Kreativ unter Beobachtung

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Julia Nimke, Foto: Julia Nimke
Julia Nimke, Foto: Julia Nimke

Für ihre Motive bereist die Fotografin Julia Nimke mit ihrem ausgebauten  Sprinter entlegene Gebiete, die manchmal selbst bewohnt menschenleer wirken. Um erfolgreich zu sein, müssen gerade selbstständig arbeitende Fotografen gut vernetzt sein und die sozialen Plattformen gekonnt bespielen. Im Gespräch mit Julia, die bis vor Kurzem auch für den Human Resources Manager gearbeitet hat, geht es um Nähe und Distanz und darum, was Social Collaboration für sie bedeutet. Welchen Stellenwert die vernetzte Zusammenarbeit in ihrem Leben eingenommen hat, zeigt sich im Anschluss an unser Gespräch: Julia Nimke schickt einen Screenshot ihrer Handy-Startseite. Ihr Display zeigt 73 Facebook-Meldungen, 21 Whatsapp-Nachrichten, eine SMS, eine Mail, zwei Twitter-Nachrichten, eine Pinterest-Meldung und eine Slack-Nachricht. „Nach einer Stunde nicht checken, sieht es in der Regel so aus“, schreibt sie.

Athen, 2016, Foto: Julia Nimke
Athen, 2016, Foto: Julia Nimke

Julia, du fährst in Gegenden, in denen kaum ein Mensch ist oder schon lange niemand mehr war. Diese verlassenen Orte werden seltener. Du spürst sie auf, fotografierst sie und postest das Ergebnis in sozialen Medien.

Allerdings gebe ich keine konkreten Koordinaten an. Dann hätte ich das Gefühl, die Natur zu benutzen. Ich möchte die Orte nicht zugänglich machen, damit jeder schnell hinkommen kann. Das Schöne am Reisen ist ja gerade, nicht exakt zu wissen, wie was wo aussieht. Ich kaufe mir nie Reiseführer. Wenn ich in eine mir unbekannte Stadt komme, erlaufe ich sie mir. Eine Atmosphäre lässt sich nicht über das Abhaken von Sehenswürdigkeiten erfahren.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich meine erste Kompaktkamera, eine Olympus µ, geschenkt bekommen. Da habe ich angefangen, alles um mich herum zu fotografieren. Freunde, Familie, Frankfurt an der Oder, wo ich herkomme. Viele Strukturen, Plattenbauten. Alles schwarz-weiß. Die Fotos habe ich selbst entwickelt. Gutes benötigt Zeit.

Du bist Teilnehmerin des Adobe-Creative -Residency-Programms, einem Förderprogramm für junge Künstler. Worum geht es da?

Das Ziel ist, dass man sich weiterentwickelt und die Community an dem kreativen Prozess teilhaben lässt.

Rumänien, Apuseni-Gebirge, 2016, Foto: Julia Nimke
Rumänien, Apuseni-Gebirge, 2016, Foto: Julia Nimke

Das bedeutet?

Dass ich viel Social Media nutzen werde und online präsent bin. Diese Sichtbarkeit ist Teil des Deals. Ich hoffe, dass die Erreichbarkeit durch die Umgebung, in der ich mich befinden werde, etwas eingeschränkt wird. Ich setze auf eine zeitweise Kappung des Kommunikationsflusses.

Lenkt dich das digitale Teilen ab?

Ich versuche, es als Tool zu betrachten, das ich nutzen muss. Aber es bringt mich aus der Situation raus, es zerstückelt meine Arbeit, nimmt mich aus dem Fluss. Wenn ich weiß, ich muss diesen Sonnenuntergang posten, kann mir das den Genuss am Moment nehmen. Da ist eine Störfrequenz.

Welche Kanäle bespielst du?

Instagram, Facebook, Behance, Slack, Twitter. Ich habe mich lange gegen diese Schnelllebigkeit gewehrt. Die Kommunikation im Social-Media-Bereich ist noch dazu extrem direkt. Mir fällt es immer noch schwer, einen Text zu meinen Bildern hinzuzufügen. Ich fühle mich dann sprachlos.

Sehnst du dich zurück in die Zeit ohne digitale Kommunikationsmittel?

Das war schon angenehm. Ich bin kürzlich stundenlang durch meinen Berliner Kiez spaziert, ohne Handy. Und habe mich frei gefühlt. Ich habe nur die Menschen angesehen, meinen Blick schweifen lassen. Ich habe mich gefragt: Warum entziehen wir uns bewusst einer Situation und zerstören sie, indem wir auf das Handy schauen?

Französische Alpen bei Chamonix-Mont-Blanc, 2015, Foto: Julia Nimke
Französische Alpen bei Chamonix-Mont-Blanc, 2015, Foto: Julia Nimke

Hast du eine Strategie, wie du mit der gewünschten Erreichbarkeit umgehen willst?

Ich möchte das, was ich sehe, nur zeitlich versetzt preisgeben.

Warum?

Ich zeige mich durch und in meiner Arbeit. Und anscheinend wirke ich sehr nahbar. So ein In-der-Öffentlichkeit-Stehen bringt andere Menschen dazu, die natürliche Distanz nicht mehr einzuhalten. Das zeitlich versetzte Informieren oder Posten verschafft mir etwas Raum.

Deine Fotos greifen das Thema Nähe und Distanz auf. Absicht?

Das siehst du als Thema in meinen Bildern? Abgefahren. In welchen Bereichen meiner Arbeit?

Deine Bilder haben häufig etwas Diffuses, nicht Greifbares. Und du stellst automatisch eine Distanz her: zwischen dir und dem fotografierten Objekt. Du setzt die Apparatur dazwischen.

Ich nehme mich selbst raus, aber nicht unbedingt absichtlich. Ich kann beim Fotografieren nicht so in der Situation sein, wie ich es ohne die Kamera sein könnte. Ich bin präsent, aber nicht wirklich im Moment. Ich habe mal gelesen: Ein Foto ist immer das Ticket für den verlorenen Moment, den man nicht wahrnehmen konnte.

Machst du diese Beobachtung auch bei dir?

Ich glaube, es gibt schönere Fotos in meinem Kopf. Sie entstehen in dem Moment, in dem ich nicht auf den Auslöser drücke. Manchmal wünschte ich, ich würde blinzeln und automatisch entsteht ein Foto, eine Art Gedankenbild.

Französische Alpen bei Harz, 2015, Foto: Julia Nimke
Französische Alpen bei Harz, 2015, Foto: Julia Nimke

Das könnte bald möglich sein. Der Unternehmer Elon Musk will Gehirn und Computer miteinander vernetzen, um Gedanken einzufangen, bevor sie geäußert werden. Irgendwann könnten auch innere Gedankenbilder sichtbar gemacht werden.

Vielleicht liegt die Magie aber gerade darin, das nicht zu können und die schönsten Bilder nur für sich selbst zu konservieren.

Wird die Distanz zum entstandenen Foto dadurch verstärkt, dass du es in sozialen Medien teilst?

(lange Pause) Ja. Allerdings ist das Teilen eine völlige Entblößung, wodurch wiederum eine Nähe entsteht. Ein Foto trägt viel Persönliches. Und wenn ich das teile, lasse ich eine Nähe zu. Ich erlaube dem Betrachter sich anzusehen, was ich empfunden habe. Die Öffentlichkeit kann auch ein Verstärker der Nähe zum Foto sein.

Was macht diese Nähe mit dir?

Das ist ein bisschen Striptease. Ich versuche, die Öffentlichkeit eher als anonyme Masse zu sehen. Am Anfang war es seltsam, meine Arbeit auf diese Weise mit anderen zu teilen. Mit der Zeit wächst man rein.

Hast du Angst, dass niemand auf einen Post reagieren könnte?

Nein, auch weil die Gefahr relativ gering ist. Aber vielleicht wäre es auch mal gut, sich wirklich in das Gefühl des Alleinseins zu begeben. Im Endeffekt sind wir alle allein.

Hat das Teilen etwas mit dem Gefühl der Selbstbezüglichkeit, des Werdens zur Marke zu tun?

Es könnte leicht passieren, dass ich zur Marke werde. Scheinbar bin gut zu vermarkten. Diese Wanderlust, das Draußenleben, bewusst und achtsam sein: Das ist gerade hip. Und auf den Zug springen viele auf.

Norwegen, Aurlandsdalen, 2015, Foto: Julia Nimke
Norwegen, Aurlandsdalen, 2015, Foto: Julia Nimke

Beim Thema Marke geht es um Sehnsüchte. Es geht darum, sie beim Betrachter erst hervorzurufen und dann aufrechtzuhalten. Hast du die Befürchtung, dass deine Authentizität mit dem Werden zur Marke verblassen könnte?

Ich könnte verlieren, was wirklich da ist. Vielleicht muss man das als Job sehen, diesen Prozess des Teilens. Und abkoppeln von sich selbst. Ich möchte nie ein Foto machen, weil ich denke, es könnte in der Community gut ankommen. Ich glaube, dass die Community erkennt, ob man ein Foto aus innerer Überzeugung postet oder weil man vermutet, es könnte gefallen.

Dann reden wir über Beliebigkeit.

Und die nutzt sich mit der Zeit ab. Es setzt ein Sättigungsprozess ein. Es geht nicht darum, das Foto zu machen, das alle sehen wollen.

Worum geht es dann?

Es geht ums Einfangen eines Gefühls, das im Anschluss auch beim Betrachter ausgelöst werden soll.

Deine Bilder sind sphärisch, beinahe ungreifbar. Was hast du gegen Klarheit?

Ich mag die Klarheit eines Digitalfotos nicht. Mir hat letztens jemand gesagt, dass das Typische an meinen Bildern dieser Grauschleier ist. Das ist tatsächlich so. Die digitale Klarheit ist mir zu kühl.

Julia, ich danke dir für das Gespräch.

Julia Nimke, Foto: Julia Nimke
Julia Nimke, Foto: Julia Nimke

Die 27-jährige Meisterfotografin Julia Nimke ist in Frankfurt (Oder) geboren und lebt seit knapp zehn Jahren in Berlin. Ihre Fotos wurden bereits im Zeit Magazin, Walden oder in der Emotion veröffentlicht. Nimke ist aktuell  Stipendiatin des Adobe-Creative-Residency-Programms.