„Leute, kommt aus euren Silos raus!“

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Henner Knabenreich, Foto: Privat
Henner Knabenreich, Foto: Privat

Mitte Mai lädt Henner Knabenreich die HR-Community wieder zum Netzwerktreffen. Diesmal setzt er auf „Wetten gegen den Fachkräftemangel“. Wir haben mit dem Blogger und Personalmarketingexperten über die Idee dahinter und Trends und Hypes im Personalmarketing gesprochen.

Grüß Dich, Henner. Zur vierten Auflage deines Events „personalmarketing2null + friends“ rufst Du zu Wetten gegen den Fachkräftemangel auf. Was muss ich mir darunter vorstellen?
Wie der Name schon vermuten lässt, geht es tatsächlich darum, dass Recruiter oder Personalmarketingverantwortliche eine Wette präsentieren, die zeigt, dass man mit entsprechenden Ideen durchaus seine Zielgruppe finden und schlicht begeistern kann. Ziel ist es, Live-Wetten zu zeigen. Beispielsweise läuft ja tatsächlich am 18. und 19. Mai parallel der Sourcing Summit auf der anderen Rheinseite und dort sollen Beispiele für erfolgreiches Sourcing gezeigt werden. Da ist auch schon eine erste Wette in Arbeit, aber noch nicht ausdefiniert. Es kann aber auch durchaus eine Spaßwette sein so ein bisschen in Anlehnung an eine damalige Wette bei Wetten dass, bei der jemand wettete, Buntstifte am Geschmack zu erkennen. So kann auch durchaus jemand sagen, er erkenne eine Stellenanzeige blind oder anhand von Ausdrücken in der Anzeige, um welche Position es geht. Wenn man jetzt gemein wäre, nimmt man dann als Begriffe die Social Skills, die ja meistens sehr austauschbar sind (lacht). Es kann aber auch sein, dass jemand wettet, er erkennt vier von fünf Recruiting-Videos innerhalb der ersten zwei Sekunden, wenn sie rückwärts abgespielt werden. Alles ist möglich!

Wie kamst Du auf die Idee, das so aufzuziehen?
Das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Ich glaube mich traf ein Geistesblitz, das nach der Personaler Late Night letztes Jahr einfach mal in Anlehnung an Wetten, dass..? zu machen. Ich hatte einfach Lust, wieder mit einem neuen Format zu experimentieren.

Worum geht es Dir dabei? Du hast doch sicherlich eine Erwartungshaltung an das Event.
In erster Linie möchte ich mit meinen Events ja Personaler zusammenbringen. Einfach zu sagen: Kommt zusammen Leute in ganz entspannter Atmosphäre, jenseits von Agenden! Redet miteinander! Tausch euch aus, knüpft Kontakte, sprecht über eure Erfahrungen! Sucht aber auch Kontakt zu entsprechenden Dienstleistern! Und ich will zeigen, dass man durchaus mit unkonventionellen Eventformaten und mit Humor auch fachlichen Input transportieren kann. Aber primär geht es wirklich darum zu sagen: Leute, kommt aus euren Silos raus!

Mit wie vielen Teilnehmern rechnest du? Wer sind die typischen + friends?
Tatsächlich haben sich da mittlerweile echte Freunde herauskristallisiert, die jedes Mal dabei sind. Auch die Teilnehmerzahl ist gestiegen. Allerdings ist der Heimathafen als Location einfach begrenzt, so dass etwas hundert Leute zusammenkommen können und man dabei noch Spaß hat, ohne sich halt zu sehr auf die Pelle zu rücken. Das Schöne am Heimathafen ist aber auch, dass er einen Außenbereich hat, den wir nutzen können. Bisher war uns das Wetter immer hold. Es kommen überwiegend Personalmarketing- und Recruiting-Verantwortliche aus unterschiedlichsten Unternehmen aus der ganzen Bundesrepublik und darüber hinaus – also gar nicht so sehr nur aus dem Gebiet Rhein-Main, was man vielleicht denken könnte.

Du wirst sicherlich auch viele frische und neue Impulse aus dem Personalmarketing mitnehmen. Was sind aus Deiner Sicht gerade die großen Themen?
Die großen Themen sind mit Sicherheit die Digitalisierung, Arbeiten 4.0, Werteveränderung und so weiter. Es ist natürlich wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber ich bin überzeugt, dass es auch wichtig ist, dass wir schauen, ob wir unsere Hausaufgaben noch richtig machen. Was sind so naheliegende Mittel und Wege, die wir nützen können, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen? Ich bin ein großer Fan von Außenwerbung. Bei diesem ganzen Hype um Social Media und Digitalisierung werden einfache klassische Mittel mit großer Wirkung einfach links liegen lassen. Ein ganz profanes Beispiel: Ich habe die Tage mit meinem Friseur gesprochen hatte, der gerade wieder auf der Suche nach Auszubildenden ist. Als ich ihm vorschlug, einfach einen Aushang im Schaufenster zu machen, sagte er: „Ja, nee. Das ist nicht schön, das gefällt mir nicht.“ Ich sagte: „Mach doch einfach mal!“. Jetzt habe ich ihn neulich wieder gesehen, und er sagte: „Das war eine super Idee. Ich habe jede Menge Anfragen bekommen. Es hat klasse funktioniert“. Ich meine, wie soll ein Bewerber wissen, dass ein Arbeitgeber Jobs anzubieten hat, wenn man es nicht entsprechend kommuniziert. Natürlich ist online wichtig, aber es ist auch wichtig, wenn man einen unmittelbaren Kontakt zu einem potenziellen Bewerber oder Multiplikator hat, dann auch die entsprechenden Möglichkeiten zu nutzen. Und davon gibt es viele.

Will man in der Community an vielen Stellen vielleicht einfach zu modern und innovativ sein, mehr als es sinnvoll wäre?
Ja, ich habe schon den Eindruck, dass man sehr bestrebt ist, wirklich auch den letzten Trends hinterherzuhecheln – Bewerberansprache via snapchat zum Beispiel. Aber man schaut nicht, was man nutzen kann, mit dem man vielleicht noch viel näher an der Zielgruppe dran ist. Ich bin ein ganz großer Freund von out of home. Also Medien von Außenwerbung, weil ich glaube, dass man da unglaublich viele Leute erreichen kann. Es geht ja gar nicht immer unmittelbar darum, sofort die Bewerber anzusprechen, sondern generell auch Reichweiten zu schaffen als Arbeitgeber. So ein kleiner Mittelständler, der einfach nicht wahrgenommen wird, wenn der mal eine Plakatkampagne oder eine Postkartenkampagne fährt, ist er auf jeden Fall schon mal im Fokus der Zielgruppe. Und das ist doch eigentlich das Spannende. Oder man setzt auf eine Kombination von modernen Recruiting-Methoden oder Personalmarketingmethoden mit „alten“ Varianten. Wenn ich zum Beispiel an die wunderbare Aktion vom Comspace zurückdenke, die mit SMS und Plakaten in Bielefeld auf die Suche nach Java-Entwicklern gegangen sind. Ja, in Bielefeld – nicht gerade die Hochburg von Java-Entwicklern und dann noch mit Plakaten und SMS. Aber es hat super funktioniert, weil es eben auch aufgefallen ist. Aber Ja, ich habe manchmal den Eindruck, vor lauter Hypes und lauter Trends, auf die man sich dann blind stürzt, bleiben die Hausaufgaben ungemacht.

Siehst Du denn da einen neuen Trend am Horizont aufblitzen? Wir müssen es ja nicht negativ konnotieren.
Das Thema Matching ist in aller Munde. Hier wird mit Sicherheit kein Weg daran vorbei führen, sich das mal genauer anzuschauen. Es müssen ja beide Seiten stimmen – die Qualität der Stellenanzeigen aber natürlich auch die Qualität der Bewerbungen. Eine zunehmende Rolle werden auch digitalisierte Mitarbeiterempfehlungsprogramme spielen. Mitarbeiterempfehlungen sind ja ohnehin das effizienteste Recruiting-Instrument. Das Ganze dann digitalisiert, so dass ich Jobangebote via Whatapp, Social Media oder was auch immer mit meinen Freunden und Bekannten teilen kann, wird noch einmal insbesondere spannend sein.

Was hältst du von automatisierter Kommunikation? Du hattest ja auch schon mal über Chatbots geschrieben und bislang kennt man ja noch nicht viel mehr als zwei, drei Beispiele.
Ich denke, dass man Chatbots sehr gut dazu nutzen kann, vielleicht eine Kommunikation einzuleiten, also Kontakt zum Bewerber aufzunehmen und sozusagen Standardfragen zu klären. Aber ein Chatbot wird nie den persönlichen Kontakt ersetzen. Dafür sind ihnen einfach auch zu viele Grenzen in der Kommunikation gesetzt. Wenn ich eine sehr spezielle Frage stelle oder bestimmte Formulierungen wähle, ist so ein solches Tool bisher zumindest überfordert. Und am Ende will ich doch wissen, mit wem ich es da eigentlich zu tun habe, mit wem ich da spreche. Und wenn sich am Ende herausstellt, dass es doch nur automatisiert war, ist das nicht wirklich zielführend.

Spannend finde ich die Überlegung, dass auch die Bewerberseite solche Systeme einsetzt und zum Beispiel die erste Kontaktanbahnung an die Maschine auslagert.
Ich weiß nicht so recht. (lacht) Ich bin halt ein Freund des direkten persönlichen Kontaktes und ich glaube, den werden Algorithmen niemals ersetzen. Sie können niemals die Qualität eines menschlichen Kontaktes erreichen. Die Chemie eines Menschen zu beurteilen, passt jemand zu mir, oder passt er nicht zu mir, kann einem keine Maschine abnehmen. Und letzten Endes geht es ja genau darum, dass der Job zum Menschen und der Mensch zum Unternehmen passt. Fachliche Qualifikationen und Kompetenzen kann man sich aneignen, aber eine Persönlichkeit habe ich, oder habe ich nicht – beziehungsweise eine Persönlichkeit die in ein Team und in ein Unternehmen passt. Das lässt sich schlecht analysieren.

Du spendest regelmäßig die Erlöse deines Netzwerktreffens. Weißt du schon für welche Organisation?
Die Erlöse werden auch dieses Jahr wieder an die Teestube hier in Wiesbaden gehen. Wenn ich spende, dann meist für etwas lokales, etwas heimatbezogenes. Es gibt hier in Wiesbaden so ein paar Vorzeige-Spendenprojekte wie zum Beispiel das Kinderhospiz Bärenherz. Das ist eine tolle Einrichtung, gar keine Frage. Aber bei jeder Veranstaltung gehen Spenden diesem Projekt zu. Die Teestube ist ein Projekt für Wohnungslose oder andere sozial ausgegrenzte Menschen und hat keinen so leichten Stand. Wiesbaden ist eine sehr wohlhabende Stadt. Es gibt hier sehr viele reiche Menschen. Es gibt aber auf der anderen Seite eine erschreckend hohe Kinderarmut und eben auch Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne Arbeit, ohne Sozialversicherung, die teilweise von der Gesellschaft als Abschaum bezeichnet werden. Ich zolle dieser Einrichtung und den Menschen, die diesen Job machen, den allerhöchsten Respekt, weil sie teilweise Projekte einstellen müssen, weil einfach das Geld nicht da ist. Diese Einrichtung wird komplett aus Spenden finanziert. Und wenn ich da einen Beitrag zu leisten kann, dann tue ich das gerne.

Dann wünsche ich dir natürlich viel Erfolg mit deinem Event und viele spannende Impulse.
Danke.


Henner Knabenreich berät Unternehmen in Sachen digitales Personalmarketing. Bekannter ist er aber sicherlich als Kopf hinter personalmarketing2null, einem der relevantesten deutschsprachigen HR-Blogs. Einmal im Jahr veranstaltet er zudem in Wiesbaden mit „personalmarketing2null + friends“ ein Netzwerktreffen für die HR-Community. Am 19. Mai geht es wieder los und dieses Mal lautet das Motto „Wetten gegen den Fachkräftemangel“.