeweils 50 Prozent sprechen sich für Hard Skills und Soft Skills aus.

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Gefragt: Generalisten statt Spezialisten

Jenseits dieser zugegeben etwas vereinfachten Dichotomie liefern unsere empirischen Befunde weitere Erkenntnisse. Eine lautet, dass Generalisten mit übergreifendem Wissen deutlich mehr gefragt sind als Themenspezialisten. Horizontal geht also vor vertikal, was in Anbetracht einer vernetzten Welt sinnvoll erscheint.

Und wer glaubt, es seien nur die jungen Absolventen gefragt, sieht sich ebenfalls getäuscht. Unsere Daten aus der Erhebung zeigen: Erfahrene Experten werden von der Mehrheit der Befragten vorgezogen. Der Jugendwahn scheint doch nicht so weit zu gehen, dass Erfahrung nichts mehr zählt. Vor allem die Befragten aus der Industrie setzen auf Routiniers, wenn sie neue Mitarbeiter suchen.

Kreative Köpfe haben die Nase vorn

Eine letzte Datenerkenntnis: Kreative Köpfe haben die Nase vorn und nicht umsetzungs- beziehungsweise prozessorientierte Menschen. Vor allem die Dienstleistungsbranche sucht erstere. Was unter Kreativität zu verstehen ist, dazu gibt es sicherlich viele Meinungen. Für mich geht es hier um Akteure, die über den Tellerrand hinausdenken, alte Pfade verlassen und neue beschreiten. Buchstabengetreue Umsetzer helfen bei dem, was in Sachen digitale Transformation ansteht, nicht wirklich weiter.

Die Mischung im Team bestimmt den Erfolg

Natürlich hat Empirie ihre Grenzen. Wir haben für die Studie bewusst Pole konstruiert, um den Befragten nicht eine bequeme Entscheidung für die Mitte ermöglichen. Sie mussten sich für einen entscheiden und hätten wahrscheinlich alle Kompetenzen – am liebsten in einer Person. Nur sind wir nicht so gestrickt. Wir haben bestimmte Kompetenzfelder, in denen wir stark sind genauso wie schwächere Seiten. Umso mehr kommt es auf die richtige Mischung für Unternehmen an. Teams sind dann stark, wenn sie über möglichst breitgestreute Fähigkeiten verfügen. Das beinhaltet den Nerd, den Fachidioten, den Visionär als auch den Umsetzer, Innovator oder Korinthenkacker. Je nach Projekt oder Aufgabe geht es um die passende Mischung aus Mitarbeitern mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Von Planbarkeit verabschieden, Vielfalt nutzen

Trotzdem breche ich eine Lanze für die persönlichen Kompetenzen. Um sich in unserer turbulenten und ambiguiden Arbeitswelt sicher zu bewegen, ist künftig mehr denn je gefragt, sich von Planbarkeit zu verabschieden, Vielfalt zu nutzen und zu experimentieren. Alles bei ungewissem Ausgang. Das alles verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion über die eigene Person als auch von Teams. Und um eine vortastende Herangehensweise statt Plan A von vorne bis hinten durchdeklinieren.

Noch eine kleine Randnotiz zum Schluss: Werden Führungskräfte ausgewählt, entscheiden (leider) immer noch eher die fachlichen als die sozialen beziehungsweise persönlichen Kompetenzen. Das ist in meinen Augen zwar ein Armutszeugnis, aber es reflektiert auf unseren Messbarkeitswahn. Fachwissen lässt sich nun mal besser bewerten als kommunikative Fähigkeiten.

Der HR Report:

Der jährlich erscheinende HR-Report analysiert zentrale HR-Fragestellungen in Organisationen. Er basiert auf einer Onlinebefragung, an der für den aktuellen Report 868 Mitarbeiter aus Organisationen im deutschsprachigen Raum teilnahmen. Befragt wurden Geschäftsführer (17 Prozent), HR-Führungskräfte (22 Prozent), Fachbereichsleiter (40 Prozent) sowie Mitarbeiter ohne Personalverantwortung (21 Prozent). Das diesjährige Schwerpunktthema lautet „Beschäftigungseffekte der Digitalisierung“. Detaillierte Ergebnisse finden sie hier.