Leidenschaftlich transparent

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Foto: Thinkstock / Wavebreakmedia
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Social Collaboration steht für vernetzte  Zusammenarbeit. Das Schlagwort der Stunde ist verbunden mit allerlei Versprechen: gesteigerte Effizienz, bessere Unternehmenskultur, größerer Wissenstransfer. Doch welche gesellschaftliche  Bedeutung hat die „smarte“ Zusammenarbeit?  Ist sie am Ende Steigbügelhalter für eine smarte Diktatur?

Leidenschaft, Partizipation, Transparenz. Was wie ein gängiger zeitgenössischer Leitspruch eines hippen Unternehmens klingt, ist in Wirklichkeit das Diktat einer Dystopie: In Dave Eggers zeitgeistigem Roman „The Circle“ werden die Mitarbeiter des gleichnamigen Unternehmens auf diesen Dreiklang eingeschworen.

Wendige Köpfe könnten nun fragen: Wo ist das Problem? Eine Sache leidenschaftlich anzugehen? Sie aktiv und vernetzt im Sinne der Social Collaboration mitgestalten zu können? Und dabei alle Beteiligten und ihre Ergebnisse sichtbar zu machen?

Gleichwohl mit dem Wortungetüm Social Collaboration, das in erster Linie für vernetzte Zusammenarbeit steht, Heilsversprechen wie gesteigerte Effizienz, Innovationskraft und optimierte Informationsflüsse einhergehen, scheint indes die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung auf der Strecke zu bleiben. Im Stakkato werden hastig die Segnungen der smarten Zusammenarbeit beschworen. Ob es nun um das Smart Phone, das Smart Home oder um das smarte Büro geht.

Social Collaboration ist eine begriffliche Kombination, die übersetzt einfach nur soziale Zusammenarbeit bedeuten könnte. Allerdings ist Zusammenarbeit per se sozial, sonst wäre es einfach nur Arbeit. Es handelt sich strenggenommen also um einen Pleonasmus. Und wer ein historisches Gedächtnis hat, der darf über den Begriff nicht nachdenken. Denn niemand wäre im deutschen Sprachraum nach 1945 darauf gekommen, das Stichwort Kollaboration in den Raum zu werfen oder es gar für eine positiv konnotierte Bezeichnung des Arbeitsprozesses anzuwenden. Entsprechend unangenehm scheint die Verwendung der deutschen Übersetzung des Begriffs, weswegen man sich gern mit dem Terminus „vernetzte Zusammenarbeit“ behilft. Aber gut: Social steht mittlerweile nicht mehr allein für sozial, sondern vielmehr für smarte, also netzwerkartig-digital verknüpfte Sozialität. Smart ist das Schlagwort unserer Gegenwart. Smart ist, was vernetzt ist. Smart ist, was digital ist. Smart ist aber auch, was uns entgleiten könnte.

Wanna Cry?

Das Problem liegt darin, diese neuen smarten Arbeitsweisen unreflektiert anzuwenden und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen, eventuellen Gefahren und Fallstricke zu negieren. Zum anderen könnten die Maßlosigkeit und das blinde Vertrauen, mit dem digitalen Technologien hier und da begegnet wird, zu einem Kontrollverlust unbekannten Ausmaßes führen.

Einen Vorgeschmack auf die Folgen der allumfassenden Vernetzung und ihrer Angreifbarkeit ließen sich kürzlich beobachten: Über 300.000 Rechner wurden weltweit von der Schadsoftware mit dem einigermaßen höhnischen Namen „WannaCry“ infiziert. Am Frankfurter Hauptbahnhof mussten Bahnmitarbeiter mit Kreide und Tafel die Reisenden über die Abfahrtszeiten und Gleisnummern informieren. In britischen Krankenhäusern mussten Operationen vertagt und Patienten weggeschickt werden. Die bislang größte Cyberattacke hat unsere vernetzte Welt lahmgelegt. Sie unkontrollierbar gemacht.

Was bedeutet das für unsere vernetzte technikgestützte Zusammenarbeit? Nun, zum einen können wir gar nicht mehr nicht auf diese Weise miteinander arbeiten. Virtuelle Teams, räumlich und zeitlich voneinander getrennt, bedürfen der digitalen Kommunikationswege. Ohne Frage. Auch ermöglicht Social Collaboration mobiles Arbeiten, den Austausch von Dokumenten und Neuigkeiten und den auch informellen Wissenstransfer. Ideen können in Mindmapping-Tools entworfen werden, Diskussionen über Instant Messenger, Video- und Audio-Conferencing-Dienste geführt und der Projektfortschritt jederzeit über Projektmanagement-Tools überwacht werden. Physische Präsenz wird durch die virtuelle abgelöst, Kosten können eingespart werden.
Aber nicht nur die Verletzlichkeit des vernetzten, digitalen Systems ist ein Problem. Der Kontrollverlust durch Cyberangriffe ist das eine. Die individuelle Kontrolle könnte indes auch Mitarbeitern entgleiten, die in einer allumfassend vernetzten Arbeitsumgebung arbeiten. Martin Klaffke, Professor für Betriebswirtschaftslehre, rät in seinem Buch „Arbeitsplatz der Zukunft“ Unternehmen dazu, sämtliche Funktionen wie Wikis, Blogs, Wissens- und Austauschplattformen in einem Portal zu integrieren. Sicher: Reibungsverluste durch verschiedenartig operierende Systeme könnten damit eingedämmt werden.

Allerdings könnte so ein absolutes System Unternehmen, wenn sie es darauf anlegen, dazu befähigen, stärker Kontrolle über Angestellte auszuüben. Dave Eggers Roman „The Circle“ denkt die Mechanismen eines solchen umfassenden Systems konsequent und erbarmungslos weiter: Die Protagonistin Mae Holland findet sich nach ein paar gestrauchelten Job-Versuchen in der Arbeitswelt des IT-Unternehmens Circle wieder. Die Firma ist ein fiktives Konglomerat real bestehender „sozialer“ Plattformen wie Youtube, Twitter und Facebook. Hier heißt das Ganze TruYou und umfasst darüber hinaus die weltgrößte Suchmaschine, ist E-Mail-Anbieter und hält über 90 Prozent am SMS-Markt. TruYou fasst sämtliche Profile, Konten, Zahlungssysteme und Identitäten eines Nutzers zusammen. „Schluss mit mehrfachen Identitäten. Ein einziger Button für den Rest deines Onlinelebens“, heißt es im Circle.

Schuld und Sühne

Eine solche Vision ist keine Zukunftsmusik mehr. China plant bereits die Einführung eines Ratingsystems für alle Bürger basierend auf dem sozialen und öffentlichen Verhalten, aber eben auch auf den Internet-Aktivitäten. Unter dem Namen „Sozialkreditsystem“ wird das Verhalten eines Menschen sozial und politisch gemessen und bewertet.

Regierungskritische Kommentare sind natürlich nicht besonders förderlich für den individuellen Punktestand. Das Punktesystem belohnt „gute“ Bürger mit vergünstigten Krediten oder kostenlosem Zugang zu Bibliotheken. „Bösen“ Bürger hingegen wird das Leben einfach ein bisschen schwerer gemacht: ob bei der Wohnungssuche, bei der Kreditvergabe oder beim Einholen einer Reiseerlaubnis. Die chinesische Regierung sieht in dem System, das bis 2020 landesweit eingesetzt werden soll, die Möglichkeit, Bürger und Unternehmen zum Einhalten von Regeln und Gesetzen zu zwingen. Was dabei gut und böse ist, liegt selbstredend im Ermessen der Regierung.

Woher kommt uns diese Logik bekannt vor? „Sei nicht böse“ ist auch der Slogan von Google, wobei es vor zwei Jahren in sein euphemistisches Pendant „Tu das Richtige“ umgekehrt wurde. Man will ja nicht mit etwas Negativem in Verbindung gebracht werden. Aber was hat diese Dialektik des vermeintlichen Idealismus mit Personalarbeit zu tun? Eine ganze Menge.

Schließlich dient das Silicon Valley, Hort vernetzter Zusammenarbeit, vielen Personalern, Managern und Geschäftsführern als unerschütterliches Vorbild – gerade beim Thema Social Collaboration. Daran können offensichtlich auch nicht die Stimmen jener, die die Unternehmenskultur im kalifornischen Mekka der Digitalisierung heftig kritisieren, etwas ändern. Chauvinismus und Frauenfeindlichkeit? Hat ja nichts mit der Digitalisierung zu tun. Aushöhlung der Arbeitnehmerrechte? Wir nennen es Agilität und ungebremste Effizienz. Ein bisschen E-Mail-Scanning? Dient doch nur dem Schutz der Firmen-Interna. In manchen Firmen ist bereits das Telefon direkt an den Computer angeschlossen, und damit hängt die verbale Kommunikation nahtlos am Computernetz. Auch Unterhaltungen in unternehmensinternen Chats könnten, schreibt der Autor Martin Klaffke leicht verklausuliert, „im E-Mailsystem des Mitarbeiters zur Revision“, also zur nachträglichen Überprüfung, gespeichert werden.

Begründen lässt sich der Hang zur Sammelleidenschaft passenderweise damit, dass Mitarbeiter schließlich keinem Informations-Overkill durch irrelevante Informationen erliegen sollen. Man könne, so Autor Klaffke, nicht von einer guten Information sprechen, wenn eine Suchmaschine Millionen Treffer ausspuckt.

Und genauso wenig hilfreich sei es, wenn Mitarbeiter pro Tag Hunderte Mails erhalten. „Auch Intranet- und Kollaborationslösungen, die vermeintlich zur Informationsverteilung beitragen, können schnell zu einem totalen Informations-Overflow beitragen“, heißt es bei Klaffke. Um dieser Informationsflut Einhalt zu gebieten, ließe sich, so der Autor, argumentieren, dass Informationen dann einfacher und passgenauer auf Angestellte zugeschnitten werden können. Und zwar dann, umso „genauer ein Anwender im System charakterisiert und damit profiliert ist“.

Da spielt die Tatsache, dass Angestellte auch ihre privaten mobilen Geräte zur Erledigung von Arbeitsaufgaben nutzen, der Informationsanreicherung zwecks genauer Profilierung in die Hände. Warum sollte ein Arbeitgeber auch kein Interesse am Nutzungsverhalten eines Angestellten haben? Schließlich kann so beispielsweise die Wechselbereitschaft der Mitarbeiter bereits algorithmisch berechnet werden. Große Datenmengen können nach Mustern und Auffälligkeiten untersucht werden, die dann mit Predictive Analysis Tools Vorhersagen über menschliches Verhalten erlauben.

Big Brother – Big Data

Dass es bei einigen Unternehmen einen grundlegenden Wunsch nach der Vermessung von Mitarbeitern gibt und eine Sehnsucht besteht, die Handlungen der Angestellten vorherzusehen, ist unbestreitbar: So entdeckten Redakteure der britischen Tageszeitung The Telegraph an einem Montagmorgen zu Beginn dieses Jahres Plastikboxen, die an ihren Schreibtischen installiert worden waren.

Es handelte sich um Geräte einer Firma mit dem bedeutungsschwangeren Namen OccupEye. Sie sollten Wärmeentwicklung und Bewegungen der Angestellten aufzeichnen und hätten damit eine totale Überwachung über die Präsenz der Mitarbeiter ermöglicht. Trotz der euphemistischen Begründung, man habe nur „nachhaltige Umweltdaten“ sammeln wollen, war der Protest gewaltig und die Geräte mussten wieder entfernt werden.

Allein dass es Widerstand gab, ist nicht mehr selbstverständlich. Harald Welzer, Sozialpsychologe und entschiedener Kritiker der „smarten Diktatur“, attestiert unserer Gegenwart eine freiwillige Kapitulation vor der digitalen Überwachung. Er weist auf das sozialpsychologische Phänomen der Shifting Baselines hin. Demzufolge bemerken wir in einer sich ständig verändernden Umgebung den Wandel nicht mehr, sondern justieren unsere Wahrnehmung kongruent zum äußeren Wandel permanent nach. Bei der britischen Tageszeitung The Telegraph hat man also den „Fehler“ gemacht, den Wandel disruptiv vorzunehmen.

Entsprechend einschneidend wurde er wahrgenommen und abgelehnt. Das Gegenbeispiel: Stellen heute ganz selbstverständlich und freiwillig Millionen von Nutzern dem Unternehmen Google ihre privaten Daten zur Verfügung, gab es 1987 noch massive Proteste gegen eine Volkszählung, weil ein Missbrauch von Daten befürchtet wurde. Und was passiert eigentlich, wenn sich Mitarbeiter der Einführung bestimmter smarter Digitalisierungen entziehen? Wenn sie nicht online Messangerdienste nutzen wollen, sondern lieber zum Telefon greifen? Viele Unternehmen erliegen einem Trugschluss, wenn sie glauben, dass Social Media unternehmensintern funktionieren muss, weil die Mitarbeiter die Vernetzungstools privat ja auch nutzen. Eva Bittner, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Uni Hamburg, weist darauf hin, dass nur ein Prozent der Web-Nutzer die große Menge der Inhalte in den sozialen Netzwerken produziert. 90 Prozent seien passiv und nur Konsumenten der Inhalte. Die restlichen neun Prozent taggen oder kommentieren hier und da. Aber die große Masse der Inhalte werde nur von einem Bruchteil der Nutzer produziert. Übertragen auf Unternehmen bedeutet das: „Es handelt sich vielleicht um ein Prozent der Mitarbeiter, die aktiv unternehmensintern Inhalte beisteuern. Das ist nicht die Masse. Und wenn man noch Wert darauf legt, dass diejenigen, die diese Tools nutzen, Experten sein sollen, bleibt nur noch ein sehr kleiner Personenkreis übrig“, sagt Bittner.

Der Verdacht

Angenommen, Mitarbeiter werden vom Chef dazu angehalten, soziale Kollaborationswege zu nutzen, das Social Intranet zu befüllen und im Unternehmens-Wiki Inhalte zu teilen. Was, wenn sie sich dem jedoch entziehen? Sie könnten außen vor bleiben, ins unternehmerische Abseits geraten oder noch schlimmer: sich gerade durch ihre ablehnende Haltung verdächtig machen, als illoyale Mitarbeiter, als Gegner des Unternehmens. Eine psycho-soziale Denkweise, die sich das amerikanische Ministerium für innere Sicherheit nach dem Amoklauf in Denver 2012 zum Ausgangspunkt seiner Arbeit genommen hat: Weil der Täter nicht bei Facebook oder Twitter angemeldet war, beobachtet der Ausschuss seither jene Schüler und Studenten, die sozialen Medien fernbleiben.

Im Jahr 2013 erscheint Dave Eggers Roman „The Circle“. Der Autor brauchte sich bei der Recherche für seine Dystopie nur an der Realität bedienen: In dem fiktiven Circle-Unternehmen ist „alles miteinander verknüpft und rückverfolgbar und simpel“. Aber noch viel wichtiger: Wer nicht teilnimmt, macht sich automatisch verdächtig. Es herrscht der Imperativ einer Transparenz, die mit den Worten „sharing ist caring“ (Teilen ist Kümmern) begleitet wird.

Für jede Handlung, die die Romanfigur Mae in sozialen Medien ihres Unternehmens preisgibt, sammelt sie Punkte. Je mehr Punkte Mae anhäuft und damit im sozialen Ansehen der Firma aufsteigt, desto mehr will sie besitzen. Wie ein warmer Regen ergießt sich die Bestätigungsmaschinerie des Lobes über die Protagonistin. Es ist ein sich selbst antreibendes System: Jede unbeantwortete Mail wird zum Pfeil, dessen Spitze sich in den Narzissmus der Romanheldin bohrt und dort langsam sein Gift verbreitet. Die Punkte steigern ihr Gefühl, endlich dazuzugehören. Jede private Handlung, jedes Geheimnis wird zum Stigma. Alles wird Teil einer kollektiven Aufzeichnung. Der Zwang zur Transparenz wird zynisch begründet mit dem Willen zur Demokratie. Maes Optimismus und Anpassungsbereitschaft dienen sich dem Versprechen auf eine bessere Zukunft an. Und so wird aus ihrer Individualität kalte Konformität.

Das ist die Krux an der Berechenbarkeit: Sie erlaubt vielleicht Vorhersehbarkeit und Kontrolle, doch kann sie in Angepasstheit und Stumpfsinn münden. Somit erweist sich Berechenbarkeit und Kontrolle gerade für das, wonach Unternehmen zu Recht streben, als äußerst hinderlich: Kreativität und Innovation. Ein berechenbares System verhindert Freiheit und fängt mögliche Fehler und Zufälle ab, die ihrerseits aber Grundstock kreativer Prozesse sind. Und: Nicht jeder arbeitet gut bei permanenter Vernetzung. Manch einer ist auf die Stille und Abgeschiedenheit angewiesen, um auf neue Gedanken zu kommen. Kreativität, im Unternehmerdeutsch gern Innovationskraft genannt, lässt sich nicht immer geregelt herstellen. Vielleicht sogar in den seltensten Fällen.

Die Wirtschaftsinformatikerin Eva Bittner bezeichnet das Zusammenspiel aus Kontrolle und Kreativität als Balanceakt: „Die Philosophie dieser Tools basiert auf Offenheit, die es erlaubt, auch unkonventionelle Ideen zu diskutieren, ohne dass es eine Zensur gibt. Collaboration ist auf Transparenz angewiesen, andernfalls funktioniert sie nicht. Die vernetzte Zusammenarbeit scheitert dann daran, dass Unternehmen versuchen, das zu kontrollieren, was diskutiert und gepostet wird.“

Die Währung der Gegenwart

In der fiktiven Firma Circle, aus Eggers gleichnamigen Roman, ist die ständige Kommunikation zu einer allgemeinen Pflicht erhoben. Jede Intransparenz ist ein Vergehen und das Private gerät zum Diebstahl am allgemeinen Eigentum. In diesem Glaubenssatz des Circle wird der diktatorische Anspruch einer totalitären Ideologie entlarvt. Und sehen wir nicht in unserem Büroalltag hier und da Elemente einer in Ansätzen ähnlich gelagerten Sehn-Sucht nach Informationen? Selbst das für die Arbeitsaufgabe irrelevante, nicht geteilte Wissen kann so manch schwachem Geist Unbehagen bereiten. Gleich, ob eine Information sachlicher oder emotionaler Natur ist, gleich, ob sie verbrieft oder wieder nur ein Gerücht ist, gleich, ob sie direkten Einfluss auf die eigene Person hat oder nicht: Unwissen steigert die Nervosität in einer Wissensgesellschaft, die darauf angelegt ist, alles in Erfahrung zu bringen. Eine Gesellschaft, die es sogar für ihr natürliches Recht hält, alles über jeden zu wissen: Wo befindet sich wer mit wem und wann?

Personenrelevante Informationen sind die Währung unseres Zeitgeistes. Wissensanreicherung und Kontrolle gehen dabei eine unheilvolle Allianz ein. Je mehr Wissen aufgenommen wird, desto mehr Wissen soll auch in Erfahrung gebracht werden. Und je mehr gewusst wird, desto handlungsfähiger wähnt sich der Sammler. Doch gerät das Wähnen zum Wahn, die Sammelwut wird blind und die Kontrollsucht findet wie jede Sucht ein Ende: entweder im Entzug oder in der Zerstörung.

Jene, die andere kontrollieren, haben damit zuvor bei sich selbst begonnen. Kontrolleure waren vorher oft Kontrollierte. Sie verdrängen die Unberechenbarkeit der menschlichen Natur. Gleichwohl dekonstruiert sich ein solches System irgendwann selbst. Es beginnt mit innerer Unruhe, setzt sich fort in fieberhaftem Strategie-Gedankenspiel und schließlich fällt das überdrehte System in sich zusammen. Doch bis zu dem Punkt gibt es unschöne Kollateralschäden: Kollegen, die dem Druck nicht standhalten konnten, solche, die ihm nicht standhalten wollten und jene Mitläufer, die nun recht verloren wirken. Denn wahre Offenheit kann es nie ohne ihren Gegenspieler geben: das Geschlossene.