Wie aus Schwächen Stärken werden

Ob eine Charaktereigenschaft eine Stärke oder Schwäche ist, kommt auf den Kontext an – und wir können lernen, von vermeintlichen Schwächen zu profitieren.
© gettyimages / Marco Montalti

Ob eine Charaktereigenschaft eine Stärke oder Schwäche ist, kommt auf den Kontext an – und wir können lernen, von vermeintlichen Schwächen zu profitieren.

Im Berufsleben gibt es oft Momente, in denen man Verhaltensweisen an sich wahrnehmen kann, die man eigentlich nicht gutheißt: Unkonzentriertheit und Ablenkung, mangelnde Organisation, Unstrukturiertheit, Ungeduld, Unsicherheit. Es liegt jedoch im Auge des Betrachters und an der jeweiligen Situation, ob die eigene Stärke gerade eine Schwäche ist oder womöglich die unliebsame Schwäche sich als Stärke erweist. Der Umgang mit unseren Schwächen verstellt uns meist den Blick darauf, dass sie je nach Einsatz, unsere Stärke sein können. Anstatt sie zu verstecken und zu verdrängen, ist es ratsam, sich mit ihnen zu beschäftigen und einen bewussten Umgang mit ihnen zu pflegen. Diverse Methode helfen uns, ihnen auf die Schliche zu kommen und sie zu wertschätzen.

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Können Schwächen Stärken sein? Sie können. Unsere Schwächen sind meist überspitzte Stärken, die je nach Situation positiv oder negativ gewertet werden. Zur Verdeutlichung: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Kollegen, der sehr ruhig und schüchtern wirkt, wenig erzählt, schon gar nicht unterhaltsam ist und wenig zu einem lebendigen Miteinander beiträgt. Im Büroalltag mag dies langweilig sein und ihn als übertrieben vorsichtig bis hin zu inkompetent erscheinen lassen. Als Berater, Jurist und auch als Arzt kann seine Art ideal sein, weil er es versteht, den Kunden, Klienten und Patienten seine Verschwiegenheit zu vermitteln und ihnen durchdacht und besonnen erscheint. Er gewinnt über seine Art Vertrauen und spiegelt Kompetenz.

Die Kehrseite der Medaille

Blicken wir nun auf den „Perfektionismus“. Wir verstehen darunter, dass eine Person gewissenhaft, präzise arbeitet und nichts dem Zufall überlässt. Die Person ist damit eine äußert zuverlässige Mitarbeitende. Sie wird dafür geschätzt – auf bestimmten Positionen. Die Kehrseite der Medaille: Die Person benötigt viel Zeit, um ihren Perfektionismus gerecht zu werden, gerät schnell unter Druck, Deadlines einzuhalten. Unmut schlägt ihr entgegen, weil sie meist auf den letzten Drücker liefet und dann noch womöglich die eigene Arbeit mit den Worten kommentiert, dass sie nicht perfekt sei. In Tätigkeiten wie Buchhaltung, Controlling und Programmierung ist diese Fähigkeit nicht hoch genug zu schätzen, in anderen kann sie zum Verhängnis werden. Zur Schwäche wird Perfektion also erst, wenn es sich um Aufgaben handelt, bei denen dieses Verhalten den Erfolg eher verhindert als fördert. Oder wenn jeder Arbeitsschritt aus Angst, einen Fehler zu begehen, so oft kontrolliert wird, dass die meiste Arbeit liegen bleibt. So verhält es sich bei fast allen „Schwächen“: Sie sind übertrieben ausgeprägte Stärken. Aus einer hohen Eigeninitiative kann schnell eine mangelnde Teamfähigkeit werden. Und eine sehr große Vorsicht kann zu mangelnder Entschlusskraft führen.

Schaden für die Karriere: Gefahr und Umgang

Wir bemerken zwar unsere vermeintlichen Schwächen, weil sie uns hier und da im Berufsleben behindern, jedoch kümmern wir uns nur selten um sie. Wir nehmen sie als gegeben hin. Wenn wir uns unseren Schwächen nähern, dann geschieht dies meist nur zu Beginn des Berufslebens, auf Nachfrage im Bewerbungsgespräch, wenn sie beim Jobwechsel relevant werden oder in einem Mitarbeitergespräch. Dass wir eher auf unsere Stärken schauen, ist zwar verständlich, denn es stärkt unser Selbstbewusstsein. Es birgt jedoch die Gefahr, unsere Karriere zu behindern oder ihr gar zu schaden.

Wenn man sich jedoch die Mühe macht und die Zeit nimmt, sich selbst besser kennenzulernen und genauer auf die eigenen Schwächen zu achten, kann aus diesen Erkenntnissen ein großes Selbstbewusstsein entstehen. Schwächen müssen nicht versteckt werden, sondern können bewusst eingesetzt und zu Stärken umgewandelt werden.

Zudem entstehen viele unserer vermeintlichen Schwächen aus einem falschen Rollenverständnis. So plagen manche Vorgesetzte Selbstzweifel. Sie stehen mit der Auffassung unter Druck, eine Führungskraft müsse stets wie ein Fels in der Brandung stehen, dürfe nie Unsicherheit zeigen und müsse allen Mitarbeitenden fachlich das Wasser reichen oder gar einen Schritt voraus sein – ein Irrglaube! Denn viele Mitarbeitende identifizieren sich gerade mit Vorgesetzten, die sich menschlich und nahbar zeigen, um ihre eigenen Defizite wissen und jedes Teammitglied entsprechend der Stärken so einsetzen, dass das gemeinsame Tun zum Erfolg führt.

Ihren Schwächen auf die Schliche kommen

Es gibt verschiedene Methoden, um sich den eigenen Schwächen und Stärken zu nähern. Angefangen von der SWOT- über die Persönlichkeits- und Ressourcenanalyse bis hin zur Selbstreflexion.

Gehen Sie wie folgt vor:

  • Die eigene Liste der vermeintlichen Schwächen erstellen
  • Die Auswirkungen/Nachteile dieser Schwächen erkennen und niederschreiben
  • Den Spieß umdrehen und Situationen aufschreiben, in denen Ihre Schwächen nützlich sind
  • Erkenntnis gewinnen, wann die Schwächen zu Stärken werden

Im Detail bedeutet das:

Nehmen Sie sich selbst ins Visier, beobachten und notieren Sie Ihre Verhaltensweisen, die Sie eigentlich nicht gutheißen. Die oben genannten fünf Schwächen tauchen sehr häufig auf:

  • Unkonzentriertheit und Ablenkung
  • mangelnde Organisation
  • Unstrukturiertheit
  • Ungeduld
  • Unsicherheit

Vervollständigen Sie Ihre persönliche Liste, in dem Sie sich aufmerksam über mehrere Tage beobachten und Ihre Eigenschaften notieren. Überlegen Sie dann, wozu diese vermeintlichen Schwächen führen, zum Beispiel:

  • kosten Sie Zeit und Energie
  • verbauen Erfolgs- und Aufstiegschancen
  • bereiten Ihnen Stress
  • behindern – Sie stehen sich selbst im Weg

Dies sind die Nachteile Ihrer Eigenschaften. Nun drehen Sie den Spieß um und betrachten die gleichen Eigenschaften unter einem positiven Licht, zum Beispiel wozu ist Ihre Ungeduld gut?

  • Sie treiben Projekte voran
  • Sie sind hartnäckig und bleiben dran
  • Sie sind energetisch und dynamisch
  • Sie treiben Ihre Teammitglieder an

Verfahren Sie mit allen anderen Ihrer vermeintlichen Schwächen ebenso.

Stärken wertschätzen

Führungskräfte erachten das, was ihre Mitarbeitenden gut können oder tun, oft als selbstverständlich und verlieren daher keine großen Worte darüber. Sie haben ja schließlich Dank ihrer Kompetenzen den Job bekommen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die Verhaltensweisen, bei denen die Mitarbeitenden ihren Vorstellungen nicht entsprechen – selbst, wenn diese für den Arbeitserfolg eine geringe Relevanz haben. Die Betrachtung ändert sich meist erst dann, wenn der oder die Mitarbeitende das Unternehmen verlässt und eine anderer die Position übernimmt. Erst dann werden die Schwächen relativiert und die positiven Seiten benannt. Was vorher selbstverständlich war, gewinnt an Wert und Anerkennung.

Im Mitarbeitergespräch wird die positive Bilanz meist schnell abgehakt, um dann den Fokus auf die Unzulänglichkeiten und Fehler der Mitarbeitenden zu richten. Aus einem wegweisenden Entwicklungsgespräch wird schnell ein Kritikgespräch. Das löst Unbehagen und Abwehr bei Mitarbeitenden aus. Deshalb sollten Führungskräfte die Stärken in den Fokus nehmen und im Mitarbeitergespräch folgende Fragen erörtern:

  • Was hat dazu geführt, dass der oder die Mitarbeitende die übertragene Aufgabe gut erledigt hat?
  • Welche besonderen Fähigkeiten zeigte er oder sie dabei?
  • Wie sollte sein oder ihr Arbeitsfeld künftig aussehen, damit er oder sie diese Fähigkeiten noch besser einsetzen kann?

Mitarbeitende bringen nur Spitzenleistungen, wenn sie ihre Zeit und Energie auf die Aufgaben und Lösungen konzentrieren können, bei denen sie ihre ausgeprägten Fähigkeiten zum Einsatz bringen können. Verwenden sie ihre Energie hingegen vor allem darauf, mit ihren Unzulänglichkeiten zurecht zu kommen, verharren sie in der Mittelmäßigkeit.

Schwächen entkräften

Was können Mitarbeitende tun, wenn zu erwarten ist, dass in ihrem Personalgespräch überwiegend ihre Schwächen zur Sprache kommen?

  • Bereiten Sie sich auf das Mitarbeitergespräch und die möglichen Kritikpunkte gut vor und betrachten Sie sie selbstkritisch.
  • Hören Sie aufmerksam und in Ruhe zu.
  • Erläutern und begründen Sie Ihre Vorgehensweise mit vernünftigen und schlüssigen Argumenten.
  • Bleiben Sie bei den Fakten und halten Sie sich kurz. Monologisieren ermüdet und ist nicht förderlich.
  • Bleiben Sie ruhig, sachlich und bei einem freundlichen Ton.
  • Formulieren Sie positiv, lösungs- und zukunftsorientiert, nicht verteidigend.
  • Seien Sie sich darüber bewusst, dass Sie gerade in diesem Vorgehen Stärke und Selbstsicherheit zeigen.
  • Falls notwendig, wenden Sie das Gespräch am Ende zu einer positiven Vereinbarung hin.

Fazit: Von vermeintlichen Schwächen profitieren lernen

Der Blick auf die eigenen Schwächen eröffnet neue Perspektiven. Diese sind nur scheinbar negativ. Sie sind ebenso nützlich und wichtig wie die Stärken, es kommt nur darauf an, in welchem Kontext sie sichtbar werden. Dieser Zusammenhang ist vielen Menschen nicht bewusst. Viele fokussieren sich vermehrt auf ihre Schwächen und verlieren dabei ihre Stärken aus dem Blick. Daraus entsteht Unsicherheit, was wiederum hinderlich für die Karriere ist.

Um den Fokus von den Schwächen umzulenken auf die Stärken, ist ein neutraler Gesprächspartner hilfreich. Er oder sie öffnet die Augen für die offensichtlichen Stärken und für die, die sich hinter den „Schwächen“ verbergen. Dann wird oft klar, dass man auch von vielen vermeintlichen Schwächen profitieren kann, sofern diese bewusst, zur richtigen Zeit und in den richtigen Situationen eingesetzt werden. Freuen Sie sich also über Ihre Schwächen, denn es sind auch Ihre Stärken.