Kreativität vor Fachkompetenz

Wer sein Berufsfeld oder die Branche wechseln möchte, stößt häufig auf Skepsis seitens der Unternehmen und Personalabteilungen. Dabei bringen Quereinsteiger vieles von dem mit, was Firmen heute brauchen.

Der Chef der Weltbank ist Arzt und medizinischer Anthropologe, kein Politiker oder Betriebswirt. Entscheidend für Jim Yong Kims Wechsel an die Spitze der Entwicklungshilfeorganisation vor gut einem Jahr war, dass er in US-Präsident Barack Obama einen prominenten Fürsprecher hatte. Solch ein Wechsel in einen eigentlich fachfremden Bereich kommt in der Politik häufig vor. Genau wie unter Top-Managern, die scheinbar mühelos zwischen den Branchen wechseln. Ein aktuelles Beispiel ist Christoph Franz, noch Chef der Lufthansa, der im nächsten Jahr zum Pharmakonzern Roche wechselt.

Was hier nahezu normal daherkommt, ist auf den Ebenen darunter immer noch selten. Eine breite Offenheit gegenüber Quereinsteigern fehlt. Das bestätigt auch Armin Betz. Er ist Vorstand bei der Personalberatung Personal total. „Der Kunde wünscht sich, den passgenauen Kandidaten zu bekommen“, sagt er. „Und wenn das Unternehmen die Wahl hat, wird es sich zu 99 Prozent immer für den in diesem Fachbereich erfahrenen Kandidaten entscheiden.“ Denn es sei eben immer mit einem Risiko verbunden, jemanden einzustellen, der sich erst einarbeiten muss, bevor er etwas zur Wertschöpfung beisteuern kann.

Leidensdruck noch zu gering

Aber können die Unternehmen heute, wo der Fachkräftemangel ein vorherrschendes Thema ist, überhaupt auf fachfremde Kandidaten verzichten? Peer Bieber, geschäftsführender Gesellschafter bei der Jobbörse TalentFrogs.de, die sich ausschließlich an Quereinsteiger richtet, sieht genau aus diesem Grund das Thema wichtiger werden: „Ein Unternehmen muss sich fragen, ob es die Stelle lieber monatelang unbesetzt lässt oder auf einen Kandidaten setzt, der vielleicht nur zu 70 Prozent geeignet ist, aber mit ein wenig Weiterbildung ebenso in der Lage ist, den Job auszuüben.“ Er habe aber, gibt er zu, auch manchmal das Gefühl, dass der Leidensdruck in Deutschland diesbezüglich noch nicht hoch genug sei.

Doch Quereinsteiger gibt es nicht erst, seitdem der Fachkräftemangel zur Bedrohung für manche Branchen geworden ist. Meistgenannter Einsatzort für sie ist nach wie vor der Vertrieb, ein Bereich, in dem es vor allem auf Kenntnisse in Verhandlungsführung und Verkaufsgeschick ankommt. „Das sind Fähigkeiten, die kann man mit keinem BWL-Studium der Welt lernen, das muss man im Blut haben“, meint Bieber. Grundsätzlich können Quereinsteiger aber in fast allen Bereichen eingesetzt werden. Ein gutes Betätigungsfeld für sie sind auch neue Branchen, in denen sich die Berufsfelder gerade erst entwickeln.

Beim Pay-TV-Sender Sky greift man gerne auf Mitarbeiter mit fachfremder Berufserfahrung zurück. „Gerade etwa in der Produktentwicklung leben wir von kreativen Menschen, denn da spielen neue und ungewöhnliche Ideen eine besonders große Rolle“, erklärt Personalchef Norbert Kireth. „Sky ist ein Unternehmen, das sich sehr schnell bewegt und seinen Kunden immer wieder neue Produkte und Services bietet. Dafür brauchen wir Kreativität, Innovation und frische Impulse.“ Genau das sieht er bei Quereinsteigern häufig als gegeben an. Es gibt bei Sky aber auch Bereiche, in denen man Wert legt auf eine „klassische Ausbildung“, wie Kireth sagt. Hier nennt er die Querschnittsbereiche wie Kommunikation, IT, Finanzen oder Personal.

Das Beispiel Sky zeigt, dass es sehr von der jeweiligen Firma abhängt, in welchen Bereichen man Quereinsteiger einsetzt. Worauf es jedoch immer ankommt, ist, ihnen mit Offenheit zu begegnen.

Hierfür ist ebenso die amerikanische Autovermietung Enterprise Rent-a-Car ein Beispiel. Dort startet jeder neue Mitarbeiter seine Tätigkeit mit dem Management-Trainee-Programm. Egal ob er Berufseinsteiger ist oder nicht. Damit soll die Grundlage für eine unternehmensinterne Karriere gelegt werden, denn vakante Positionen besetzt man ausschließlich intern. In nur einem Jahr lernten die Teilnehmer des Programms das Geschäft von Grund auf kennen, sagt Sandra Kauffmann, die Corporate HR Managerin beim Unternehmen ist.

Natürlich spricht man damit in der Regel Management-Studenten an, doch Enterprise zeigt sich offen für Menschen mit verschiedenen Hintergründen. „Für uns als Dienstleistungsunternehmen sind nicht unbedingt die Abschlüsse, sondern ist mehr die Persönlichkeit der Kandidaten entscheidend“, sagt die Personalerin. Und durch das Traineeship bekommen diese dann die nötige Weiterbildung, die sie für eine Tätigkeit bei Enterprise brauchen. Enterprise stellt bewusst die besonderen Qualitäten von Quereinsteigern in den Vordergrund ihrer Anforderungen. Man will dort die Vielfalt, legt Wert auf die Unterschiede im Wissen, in den Ansichten und in den Fertigkeiten der Mitarbeiter.

Mut und Neugier sind gefragt

Was sie aber auf jeden Fall mitbringen müssten, das sei ein unternehmerisches Denken, kaufmännisches Geschick und Kundenorientierung, betont Kauffmann. Letzteres spielt bei Sky ebenfalls eine große Rolle, außerdem will man, dass die Mitarbeiter Bestehendes permanent hinterfragen. „Mut und Neugier sollen sie mitbringen. Sie sollen in anderen, neuen Dimensionen denken. Da hilft es, wenn sie zuvor auch einmal über den Tellerrand geschaut haben“, erklärt Personalchef Kireth.

Trotz der positiven Erfahrungen, von denen Unternehmen wie Enterprise Rent-a-Car und Sky berichten, bleiben viele Firmen vorsichtig. Peer Bieber versucht, ihnen diese Skepsis zu nehmen. Er möchte vermitteln, dass es darauf ankommt, die Kernelemente einer Tätigkeit und die wichtigsten dafür benötigten Fähigkeiten zu identifizieren. „Man muss sich auf die Hauptaufgaben des Tagesgeschäfts konzentrieren, nicht auf die ‚Nice-to-haves‘.“ Doch Personaler sind oft vorsichtig. Um Fehlbesetzungen zu vermeiden, schrecken sie davor zurück, Quereinsteiger einzustellen.

Bieber sieht die Ursache für die Zurückhaltung der Unternehmen aber nicht nur bei den Personalern. Die seien schließlich selbst oft nicht auf direktem Wege im HR-Bereich gelandet, meint er. Seiner Erfahrung nach seien es eher die Fachkräfte, die Quereinsteigern gegenüber nicht so offen seien. Für Armin Betz gibt es noch einen anderen Grund dafür, warum Unternehmen ungern Quereinsteiger einstellen: „Die Unternehmen sind in den letzten Jahren extrem kostengetrieben und versuchen daher, den Personalstand so niedrig wie möglich zu halten. Und wenn dann die Personalnot so groß ist, dass man unbedingt jemanden braucht, dann muss es auch derjenige mit dem größtmöglichen Spezialisierungsgrad sein.“

Dennoch, es tut sich was – wenn auch langsam. Und auf sehr niedrigem Niveau. Wie eine Studie von Personal total aus dem letzten Jahr zeigte, schrieben damals zwar nur 2,6 Prozent der Unternehmen, die Stellenausschreibungen auf Online-Stellenbörsen geschaltet hatten, explizit Jobs für Quereinsteiger aus. Immerhin gab es aber im ersten Quartal 2012 eine Steigerung um 33 Prozent im Vergleich zum letzten Quartal des Jahres davor.

Andere Länder sind da schon weiter, besonders im angelsächsischen Raum. In Großbritannien beispielsweise wechselten zwischen 1994 und 2008 knapp elf Prozent der Beschäftigten das Berufsbild, in Deutschland waren es nur 3,4 Prozent. Warum das so ist, dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Vor allem die typisch deutsche Betonung der fachlichen Karriere gegenüber dem Fokus auf General-Management-Kompetenzen in anderen Ländern wird da herangezogen. Durch das duale Ausbildungssystem hierzulande, aber auch durch die zum Teil sehr spezialisierten Studiengänge fokussiert man sich stärker auf einen einzigen Beruf. In der angelsächsischen Tradition werde man hingegen breiter ausgebildet, „Learning-on-the-Job“ sei dort gang und gäbe, meint Peer Bieber.

Fokus auf Titel und Abschlüsse

Auch Sandra Kauffmann sieht in der Tradition Deutschlands als Industrienation eine mögliche Ursache für die geringere Zahl der Quereinsteiger: „Da hat man vor allem Wert auf gut ausgebildete Fachkräfte gelegt und daher den Fokus in der Personalauswahl auf diese spezifischen Kenntnisse gesetzt.“ Durch die Entwicklung des Dienstleistungsgedanken rückten aber auch andere Kompetenzen mehr und mehr in den Vordergrund, meint sie. Trotzdem: Titel und Abschlüsse zählen bei uns immer noch mehr als in anderen Ländern.

Als Möglichkeit, hier Veränderungen einzuleiten, sieht Norbert Kireth die Hochschulreformen der vergangenen Jahre. Nach dem Bachelor könnten sich die Leute nochmal neu oder breiter aufstellen, sie könnten verschiedene berufliche Erfahrungen sammeln oder einen Master machen, der einen ganz neuen Bereich in den Blick nehme. „Diese Flexibilität führt auch zu einer Veränderung am Arbeitsmarkt“, meint er.

Zudem hat das Wissen, was man durch ein Studium oder eine Ausbildung erlangt, eine immer kürzere Halbwertszeit. „Kompetenzen, die man sich irgendwann mal angeeignet hat, sind keine Garantie für die Qualität künftiger Arbeit“, sagt auch Kauffmann. Das „Wollen“ sollte also eigentlich schon heute mindestens genauso viel zählen wie das reine „Können“, wenn es darum geht, wer in die engere Auswahl einer Stelle gezogen wird. Und motiviert sind die Quereinsteiger allemal. Sie wissen, dass sie sich nochmal aufs Neue beweisen müssen. Außerdem motiviert sie die Aussicht, dass ihre Stärken und Talente wertgeschätzt werden, auch wenn diese vordergründig nicht zum Jobprofil passen. „Das steigert am Ende auch die Produktivität und die Mitarbeiterbindung“, meint Peer Bieber und appelliert an die Unternehmen, sich dieses Potenzial nicht entgehen zu lassen.

Quereinsteiger haben viel zum Unternehmenserfolg beizutragen. Eine größere Offenheit ihnen gegenüber seitens der Fach- und Personalabteilungen lohnt sich. Gefragt ist also nur ein klein wenig mehr Mut.