Läuft von alleine

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Eltern, die ihre Kinder allein erziehen, sind in der Arbeitswelt immer noch benachteiligt. Dabei besitzen sie oft hohe Kompetenzen, wenn es beispielsweise um Disziplin und Selbstmanagement geht. Die Arbeitgeber müssten nur ein bisschen flexibler sein.

Der Partner geht, der Druck steigt. Gil Koebberling war 39, als sie ihre heute 14-jährige Tochter bekam und sich sechs Wochen später ihr Mann davonmachte. Von Anfang an, so berichtet sie, bedeutete das Einschnitte. Für ihre Tochter, weil der Vater, ein doppeltes Einkommen und Zeit fehlten. Für die Arbeit, weil ebenso Zeit, Flexibilität und damit auch die Möglichkeit zum Netzwerken abgingen. Und so erlebte Koebberling das, was viele Alleinerziehende erleben müssen. „Nämlich ein permanent schlechtes Gewissen gegenüber dem Kind und ein Ausblenden der eigenen Bedürfnisse.“ Dieses neumodische „Mal-Zeit-für-sich-haben-wollen-Ding“, Alleinerziehende verschwenden daran wenig Gedanken – die Zeit ist knapp.

Fragt man Gil Koebberling, wie viele Jobs sie seit der Geburt ihres Kindes so hatte, muss sie passen. Zu viele jedenfalls, als dass sie Lust hätte, jetzt nochmal nachzuzählen. Wirtschaftlich am härtesten war dabei die Zeit unmittelbar nach der Geburt. Koebberling blieb bei ihrem Kind, Elterngeld gab es noch nicht. „Das war wirtschaftlich unheimlich hart“, erinnert sie sich, „sämtliche Reserven“ habe sie damals aufgebraucht, und das ist getrost im doppelten Wortsinne zu verstehen. Nach zweieinhalb Jahren ergab sich die Chance, eine Gastwirtschaft in Hannover zu managen. Koebberling griff zu, zog mit der Tochter ins Hotel. Morgens Check-In mit den Gästen, halb zehn das Kind wecken, um dann den Rest des Tages Beruf und Familie ganz praktisch zu vereinbaren. Mehr Flexibilität kann sich ein Arbeitgeber eigentlich nicht wünschen.

Schwierige Jobsuche

Eigentlich. Doch mit der Wahrnehmung alleinerziehender Arbeitnehmer, und ja, wir reden hier meist über Mütter, hat das nicht viel zu tun. Denn Unternehmen verbinden mit Alleinerziehenden sehr oft etwas ganz anderes. Nämlich Eltern, die garantiert und nicht nur eventuell ausfallen, sobald das Kind krank wird. Für die die Kita-Schließzeiten keine Einschränkung sind, sondern eine absolute Deadline. Die bei Besprechungen am späten Nachmittag ausfallen, auf längeren Dienstreisen sowieso. Kurz: Alleinerziehende sind halbe Elternpaare mit doppelten Elternproblemen. „Die Mehrzahl der Alleinerziehenden schätzt es weiterhin als schwierig ein“, sagt ein Sprecher des Bundessozialministeriums mit Verweis auf den Familienreport 2014, „eine geeignete Stelle zu finden“. Das liege vor allem daran, „dass sich die diversen Familienaufgaben, auch wenn die Kinder schon im Schulalter sind, nicht mit den beruflichen Anforderungen vereinbaren“ ließen.

Vielfältige Konstellationen

Gil Koebberling hat einen Großteil ihres Berufslebens selbständig gearbeitet, und nach ihrer Erfahrung sind Alleinerziehende „mit Bewerbungen immer näher am Papierkorb als die anderen“. Zu Bewerbungsgesprächen sei sie kaum eingeladen worden, und wenn doch, sei ihr dann indirekt oder sehr direkt gesagt worden, dass sich der Job wohl kaum mit ihrem Privatleben vertrage. „Wir erwarten mehr von unseren Mitarbeitern“, habe sie dann gehört. Und auch, als sie das Hotel übernehmen wollte, das sie viele Jahre alleine managte, machte die Bank nicht mit. Die potenziellen Kreditgeber konnten sich nicht vorstellen, dass das mit Kind klappen könnte. Auch wenn Koebberling vorher genau das Gegenteil bewiesen hatte.

Leisten können sich Gesellschaft und Unternehmen diese Einstellung gegenüber Alleinerziehenden eigentlich nicht mehr. Denn sie sind nun mal keine Randerscheinung: 2014 gab es in Deutschland laut Ministerium mehr als 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, darunter 180.000 Väter. 78 Prozent von ihnen verfügten über einen mittleren oder hohen Bildungsabschluss. Und 61 Prozent der alleinerziehenden Mütter gaben im Familienreport an, „ganz sicher eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen“, damit strebten sie das häufiger an als Mütter aus Paarbeziehungen. Dazu passt, dass Alleinerziehende im Schnitt fünf Stunden mehr pro Woche arbeiteten als Mütter mit Partner.

Alexander Böhne ist verantwortlich für den Bereich betriebliche Personalpolitik bei der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber (BDA). Wissenschaftlich beschäftigte er sich lange mit dem demografischen Wandel in der Arbeitswelt. Dass dieser inzwischen in nahezu allen Unternehmen eine Rolle spiele, davon ist Böhne überzeugt. Familienkonstellationen würden vielfältiger, ebenso der Anspruch der Arbeitnehmer, flexibel arbeiten zu können. „Und besonders bei alleinerziehenden Beschäftigten ist diese Flexibilität natürlich wichtig, weil dort kein anderes Elternteil einspringen kann“, sagt Böhne.

Wichtig seien daher vor allem bessere gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen. Vor allem bessere Kita- und Ganztagsschulnetze mit längeren Betreuungszeiten und besseren Betreuungsschlüsseln. Die Wirtschaft sei da schon weiter, meint Böhne. „Wenn ein Unternehmen einen Mitarbeiter halten will, ermöglicht es das auch.“ Das Merkmal alleinerziehend ist seiner Beobachtung nach absolut nachrangig. Spezielle Programme für Alleinerziehende seien aber eher die Ausnahme, da alle Maßnahmen zur Flexibilisierung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch diesen Eltern zugutekämen.

Auch bei Bosch ist die Einbindung Alleinerziehender kein explizites Ziel, sondern Teil einer Gesamtstrategie, macht Heidi Stock deutlich. Sie ist im Unternehmen verantwortlich für Mitarbeiterentwicklung und Chancengleichheit. „Ob mit oder ohne Familienpflichten – für jeden ist eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wichtig“, sagt sie. Eltern von erkrankten Kindern werde bei Bosch zum Beispiel ermöglicht, „zu Hause zu bleiben und von dort an Meetings teilzunehmen“. Zudem gebe es Kinderbetreuungsangebote und Zusammenarbeiten mit Kommunen. Diese Angebote würden von den alleinerziehenden Mitarbeitern gerne angenommen. Stock ist überzeugt, dass dies auch dem Unternehmen Bosch  nützt. „Zufriedenheit fördert die Motivation, zudem schaffen flexible Arbeitsmodelle auch Freiräume für Kreativität und Ideen.“

Sozialer Abstieg am Anfang

Dass sich für Unternehmen das Engagement für Alleinerziehende lohnt, steht für Runa Rosenstiel außer Frage. Zwei Kinder hat die 50-Jährige, mehrere Auslandsaufenthalte, mehrere Ausbildungen, ein Studium der Psychologie – und derzeit studiert sie an der Fernuni Hagen Politik- und Verwaltungswissenschaften. Rosenstiel ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Verbands der alleinerziehenden Mütter und Väter (VAMV). Beide Kinder zog sie alleine groß, und wie fast alle Alleinerziehenden, sagt sie, wollte sie unbedingt arbeiten. „Die Trennung bedeutet für Alleinerziehende immer erst einmal einen finanziellen und sozialen Abstieg, das will man kompensieren, den Kindern soll es dann erst recht an nichts fehlen.“

Rosenstiel ist überzeugt, dass ihr ältester Sohn lieber Fußball gespielt hätte, sie schickte ihn aber zum Fechten und Reiten, „um auch mir selbst zu zeigen, dass wir auf nichts verzichten müssen“. Fähigkeiten, die Alleinerziehende sich fast zwangsläufig aneigneten, seien auch für die Arbeitgeber interessant, ist Rosenstiel überzeugt. Eltern, die alleine ihre Kinder großzögen, seien nicht nur multitaskingfähig und stressresistent, „sondern auch sehr fokussiert, einfach, weil sie es gewohnt sind, Sachen durchzuziehen“. Selbst wenn sie häufiger ausfielen, weil ein Kind krank sei, würden sie sich bei eigener Krankheit seltener krank schreiben lassen – also auch dann mal zuhause nacharbeiten, wenn das Kind im Bett liegt. Das schlechte Gewissen lässt grüßen.

Trotzdem, konstatiert Rosenstiel, sei die Botschaft bei deutschen Unternehmen bis heute kaum angekommen. Sie selbst leitet seit neun Jahren die Stellenvermittlung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Norddeutschland, und sie schätzt die Sicherheit eines Arbeitsplatzes mit Tarif, Kündigungsschutz, Weiterbildungsmöglichkeiten und Gleitzeit. „Ich rate allen Alleinerziehenden, sich möglichst im öffentlichen Dienst eine Stelle zu suchen“, sagt sie. „Auch wenn es sicher gute Arbeitgeber in der Privatwirtschaft gibt – ein Rest an Unsicherheit bleibt leider immer.“ Als vor fünf Jahren ihr ältester Sohn schwer erkrankte und sie längere Zeit ausfiel, sei sie sehr froh gewesen, auf einer sicheren Arbeitsstelle zu sitzen „und dort auch viel Rückhalt zu bekommen“.

Die Hannoveranerin Koebberling ist inzwischen seit drei Jahren hauptamtliche Geschäftsführerin des gemeinnützigen Bürgervereins „Freundeskreis Hannover“, der sich für kulturelle Vielfalt und den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft in der niedersächsischen Hauptstadt einsetzt. Eine vielfältige Aufgabe, denn Koebberling ist neben einer Aushilfe und einer FSJ-lerin die einzige Angestellte des Vereins. Ihr über die Jahre erworbenes Organisations- und Improvisationstalent komme ihr jetzt zugute, sagt sie. „Nicht alles ist machbar, aber viel mehr als man denkt.“ Sollte ihr Verein irgendwann zusätzliches Personal suchen, würde sie gerne eine Alleinerziehende einstellen. „Das bietet einfach zu viele Chancen, die man als Arbeitgeber auch nutzen sollte“, ist sie überzeugt.